Hengasch am Bleiberg
Ortsportrait Kallmuth: Sanfte Rebellen um Robert Ohlerth bewahrten sich über Jahrzehnte ihre dörfliche und kirchliche Identität
Mechernich-Kallmuth – Wenn Robert Ohlerth zur Ruhe kommen will, dann spaziert er mit Ehefrau Rita vom Wohnhaus am Ende der St. Georgstraße bergauf am Hochbehälter der ortseigenen Wasserversorgung aus den 30er Jahren vorbei hang auf in Richtung Pflugberg.

Die Hecken entlang des Graswegs hält er selbst mit der Heckenschere kurz. Aus durchaus eigennützigen Motiven: „Nur so behalte ich freie Aussicht auf mein geliebtes Kallmuth.“ Von dort oben hat er nämlich alles im Blick: Pfarr- und Wallfahrtskirche, Dorfgemeinschaftshaus alte Schule, Kinderspielplatz, alten und neuen Friedhof, Burg, Kindergarten, Ravelsberg und die Aussiedlungshöfe Schmitz, Seidenfaden und Weingartz.
Damit hat der langjährige „Sheriff“ von Kallmuth und Vize-Bürgermeister der Stadt Mechernich von dort oben am Hang des Pflugberges Richtung Lorbach wie vom Feldherrnhügel oder auf einer Luftaufnahme hoch über den Dächern seines Wahlheimatdorfes auch alle Neuerungen und Errungenschaften im Blick, die sich dort in den vergangenen 50 Jahren getan haben.

Denn seither lebt der aus Zingsheim stammende Robert Ohlerth bereits in Kallmuth. 1970 heirateten er und Rita Müller und damit er bei der Kallmutherin und ihrer Familie „ein“, wie man das damals nannte: „einheiraten“.
Gefreit wurde bereits seit 1968. Kallmuth und Zingsheim gehörten damals zur gleichen kommunalpolitischen Einheit, dem Amt Zingsheim. Doch die Wirren der kommunalen Neugliederung zeichneten sich bereits ab, das Startsignal für Roberts politische Karriere.
Der „Sozi“ aus Zingsheim
Kallmuth kam zu Mechernich, zeitgleich wurden damals die meisten Schulen geschlossen, die Kallmuther Grundschüler mussten fortan nach Bleibuir, die älteren Jahrgänge der örtlichen Volksschule zur Hauptschule Mechernich. Das Dorf drohte Identität zu verlieren. Man begann sich zu engagieren, mittenmang dabei der „Sozi“ aus Zingsheim.

1974 wurde auch mit ihm das bis heute außerordentlich aktive Ortskartell Kallmuth gegründet, noch im gleichen Jahr der erste Altentag organisiert und mit dem Bau des sich seither ständig vergrößernden Spielplatzes begonnen.
Kallmuth wurde und blieb eines der aktivsten Dörfer im Stadtgebiet. Robert Ohlerth und seine Mitstreiter taten sich nicht nur zu einer Art örtlicher Bauhofkolonne zusammen, die alle anfallenden Arbeiten im und ums Dorf für die Stadt erledigt.

In Kallmuth fügten sich – ohne das idealisieren zu wollen – auch „weltliche“ und „kirchliche“ Anliegen zu einem großen Ganzen. Was auch notwendig war, denn Kallmuth ist ein regional bedeutsamer Wallfahrtsort, in den zweimal im Jahr, „Schmerzensfreitag“ und zum St.-Georgsritt am 1. Mai, die Menschen strömen.

Dann müssen Hunderte bekocht und beköstigt werden, über 50 Freiwillige werden dann jeweils gebraucht. So bekamen und behielten die Kallmuther, die auch von Freiwilligen aus anderen Dörfern bei solchen Events unterstützt werden, Auge und „Händchen“ für Veranstaltungen.
Selbstbedienung im Möbellager
So wurde ein eigenes Kulturprogramm mit überregional bekannten Kräften wie Konrad Beikircher und Willibert Pauels („Der bergische Jong“) aus der Taufe gehoben, die Kirmes wiederbelebt, die Jugend mobilisiert und die Volkskundeabteilung des Landschaftsverbandes Rheinlandes wie in den 50er Jahren unter Dorflehrer Karl Guthausen bereits einmal eingespannt, um Kultur und Soziologie eines Eifeldorfes weiter zu erforschen und zu dokumentieren.
Furore machte der junge Kommunalpolitiker Robert Ohlerth, als er mit Traktorengespann nach Mechernich fuhr, um 50 Stühle und einige Tische fürs Dorfgemeinschaftshaus Kallmuth aus einem Möbellager abzuholen, das gerade mit tausend Stühlen für Veranstaltungen in der Dreifachturnhalle Mechernich angelegt worden war.

Die „Sheriffs“ der anderen Dörfer liefen Sturm: „Unverschämtheit“. Doch Robert Ohlerth entgegnete: „Wieso? Holt Euch doch selbst Stühle für Eure Vereinshäuser und Dorfhallen!“ Was dazu führte, dass die Stadt Mechernich selbst freundlich einlenkte und für eine angemessene Möblierung der Dorfgemeinschaftshäuser im Stadtgebiet sorgte…
pp/Agentur ProfiPress