Doppelherz für den Ex-Trainer
Nach 48 Jahren trafen sich 60 Ex-Spieler des Kaller SC mit ihrem heute 83 Jahre alten Fußball-Lehrer Raimund Stibolitzky – „Fußballer müssen Spaß und Respekt haben“ – Ralf Claßen hatte das Treffen organisiert
Kall/Mechernich – Der 83-jährige ehemalige Trainer des Kaller SC, Raimund Stibolitzky, war glücklich und sichtlich gerührt: „Dass ich das noch erleben darf, damit hätte ich nie gerechnet“, bedankte sich „Stibo“, wie der Fußballehrer noch heute von seinen ehemaligen Spielern genannt wird. Und 60 von seinen einstigen Schützlingen hatten sich jetzt nach 48 Jahren im Restaurant des Kaller „Aktivparks“ zu einem Treffen mit Stibo eingefunden, das der einstige KSC-Kicker und heutige Kämmerer der Stadt Mechernich, Ralf Claßen, eingefädelt und organisiert hatte.

In der Zeit zwischen 1972 und 1987 hatte Stibolitzky recht erfolgreich beim KSC agiert, mit dem er große Erfolge im Jugendbereich und mehrere Aufstiege der Senioren in die nächsthöheren Spielklassen hatte feiern können. Letzter großer Erfolg war 1987 der zweite Aufstieg des KSC aus der Bezirksliga in die Landesliga gewesen. In dieser Mannschaft hatte damals auch Ralf Claßen mitgespielt.

Wie kam es jetzt zu dem Treffen mit dem ehemaligen Fußballlehrer? Vor einigen Wochen hatte Claßen nach einem Restaurantbesuch in Kall den inzwischen 83-jährigen Raimund Stibolitzky zufällig auf der Straße getroffen. Man kam ins Gespräch, in dessen Verlauf man auch auf die gemeinsame Fußballzeit vor fast 50 Jahren kam, und Stibo anklingen ließ, dass er gern noch einmal seine damals erfolgreichen Spieler treffen würde.
Mit dem Pferd zum Training
In dem Moment war es für Ralf Claßen klar, den Versuch zu starten, ein solches Treffen zu ermöglichen. In dem Kaller Ex-Torwart Peter Berbuir fand er einen Mitstreiter, um die in der ganzen Republik verstreuten alten Fußballschüler von Stibolitzky aufzuspüren. In einem Art Schneeball-System „wer kennt einen, der einen kennt“ gelang es den beiden, innerhalb weniger Wochen 96 ehemalige KSC-Spieler aus der Stibo-Zeit ausfindig zu machen und sie zum Treffen mit Stibolitzky nach Kall einzuladen.

Die große Resonanz auf die Einladung zeugte jetzt davon, wie beliebt Trainer Stibo damals gewesen ist. 60 ehemalige Kicker des KSC hatten sich im Restaurant des Aktivparks eingefunden. Sie waren angereist vom Tegernsee, aus München, aus Haltern am See, aus dem Kölner Raum, und natürlich aus der näheren Umgebung. Wie bei einem großen Klassentreffen galt es bei Vielen, sich zuerst mal wieder zu erkennen. Und auch Ralf Claßen gestand ein, dass er selbst Probleme habe, den einen oder anderen ehemaligen Mitspieler zu identifizieren.

Als zehnjähriger Schüler aus dem damals zur Gemeinde Kall gehörenden Kalenberg sei er in Kall zum ersten Mal in der Schule auf Raimund Stibolitzky gestoßen, der dort Sportlehrer war, so Claßen. Die Begeisterung für den Fußball war dann bald geweckt, denn Stibo war damals als Trainer der Jugendmannschaften des KSC recht erfolgreich. „Sein Lieblingsausdruck als Trainer war »Antizipieren«, was so viel wie »vorausschauend« heißt“, erinnerte sich Claßen. Stibolitzky sei ein strenger, aber menschlicher und gerechter Trainer gewesen.

Claßen erzählte von dem damaligen Spieler Uli Claßen, der mit dem Pferd zum Trainingsplatz gekommen sei. „Was machst Du da oben, komm runter zum Trainieren“, habe Stibo ihn vom Pferd herunter zitiert. Es gab viel zu lachen an dem Abend, wobei die Episode hervorstach, dass der Trainer in der Nacht vor einem wichtigen Spiel plötzlich im blauen Trainingsanzug in einer Diskothek aufgetaucht sei, um seine feiernden Kicker nach Hause zu schicken.
„Zeugt von großer Anerkennung“
Zu den Präsenten, die Ralf Claßen im Namen seiner ehemaligen Mitspieler an Raimund Stibolitzky übergab, zählte eine große Flasche „Doppelherz“, die Stibolitzkys Gesundheit erhalten solle. Claßen: „Wenn heute nach 48 Jahren noch 60 ehemalige Spieler zu Dir gekommen sind, so zeugt das von einer großen Anerkennung“. Diese habe sich Raimund Stibolitzky verdient, sagte KSC-Vorsitzender Wolfgang Kirfel („Wir könnten noch mal einen Stibo gut gebrauchen“), der dem 83-Jährigen einen Wimpel des Kaller SC und ein Präsent überreichte.

Raimund Stibolitzki überraschte die Gäste mit einem fast einstündigen Rückblick auf seine Zeit und seine Arbeitsweise in Kall. Er sei in seiner aktiven Zeit als Fußballlehrer abwechselnd nur Trainer beim FC Oberahr und beim KSC gewesen, und er sei nie „fremd gegangen“. Alle seine Verträge seien per Handschlag besiegelt worden, und er habe nie etwas unterschreiben müssen. „Ich habe nie Geld gefordert; es wurde mir geboten“, so Stibolitzky.

Der 83-Jährige erzählte eine Stunde lang ohne jegliches Manuskript, konnte sich noch an jeden Spieler, jeden Torschützen sowie an die Verläufe und die Ergebnisse wichtiger Spiele erinnern. Er erklärte auch sein damals strenges Trainerwirken. Als Jugendtrainer sei er damals mit seinen Fußball-Schützlingen auf Distanz gegangen, weil er ja auch in der Schule deren Lehrer gewesen sei.

Im Seniorenfußball sei es für den Trainer wichtig, seine Spieler menschlich kennen zu lernen, wie auch deren Einstellungen und Ziele. Fußballspieler müssten Charakter zeigen und vor allem teamfähig sein. „Spielzerstörer-Typen“, so Stibolitzky, „habe ich stets aus der Mannschaft rausgehalten“. Der Erfolg sei der Lohn gewesen.

Den Organisatoren des Treffens dankte der ehemalige Trainer: „Ich freue mich, mit Euch zusammen zu sein; Ihr seid mir ans Herz gewachsen. Ihr habt mir heute etwas gegeben, was ich nie erwartet hätte“. Das halte Erinnerungen und Verbindungen wach. Fußball sei ein schöner Sport, schloss Stibo seinen Rückblick ab: „Die Spieler müssen dabei Spaß haben, aber in erster Linie Respekt zeigen“.



pp/Agentur ProfiPress