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„Versehrte an Leib und Seele“

Von Literaturkritikern bereits hochgelobt und vermutlich bei Literaturpreisen bald weit vorn platziert: Norbert Scheuers (70) neuer Roman „Mutabor“ spielt in Kall und Überall sowie im mystischen Byzanz

Mechernich/Kall – Norbert Scheuers neuer Roman „Mutabor“ ist im Verlag C.H. Beck in München erschienen. Die Feuilletons im deutschsprachigen Raum überschlagen sich mit positiver Resonanz. Wolfgang Schneider sagte im SWR-Radio: „In seinem neuen Roman schreibt Norbert Scheuer seine bereits weit verzweigte Eifel-Saga fort. Es ist ein dunkles, poetisches Buch, voller Wahn und Gewalt, Liebesqual und Verhängnis.“

Der bescheidene Keldenicher Erfolgsautor zählt mittlerweile zu den anerkanntesten deutschsprachigen Schriftstellern. Die meisten seiner im Abstand von zwei Jahren erscheinenden jüngsten Romane fanden sich auf der Long- oder Shortlist des deutschen Buchpreises oder anderer literarischer Auszeichnungen. Mit sich steigernden Aussichten – vielleicht beschert „Mutabor“ seinem Verfasser diesmal den Volltreffer…

Mittlerweile einer der ganz Großen im deutschsprachigen Literaturbetrieb mit Wohnsitz in Keldenich am Mechernich-Kaller Bleiberg: der Schriftsteller Norbert Scheuer (70). Foto: Elvira Scheuer/pp/Agentur ProfiPress
Mittlerweile einer der ganz Großen im deutschsprachigen Literaturbetrieb mit Wohnsitz in Keldenich am Mechernich-Kaller Bleiberg: der Schriftsteller Norbert Scheuer (70). Foto: Elvira Scheuer/pp/Agentur ProfiPress

„Mutabor“ ist das Zauberwort aus Wilhelm Hauffs Kunstmärchen „Kalif Storch“ und bedeutet: „Ich werde verwandelt werden.“ Auch Scheuers gleichnamiger Roman ist ein Buch der Verwandlungen, „der Adolenszenzroman einer Außenseiterin“, so der Literaturkritiker Richard Kämmerlings: Nina, die Protagonistin, findet auf märchenhafte Weise zur Sprache und zu einem selbstbestimmten Leben.

Kämmerlings‘ „Die literarische Welt“ schreibt: „Was Realität und was Imagination ist, ist in diesem zarten und elegant gebauten Roman kaum voneinander zu unterscheiden.“ Die junge, elternlose Nina Plisson weiß nicht, was aus ihrer Mutter geworden ist und auch nicht, wer ihr Vater war. Wissen andere in ihrem Heimatort Kall mehr? Was wird ihr vorenthalten?

Nachdem das vereinsamte und widerspenstige Mädchen lange Zeit große Schwierigkeiten hatte, lesen und schreiben zu erlernen, wird sie sich, angeleitet von der pensionierten Lehrerin Sophia Molitor, grundlegend verändern.

Voller Märchen und Mythen

Sie beginnt, Erinnerungen aus ihrer frühen Kindheit aufzuschreiben, vom Liebhaber ihrer verschollenen Mutter, in der Gestalt eines schwarzen Storches, von der Reise mit Großvaters Opel Kapitän ins sagenhafte Byzanz, zum Palast der Störche, und später dann, von ihrer großen, zunächst vergeblichen Liebe zu Paul Arimond.

Für Nina verwandelt sich das Urftland mehr und mehr in einen Ort voller Märchen und Mythen, wie sie auf den Bierdeckeln von Evros, dem griechischen Gastwirt, stehen. Immer näher kommt sie einem Geheimnis, das ihr all die Jahre beharrlich verschwiegen wurde. „Einfühlsam und spannend erzählt Norbert Scheuer in seinem neuen Roman mit dem ihm eigenen poetischen Ton von der Suche einer einsamen jungen Frau nach ihrer Geschichte, nach Zugehörigkeit und Glück“, so der Verlag C.H. Beck.

„Mutabor“ ist das Zauberwort aus Wilhelm Hauffs Kunstmärchen „Kalif Storch“ und bedeutet: „Ich werde verwandelt werden.“ Auch Scheuers gleichnamiger Roman ist ein Buch der Verwandlungen, „der Adolenszenzroman einer Außenseiterin“, so der Literaturkritiker Richard Kämmerlings. Repo: Verlag C.H. Beck/pp/Agentur ProfiPress
„Mutabor“ ist das Zauberwort aus Wilhelm Hauffs Kunstmärchen „Kalif Storch“ und bedeutet: „Ich werde verwandelt werden.“ Auch Scheuers gleichnamiger Roman ist ein Buch der Verwandlungen, „der Adolenszenzroman einer Außenseiterin“, so der Literaturkritiker Richard Kämmerlings. Repo: Verlag C.H. Beck/pp/Agentur ProfiPress

Unter der Überschrift „Die Götter kommen nach Kall“ stellt der Kölner Kulturredakteur Martin Oehlen Scheuers „Mutabor“ als sein „Buch des Monats“ vor. Die Darsteller im Roman sind Scheuer-Lesern bekannt, man kann „Mutabor“ aber auch ohne „Vorkenntnisse“ lesen und verstehen.

Nina Plisson hatte schon in dem Roman „Am Grund des Universums“ (2017) eine erhebliche Rolle gespielt und Paul Arimond, nach dem sie sich verzehrt, war die Hauptperson in „Die Sprache der Vögel“ (2015). Martin Oehlen schreibt in der „Frankfurter Rundschau“ und im „Kölner Stadt-Anzeiger“: „Der Autor widmet sich immerzu dem einen großen Buch, das von Veröffentlichung zu Veröffentlichung fortgeschrieben wird. Motive und Biografien verdichten und verlieren sich über mittlerweile neun Romane hinweg.“

Im „Kosmos Kall“, der für „Überall“ stehen könnte, seien alle Personen „Versehrte an Leib und Seele“: „Gleichwohl gibt es Heldinnen und Helden des Alltags.“ Scheuers Geschichten, so der „Kölner Stadt-Anzeiger“, schwebten stets „irgendwo zwischen Traum und Alptraum“: „Daraus entsteht ein immerwährender Sog.“

„Opa hatte nur ein Ziel: Byzanz“

Und doch sind nicht nur die Cafeteria vor dem örtlichen Supermarkt in Bahnhofsnähe mit dem griechischen Lokal „Evros“ schräg vis-a-vis der Nabel von Norbert Scheuers Romanwelt: China, Afghanistan, der Wilde Westen und das antike Rom sowie diesmal ein magisches Byzanz sind Nebenschauplätze. „Norbert Scheuer treibt seine Figuren hinaus aus Kall“, so Wolfgang Schneider im SWR.

Manchmal, fast immer, ohne die Nebenschauplätze in der Ferne tatsächlich zu erreichen: „Opa hatte nur ein Ziel: Byzanz, das wir allerdings nie erreichten. Wir haben diesen Ort jedes Mal anscheinend nur knapp verfehlt. Wenn wir den Berg hinaufkrochen, war Opa ganz euphorisch und sich sicher, wir könnten von oben diese sagenhafte Stadt sehen, das Meer mit den Delfinen und die kreischenden Möwen am Himmel.“

Nach einer Lesung im Mechernicher Ratssaal anlässlich der Buchvorstellung der am Bleiberg angesiedelten Kindheitserinnerungen von Ex-Regierungssprecher Klaus Vater (r.). Norbert Scheuer (l.) mit den Autorenkollegen Ralf Kramp und Klaus Vater. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Nach einer Lesung im Mechernicher Ratssaal anlässlich der Buchvorstellung der am Bleiberg angesiedelten Kindheitserinnerungen von Ex-Regierungssprecher Klaus Vater (r.). Norbert Scheuer (l.) mit den Autorenkollegen Ralf Kramp und Klaus Vater. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Mag sein, dass Norbert Scheuers halbes Jahr als „Artist in Residence“ der Kunststiftung NRW 2019 in Istanbul Einfluss auf die Romanidee ausgeübt hat. Die reale Flutkatastrophe im vergangenen Jahr aber nicht, denn im Manuskript lässt der Autor einen Staudamm brechen, der das imaginäre Urftland unter Wasser setzt. Die Sache war literarisch bereits abgeschlossen, als die Realität am 14. Juli 2021 die Fiktion einholte…

Martin Oehlen schreibt zum Gesamtverlauf dieses und vorausgegangener Scheuer-Romane: „Mit seiner unendlichen Geschichte ist der Autor eine Art Wiedergänger jenes Gastwirts in den Romanen, der einst die Chronik des Urftlandes schreiben wollte. Einer aus der allgegenwärtigen Familie der Arimonds, der sich bei der Niederschrift »an den Geschichten der Thekengäste« orientieren wollte. Doch dann hat der Wirt das Manuskript in den Fluss geworfen.“

Das Fazit der Kritik von Wolfgang Schneiders Rezension im Südwestrundfunk lautet: „Mutabor ist eines von Scheuers eindringlichsten und schönsten Erzählwerken.“ Rezensent Patrick Bahners erzählt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung „fast mit Ehrfurcht aus Norbert Scheuers neuem Roman“, so das Kulturmagazin „Perlentaucher“.

„Handke mit Handlung“

Rezensent Jörg Magenau nennt den neuen Scheuer im Deutschlandfunk Kultur „ zauberhaft, zauberisch“… Gerrit Bartels urteilt im „Tagesspiegel“: „Norbert Scheuer hat mit »Mutabor« seinen schönsten und rätselhaftesten Roman geschrieben.“ Claude Conter sagte anlässlich der Verleihung des Stefan-Andres-Preises an Norbert Scheuer: „Er dreht immerzu am Fokussierrad, um dieses Schwebemoment von Schärfe und Unschärfe, von Erkennen und Deuten, von Gewissheit und Vermutung immer wieder neu einzustellen“. „Handke mit Handlung“ schrieb Volker Weidermann seinerzeit im „Spiegel“ über die Bücher des Keldenichers.

Norbert Scheuer, geboren 1951, lebt in der Eifel. Er erhielt zahlreiche Literaturpreise und veröffentlichte zuletzt die Romane „Die Sprache der Vögel“ (2015), der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, „Am Grund des Universums“ (2017) und „Winterbienen“ (2019), das auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, zum Bestseller sowie außerdem in viele Sprachen übersetzt wurde. Sein Roman „Überm Rauschen“ war 2010 das „Buch für die Stadt“ und die Region in Trägerschaft des „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Die Illustrationen im Buch stammen einmal mehr von Erasmus Scheuer, dem künstlerisch überaus begabten Sohn des Schriftstellers. Wie schon im Roman „Am Grund des Universums“ hat sich Norbert Scheuer mit Hilfe des befreundeten Mechernicher Kollegen Manfred Lang der rheinischen Sprache bedient.    

Norbert Scheuer: „Mutabor“, mit Illustrationen von Erasmus Scheuer, C. H. Beck, 192 Seiten, 22 Euro, E-Book 16,99 Euro, ISBN 978-3-406-78152-0

pp/Agentur ProfiPress