Jecken besiegten den Dompteur
Rathaussturm in Kall: Bürgermeister Hermann-Josef Esser versuchte die Karnevalisten, mit Zuckerbrot und Peitsche zu bezirzen – Am Ende lag er in Ketten
Kall – Fast hätte er sie diesmal soweit gehabt: Der Raubtierdompteur Ermanno-Giuseppe Mangiatore, in Kall besser als Hermann-Josef Esser bekannt, machte mit den Karnevalisten, was er wollte. Im wahrsten Sinne des Wortes hatte er sie mit Zuckerbrot in Schokoriegel-Form und Peitsche dazu gebracht, vor allen Leuten Kunststückchen aufzuführen. Die einen standen auf einem Bein, die anderen versuchten, der Auszubildenden Fabienne Beiten nachzueifern und einen Handstand zu machen, was eher schlecht als recht funktionierte.

Doch so sehr sich Esser, pardon: Maestro Mangiatore, auch mühte: Die Vertreter der Prinzengarde ließen sich nicht um den Finger wickeln. „Stellvertretend für alle Vereine legen wir das Rathaus in Schutt und Asche“, sagte Rico Spilles. Er gab Kanonier Ron Chytry den Befehl, die „Möckeflitsch“, also die Kanone, zu zünden. Nach dem dritten Schuss war der Widerstand der Rathaus-Armee gebrochen, Rathaus-Mitarbeiterin Birgit Fink schwenkte die weiße Fahne.

Chytry schnappte sich Ian Metz und Sanjay Nirooshan, den Rest der krankheitsbedingt arg dezimierten Musketiere, deren Auftritten aber so furchterregend war, dass sich Bürgerdompteur Esser ohne ein Wort des Murrens in Ketten legen und abführen ließ. Und man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der weiblichen Belegschaft die Stürmung des Beamtenbunkers nur allzu gelegen kam, denn an Weiberdonnerstag haben die Männer ja ohnehin nichts zu sagen.

Das mussten auch die männlichen Hälften der Prinzenpaare aus dem Kaller Gemeindegebiet feststellen. „Männer haben wenig zu sagen, wie das ganze Jahr über eigentlich – nur heute dürfen sie es wissen“, sagte Kalls Prinzessin Yvonne I. (Kläß) ihrem angetrauten Prinzen Bernd I. ins Gesicht. Und auch Kinderprinzessin Lenna I (Knobbe). meinte zu Kinderprinz Nico I. (Pleuß): „Du hast heute nix zu kamelle.“

Nachdem das geklärt war, rotteten sich die Karnevalsvereine aus Kall, Sötenich, Sistig, Scheven und Wahlen, unterstützt vom Dreigestirn der St.-Nikolaus-Schule, zusammen und schmiedeten Angriffspläne. Die Taktik war klar. Brian Linden vom Kinder-Karneval Sistig äußerte sie martialisch: „Wir freuen uns, dem Hermann-Josef die Bude unterm Hinter wegzuschießen.“ Hermann-Josef Evertz aus Wahlen rief seinem Vornamensvetter Esser zu: „Ob blau, rot oder bunt – heute holt dich alles aus dem Rathaus raus.“

Zuerst versuchte der Bürgermeister, den Jecken den Sturm aufs Gebäude mit psychologischer Kriegsführung madig zu machen. „Wir haben keine Getränke, denn der Kreis hat es nicht geschafft, unseren Haushalt zu genehmigen“, sagte Esser. Dann versuchte er es mit Verhöhnung: „Das Kanönchen wird diese Mauern nicht erschüttern.“

Doch als Rico Spilles sich davon nicht einschüchtern ließ und den Bürgermeister fragte, ob man lieber auf den Altbau oder den Neubau schießen solle, blieb dem Gemeindeoberhaupt nur das Flehen: „Das ist mir egal, Hauptsache nicht auf das Haus der Begegnung.“

Es war der Anfang vom Ende. Die Kaller Möhnen und die Kallbachmücken beschworen die Gardisten und Musketiere mit Tänzen ein. Und dann wurde geschossen. Der Rest ist bekannt. Der Bürgermeister wurde in Ketten gelegt, die Jecken übernahmen das Rathaus und geben es erst am Aschermittwoch wieder her.

pp/Agentur ProfiPress