„Wir sehen uns in Solferino!“

Rotes Kreuz trägt „Friedenslicht der Hoffnung und Menschlichkeit“ durch Deutschland, Österreich und Schweiz bis nach Solferino, wo Henry Dunant am Rand eines Schlachtfeldes am 24. Juni 1859 den Impuls zur Gründung des Internationalen Roten Kreuzes bekam – Etappe führte von Vogelsang per Fahrrad durch Mechernich bis nach Euskirchen und dann per Quad weiter nach Bonn – Ortsverein Mechernich und Kreisverband Euskirchen im Einsatz

Mechernich/Vogelsang/Euskirchen – Mechernich und Teile des übrigen Kreises Euskirchen wurden am Mittwoch Schauplatz eines einmaligen und besonderen Zeichens für Frieden, Hoffnung und Menschlichkeit: Ein „Friedenslicht“ wurde wie die Olympiafackel auf Etappen durch Nordeifel und Börde bis nach Bonn befördert.

Für die Hauptstrecke von Vogelsang über Mechernich nach Euskirchen war die Fahrradstaffel des Rotkreuz-Ortsvereins Mechernich verantwortlich. Das „Friedenslicht“ befand und befindet sich weiter auf seinem Weg von Münster, wo die Aktion ihren Anfang nahm, ins norditalienische Städtchen Solferino, wo Henry Dunant am Rand eines Schlachtfeldes mit Tausenden Verwundeten am 24. Juni 1859 den Impuls zur Gründung des Internationalen Roten Kreuzes bekam.

Beim Zwischenstopp in Mechernich konnten sich die Fackelträger der Fahrradstaffel erfrischen. Von der DRK-Unterkunft am Nyonskreisel starteten Peter Weidenfeld, Miguel Derichs, Nathalie Winter, Felix und Simon Alsmann und Christina Schmidt durch nach Euskirchen. Foto: Henri Grüger/pp/Agentur ProfiPress

Der dort am Jahrestag der Schlacht übliche Fackelzug Tausender Rotkreuzangehöriger aus aller Welt – schwerpunktmäßig aus Italien, Deutschland, Frankreich, Österreich und der Schweiz – fällt 2021 das zweite Mal hintereinander wegen der Corona-Pandemie aus.

Die Idee der ersatzweise von Deutschland über Österreich und die Schweiz nach Italien führenden Fackelstaffel zum 162-jährigen Jubiläum der Schlacht von Solferino kam aus dem Rotkreuz-Landesverband Westfalen-Lippe, und zwar von Tanja Knopp und Sören Wiebusch.

„Eine hervorragende Sache, da sich das Rote Kreuz zur Stunde in seinem weltweit zahlenmäßig größten Einsatz seit dem Zweiten Weltkrieg befindet“, sagte Rolf Zimmermann, der Leiter des Internationalen Rotkreuzmuseums für Humanität und Völkerrecht in Vogelsang, bei der Übergabe der „Friedensfackel“ vom Rotkreuz-Kreisverband Aachen an den Kreisverband Euskirchen.

Vier der Fahrer der Rotkreuz-Fahrradstaffel Mechernich, die die Fackel transportierten, in Vogelsang, v. r.: Nathalie Winter, Christina Schmidt, Peter Weidenfeld und Felix Alsmann. Foto: Rolf Zimmermann/DRK/pp/Agentur ProfiPress

Vier Friedensnobelpreise

Zimmermann erinnerte dabei auch an den Umstand, dass dem Roten Kreuz bereits viermal der Friedensnobelpreis verliehen worden sei – das erste Mal 1901 an Henry Dunant selbst. Übergeben wurde das Friedenslicht am Mittwoch von Kerstin von den Driesch, der Leiterin des Jugend-Rot-Kreuzes in der Städteregion Aachen, und dem Aachener Kreisbereitschaftsleiter Sascha Bergrath an Karl Werner Zimmermann, den Kreisvorsitzenden des Roten Kreuzes im Kreis Euskirchen.

In Vogelsang befinden sich außer dem zwei Kameradschaftshäuser der früheren NS-Ordensburg Vogelsang in Anspruch nehmende Internationalen Rotkreuz-Museum auch die Rotkreuz- Akademie, ein „Friedenspfad“, das Grundsätze-Denkmal, die Unterkunft „Transit 59“ und der Stützpunkt des Rotkreuz-Ortsvereins Schleiden.

Vom Vermittlungsort für Menschenrechte aus startete die Fahrradstaffel des Rotkreuz-Ortsvereins Mechernich auf die Fackelfahrt durch den Nationalpark Eifel Richtung Rotkreuz-Unterkunft Mechernich, an den Lenkern die Fahrer Peter Weidenfeld, Christina Schmidt, Nathalie Winter, Felix und Simon Alsmann und Miguel Derichs.

Der Mechernicher Rotkreuz-Bereitschaftsleiter Sascha Suijkerland begleitete die Staffel mit einem Trossfahrzeug. Auch Rolf Zimmermann, Hartmut Rütze und Merlin Baumgärtner vom DRK-Kreisverband begleiteten das „Friedenslicht“ von der Übernahme in Vogelsang bis zur Übergabe in der Bundesstadt Bonn.

In der Rotkreuz-Akademie auf Vogelsang wurden die Euskirchener und Aachener Rotkreuzler – allen voran Kreisvorsitzender Karl Werner Zimmermann (ganz links) – vor einer Fotowand aus lauter Corona-Einsatzmotiven aufgenommen. Die weltweite Pandemie verhindert auch im zweiten Jahr hintereinander die „Fiaccolata“, den Fackelzug von Solferino nach Castiglione in der Nähe des Gardasees, wo Henry Dunant vor 162 Jahren den Impuls zur Gründung des Roten Kreuzes bekam. Foto: Rolf Zimmermann/DRK/pp/Agentur ProfiPress

Ab Euskirchen wurde die Fackel per Quad von Kreisbereitschaftsarzt Christoph Thomassen weitertransportiert. Vom Kreisverband Bonn aus ging es weiter über den Rhein-Sieg-Kreis nach Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Bayern, Österreich und die Schweiz. Im italienischen Solferino wird die Fackel am 162. Jahrestag der Schlacht, also am Donnerstag, 24. Juni, erwartet.

Der „Fiaccolata“ genannte und seit 1992 jährlich stattfindende nächtliche Fackelzug von Solferino über zwölf Kilometer nach Castiglione, fällt Covid-19-bedingt zwar aus. Doch die ersatzweise durchgeführte Fackelstaffel von Münster aufs norditalienische Schlachtfeld in der Nähe des Gardesees soll Hoffnung auf eine Neuauflage 2022 machen.

Normalerweise nehmen an dem internationalen Rotkreuz-Treffen auf dem Schlachtfeld von einst rund 10.000 meist junge Menschen von Rotkreuz-Organisationen aus Europa und aller Welt teil. Das Treffen in einem großen Friedenscamp und der Marsch durch die Nacht haben Bedeutung für die Teilnehmer, so Rolf Zimmermann, weil es dort „keine soziale Schichtung unter den Rot-Kreuzlern gibt und das Zusammengehörigkeitsgefühl über alle Staatsgrenzen hinweg nirgends so stark ist wie bei diesem Treffen“.

Stolz hält Sascha Bergrath (2. v. l.), der Aachener Kreisbereitschaftsleiter, die Fackel. Zusammen mit Kerstin von den Driesch (r.), Leiterin des Jugend-Rot-Kreuzes in der Städteregion Aachen, übergab er das „Friedenslicht“ an Karl Werner Zimmermann (2. v. r.), den Vorsitzenden des Roten Kreuzes im Kreis Euskirchen. Später wurde sie von Peter Weidenfeld (l.), und Simon Alsmann, Miguel Derichs, Nathalie Winter, Felix und Simon Alsmann und Christina Schmidt, allesamt Mitglieder des Roten Kreuzes im Ortsverein Mechernich, auf Fahrrädern an den Bleiberg und weiter nach Euskirchen gebracht. Foto: Rolf Zimmermann/DRK/pp/Agentur ProfiPress

Eine Reise für den Frieden

Entzündet wurde das „Licht der Hoffnung und Menschlichkeit“ am Weltrotkreuztag, Samstag, 8. Mai, auf dem Gelände des DRK in Münster. Von dort aus wurde es zunächst auf den „Balkon des Münsterlandes“ in Höhe des Teutoburger Waldes getragen und von Christian Kleinberns, dem Leiter der DRK-Einsatzstaffel Westfalen, an Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann übergeben.

Der bedankte sich bei allen Rotkreuz-Helfern für ihr humanitäres Engagement, aktuell insbesondere bei der Bewältigung der Corona-Krise und übergab die Fackel anschließend an den Präsidenten des DRK-Kreisverbands Tecklenburger Land, Heinz Hüppe. Aus dem nördlichen NRW wurde das Licht durchs bevölkerungsreichste Bundesland bis in den Süden getragen.

Kerstin von den Driesch (v.r.) und Sascha Bergrath vom Roten Kreuz Aachen übergeben die Fackel an Karl Werner Zimmermann, den Euskirchener Kreisvorsitzenden des DRK. Foto: Rolf Zimmermann/DRK/pp/Agentur ProfiPress

Am Dienstag übernahm der Kreisverband der Städteregion Aachen die Fackel aus Mönchengladbach. Nachdem sie am Dreiländereck kurz nach Belgien und die Niederlande wieder zurück nach Deutschland gewechselt war, wurde die Fackel im Rotkreuz-Einsatzfahrzeug nach Vogelsang gefahren. Von dort ging es wie beschrieben weiter über Mechernich und Euskirchen in die frühere Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland.

Beim Fackelträgerwechsel von der Mechernich Fahrradstaffel auf Quadfahrer und Bereitschaftsarzt Christoph Thomassen war auch der DRK-Kreisgeschäftsführer und Mechernicher Ortsvereinsvorsitzende Rolf Klöcker mit von der Partie.

Die Fackel wird weiter auf ganz diverse Arten nach Solferino reisen. Per Fahrrad, Motorrad, Quad oder „Autokorso“, per Paddelboot und Heißluftballon und natürlich zu Fuß. Rotkreuzler aus ganz Europa nehmen an der Reise des Lichtes teil unter dem Motto: „Wir sehen uns nächstes Jahr in Solferino wieder!“, so Rolf Zimmermann: „Der Geist hinter der ganzen Unternehmung macht deutlich, dass das Rote Kreuz auf der ganzen Welt mit anpackt an einem Strang zieht.“

Zwei der Fahrer, Peter Weidenfeld (l.) und Felix Alsmann, kurz vor dem Start vor der Kulisse der früheren NS-Ordensburg Vogelsang, die heute über mehrere Rotkreuzeinrichtungen verfügt, die dem menschenverachtenden Weltbild der Nationalsozialisten am „Täterort“ die Ideale des humanitären Völkerrechts entgegenhalten. Foto: Rolf Zimmermann/DRK/pp/Agentur ProfiPress

Die Ursprünge

Am 24. Juni des Jahres 1859 tobte auf den Feldern zwischen den Städtchen Castiglione und Solferino eine der blutigsten Schlachten während der Neuordnung Europas. Tausende Österreicher, Franzosen und Italiener verloren ihr Leben, noch mehr lagen nach dem Gemetzel verwundet und blutend auf den Äckern. Niemand kümmerte sich um sie. Die medizinische Versorgung der Truppen war zu der Zeit völlig unentwickelt und hoffnungslos mit einem solchen Anfall an versorgungsbedürftigen Männern überfordert.

Henry Dunant, ein Schweizer Geschäftsmann, war am Tag nach der Schlacht geschäftlich vor Ort und konnte bei all diesem Leid nicht tatenlos zusehen. Er organisierte mit der Zivilbevölkerung, vor allem mit den Frauen von Castiglione, eine unbeschreibliche spontane Hilfsaktion.

Staffelübergabe am Rotkreuzzentrum Kreis Euskirchen/Eifel hinter dem Kreishaus: Dort übernahm Quad-Fahrer und Kreisbereitschaftsarzt Christoph Thomassen die Fackel und transportierte sie weiter nach Bonn, hinter ihm Kreisgeschäftsführer Rolf Klöcker. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Die Verwundeten wurden vom Schlachtfeld geborgen und in Häusern und Kirchen verbunden, versorgt und gepflegt. Ohne Ansehen der Nationalität. Dort soll der Ruf „Tutti fratelli“ („Wir sind alle Brüder“) entstanden sein. Es war die Geburtsstunde des Roten Kreuzes.

Bis zum heutigen Tag wurde dem Roten Kreuz vier Mal der Friedensnobelpreis verliehen, das erste Mal 1901 an Dunant persönlich. In den Weltkriegsjahren 1917 und 1944 sowie 1963 war das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) der Empfänger, 1963 zusätzlich die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRK).

Keine andere Organisation wurde so oft für ihre humanitären Tätigkeiten ausgezeichnet. Das Rote Kreuz ist die weltweite größte humanitäre Organisation mit rund 17 Millionen Mitgliedern in 92 Ländern. Bei der internationalen Fackel-Aktion sind schätzungsweise 2000 Rot-Kreuz-Helfer im Einsatz.

hg/pp/Agentur ProfiPress