Mysterium um Jesus-Kreuz gelöst
Alle zehn Namen vom schwärzesten Tag Urfeys endlich auf Buntsandstein verewigt – Ortsvorsteher Björn Wassong zog „Heimatscheck“ an Land und recherchierte im Netz und im Ort nach historischen Fakten – Steinmetze vom Mechernicher Familien- und Traditionsbetrieb Simons setzten verloren geglaubte Teile wieder zusammen
Mechernich-Urfey – Das Jesus-Christus-Kreuz und die Tafel unter der großen Kiefer sollten eigentlich an den schwärzesten Tag des 36-Seelen-Ortes erinnern. Doch von beidem war nicht mehr viel übrig. Nur der sie umgebende Zaun hielt dem Zahn der Zeit noch wacker stand.
Björn Wassong, Ortsvorsteher von Weyer und Urfey, sorgte nun dafür, dass die Gedenkstätte wieder Instand gesetzt wurde. Vor allem aber konnte er nach detektivischer Spürarbeit bis dahin fehlende Puzzlestücke zusammensetzen.

Bei Spaziergängen sei ihm die Gedenkstätte am kleinen Straßenzug in Urfey das erste Mal aufgefallen, berichtet er. Da war sie noch stark heruntergekommen, das Gras und Unkraut hochgewachsen. Dass das Mahnmal beschädigt war, sei er erst ein paar Tage später bei näherem Hinsehen erkannt.
Zufällig kontaktierte ihn just in dieser Zeit Michael Simons vom Mechernicher Steinmetzbetrieb Simons. Der war auf der Suche nach der Heimat eines Kreuzes, von dem zwei Jahre lang ein Stück in seiner Werkstatt unerkannt schlummerte. Und so nahm die Aktion rund um das insgesamt 2,5 Meter hohen Denkmals ihren Lauf.

„Mir fiel sofort die Aktion Heimatscheck ein“, so Wassong. Er tippte den Antrag für die NRW-Landesförderung direkt in die Tasten seines Computers und erhielt postwendend die Bewilligung über 2.000 Euro. Die Restaurierung des, wie sich herausstellte, infolge eines Sturms und heruntergefallenen Astes 2018 stark beschädigten Denkmals, konnte also starten.
Außerdem stand immer auch eine hölzerne Tafel dem Urfeyer Kriegerdenkmal zur Seite. „Was aber sehr in die Jahre gekommen war“, so Wassong. Leider, denn dort waren einst die sogenannten Totenzettel der gefallenen Soldaten verewigt. Die darauf befindlichen Daten und Bilder waren inzwischen aber bis zur Unkenntlichkeit verwittert.
Nur durch Zufall auf Foto gestoßen
Auf der Suche nach mehr Informationen tummelte sich Wassong also im Internet. „Das Internet weiß ja komischerweise alles“, so Wassong schmunzelnd, der wahrlich Glück hatte: „Im Netz bin ich zufällig auf ein Foto eines Wanderers gestoßen, der mal vor Jahren diese Gedenktafel im Detail fotografiert hat. Da konnte man die Namen noch genau erkennen.“ Ein Gefühl, wie Weihnachten und Geburtstag zusammen, machte sich angesichts dieser „Beweislage“ breit.

In der Ortschronik, die vor 25 Jahren für „1125 Jahre Weyer“ von Anton Könen erstellt worden war, fand er außerdem mehr Hintergrundinformationen zum Kreuz. Die älteste Mitbürgerin Sibilla Kreuser erzählte ihm ihre Geschichte als heute 93-jährige Zeitzeugin. Ihr inzwischen verstorbener Mann hatte sich jahrzehntelang aufopferungsvoll um das Ensemble gekümmert und auch zum Beispiel den heute noch erhaltenen, hübschen Blumenkasten eigenhändig dafür gegossen.

Bei ihr konnte Wassong auch eine Chronik fotografieren, die früher im Schaukasten zu lesen gewesen sein muss. Diese berichtete vom Bombenangriff, der Urfey am 5. Januar 1945 um 13 Uhr traf. Wassong dazu: „An diesem Tag sind hier im Urfeyer Tal Bomben runtergegangen, angeblich hat man sich vermutlich vertan oder etwas vermutet, was hier gewesen sein soll, aber gar nicht war.“ Gerüchten zufolge sollte stattdessen eigentlich die Urfter Bahnlinie bombardiert werden.
Schwere Verwüstungen
Den kleinen Ort traf es schwer. „Es hat schwere Verwüstungen gegeben und auch zehn Todesopfer“, sagt Wassong. Darunter auch die Familie Bernhard Zingsheim, deren Vorfahr das Kreuz 1895 gestiftet und aufgestellt hatte, bei diesem Bombenangriff nahezu ausgelöscht worden – nur ein Sohn überlebte das Unglück. Andere waren sogar zu ihrem Schutz in das sicher erscheinende, idyllisch im Feybachtal gelegene Urfey evakuiert worden, wie Frau Schröder aus Gemünd, außerdem auch eine evakuierte Mutter mit ihren Kindern. Sie alle überlebten den Angriff nicht.
„Drei Namen blieben noch offen“, so Wassong. Bei weiteren Recherchen sei er dann auf einen Zeitungsartikel über Albert Velser von 2015 gestoßen. Der Heimatforscher habe anhand der Kirchenchronik herausgefunden, welche Namen fehlten, nämlich Arnold Thelen aus Kall und zwei russische Zwangsarbeiterinnen, Alexandra Schura und Alexandra Timoschine. Auf der neuen Tafel wurden jetzt auch ihre Namen auch eingraviert.

„Ich bin froh, dass neben den Namen der gefallenen Soldaten jetzt endlich auch alle zehn zivilen Opfer gemeinsam auf der neuen Tafel verewigt werden konnten“, so Wassong. Um weitere anfallende Kosten zu stemmen, unterstützten auch ortsansässige Firmen sowie Wassong selbst das Projekt finanziell. Im Frühjahr sollen außerdem noch der Zaun und eine weitere Infotafel aufgehübscht werden.
Auch Beate Simons, Steinmetzin in vierter Generation der Steinmetzwerkstätten Simons, die gemeinsam mit den beiden Steinmetz-Kollegen Tobias Lennartz und Martin Stoffels das Projekt handwerklich umgesetzt hat, ist glücklich: „Wir sind immer froh, wenn wir so ein tolles Projekt realisieren dürfen und sich Leute vor Ort um den Erhalt solcher Gedenkstätten kümmern.“ Schön finde sie auch, dass man das Mysterium um das Kreuz endlich hat lösen können. So sei zusammengekommen, was zusammengehöre.
pp/Agentur ProfiPress