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Eine Dekade für Frieden und Umwelt

Drei neue Projekte im zehnten internationalen Friedenscamp der Euskirchener Rotkreuz-Kreisverbandes fertiggestellt – 20 Teilnehmer aus den verschiedensten Teilen der Erde arbeiteten zusammen – „Tunnel der Visionen“, neuer Escape-Room, Pyramide und mehr errichtet – Möglichkeiten der Eigeninitiative aufzeigen und Fluchtsituationen nachvollziehen

Schleiden-Vogelsang – Das legendäre „Peace Camp“ des Rotkreuz-Kreisverbandes feiert sein mittlerweile zehntes Jubiläum auf dem Gelände der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang. Auch in diesem Jahr standen dabei wieder die wohl größten Herausforderungen der Menschheit und ihres Heimatplaneten im Fokus: Krieg und Flucht, Menschenrechte sowie der Klimawandel.

Dank der Kreativität des zehnten „International Peace Camps“ des Rotkreuz-Kreisverbandes Euskirchen, so auch von (vorne) Daniela Werkle und Emma Sellke, gibt es wieder viel Neues auf dem Gelände der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang zu entdecken. Foto: Henri Grüger/pp/Agentur ProfiPress

Gleich mehrere Projekte setzten die Jugendlichen und jungen Erwachsenen gemeinsam im Außen- und Innenbereich der Anlage um: Einen neuen Escape-Room und den „Tunnel of Visions“ (zu Deutsch: „Tunnel der Visionen“). Zusätzlich fertigten sie gemeinsam eine große, hölzerne Pyramide, die aus vielen Dreiecken zusammengesetzt wurde, an – mit wehendem, rotem Kreuz und rotem Halbmond an der hohen Spitze.

Auch fertigten sie eine kleine Arena samt Tribünen aus gespendetem Flutpaletten, auch der hölzerne Tunnel wurde ausschließlich mit diesem Material errichtet.

Nach viel Arbeit konnte die massive „Rotkreuz-Pyramide“ schließlich mit gemeinsamer Kraft aufgestellt werden. Foto: Henri Grüger/pp/Agentur ProfiPress

200 Teilnehmer aus 40 Ländern

Die 20 Teilnehmer kamen dabei wieder aus vielen verschiedenen Ländern, sei es die Elfenbeinküste, Kroatien, England und vielen mehr. Die Teilnahme ist für Deutsche ab 16 Jahren möglich, aus anderen Ländern ab 18 Jahren. Bis 27 kann man dann im Schnitt dabei sein. Mit Rotkreuz-Museums- und Campleiter Rolf Zimmermann leitete im wesentlichen Simon Jägersküpper das Camp, doch gäbe es so dort gut wie keine Hierarchie, weder im 10-köpfigen Team, noch gegenüber den Teilnehmern.

Der Schleidener Bürgermeister Ingo Pfennings nahm den „Tunnel der Visionen“ auf seinem Stadtgebiet mit den Rotkreuzlern Emma Sellke und Daniela Werkle gleich einmal selbst in Augenschein. Foto: Henri Grüger/pp/Agentur ProfiPress

Zimmermann: „Rund 200 Teilnehmer aus 40 Ländern, darunter auch beispielsweise Nepal und Peru, haben im letzten Jahrzehnt dazu beigetragen, diesen Ort zu etwas ganz Besonderem zu machen.“ Die Teilnahme war dabei immer kostenlos, nur die Anreise muss selbst übernommen werden.

Schließlich wurde der Fokus des Camps vom anfänglichen Frieden auch auf den Klimawandel ausgeweitet. Wie zur Bestätigung ereignete sich kurz vor Beginn des Camps im vergangenen Jahr die Flutkatastrophe, sodass die Teilnehmer nach Gemünd fuhren, um dort zu helfen.

Nach getaner Arbeit nahmen sich die zufriedenen Teilnehmer erst einmal die Zeit, das Ergebnis in genauen Augenschein zu nehmen. Foto: Henri Grüger/pp/Agentur ProfiPress

„Möglichkeiten aufzeigen, statt nur belehren“

Bereits zum vierten Mal war auch Sven Pleger dabei. Mit vielen weiteren Teilnehmern arbeitete er am „Tunnel of Visions“. Zu seiner erneuten Teilnahme berichtete er: „Es zieht einen jedes Mal wieder hinein. Es gibt so viele verschiedene Kulturen und Personen, die hier zusammenkommen – das bereichert!“.

Der Tunnel soll positive Sichten auf die Zukunft der Welt, auch mit Lebensweisheiten aus aller Herren Länder geben, die die Teilnehmer im Vorfeld recherchierten sowie übersetzten. Auch einen weltweiten, öffentlichen Aufruf in sozialen Medien gab es dazu. Rotkreuzlerin Emma Sellke erklärte: „Unsere ersten 250 Meinungen und Anregungen haben wir uns beim großen Rotkreuz-Treffen in Solferino geholt, der Rest ging dann über Instagram und Facebook.“ In der italienischen Stadt hatte der Rotkreuz-Gründer Henry Dunant vor über 160 Jahren, nach einer schrecklichen Schlacht mit vielen Verletzten und Toten, die Initiative zur Gründung der Organisation ergriffen.

Ein neuer Escape-Roomsoll zukünftige Teilnehmer vor die Herausforderungen einer Flucht aus einem erfundenen Land, unter realistischen Bedingungen, stellen. Jona Kutsche präsentierte die Route. Foto: Henri Grüger/pp/Agentur ProfiPress

Zimmermann: „Der Klimawandel ist nach wie vor eine immer größere Gefahr. Wir alle benehmen uns im Moment, als würden wir eine große Party auf der Titanic feiern… dabei wissen wir im Gegensatz zu damals, dass uns der »Eisberg«, wenn wir so weiter machen, unmittelbar treffen wird. Also ist es unsere Pflicht, die nachfolgenden Generationen irgendwie zu retten.“ Die Devise: Möglichkeiten aufzeigen, statt nur zu belehren: „Gerade das macht mit jungen, kreativen Leuten unglaublich viel Spaß“, so Rolf Zimmermann.

Die erste Station einer Flucht: Das heimische Kinderzimmer. Foto: Henri Grüger/pp/Agentur ProfiPress

Er ergänzte: „Sei es über Krieg, Menschenrechte, den Klimawandel, die NS-Vergangenheit und mehr – wir stellen hier Vergangenheit und Zukunft gegenüber, wie es sonst nur schwer möglich ist. Doch viele überfordert es auch, mit diesen Infos richtig umzugehen und sehen keine Möglichkeit, etwas zu tun. Hier können sich jetzt Infos und Motivation aus der ganzen Welt geholt werden, wie man bei sich anfangen kann, etwas zu verbessern.“

Der Weg führt die Flüchtlinge durch ein kriegsgezeichnetes Land samt „Bomben“, Stacheldraht und Zerstörung. Foto: Henri Grüger/pp/Agentur ProfiPress

Flucht aus dem Kinderzimmer

Der neue Escape-Room behandelt indes Herausforderungen einer Flucht, die man in der Hoffnung auf ein besseres Leben überwinden muss. So zum Beispiel, im Krieg aus dem Kinderzimmer vertrieben zu werden, mehrere Länder zu durchqueren, durch Tod und Zerstörung zu fliehen, Geld aufzutreiben und damit einen Schlepper zu bezahlen, mit oder ohne Pässe über Ländergrenzen zu fliehen, in einer neuen Umgebung bzw. einem fremden Land anzukommen sowie verschollene Verwandte zu finden. All das, um endlich unter menschenwürdigen Bedingungen leben zu können.

Noah Hüsken zeigte eine Tür, durch die die Flucht in ein anderes Land nur mit passenden Schlüsseln möglich ist. Foto: Henri Grüger/pp/Agentur ProfiPress

Federführend waren hier Jona Kutsche und Noah Hüsken in der Umsetzung beteiligt. Sie erklärten, dass um die vielen Schlösser und Hindernisse auf ihrer heiklen Flucht gut überwinden zu können, die Teilnehmer ein aufmerksames Auge, sei es für Codes, Tagebuchseiten und mehr, bräuchten. Das Wichtigste sei aber: Einen kühlen Kopf zu bewahren und sich aktiv mit der weltweiten Situation von Menschen in Fluchtsituationen auseinanderzusetzen.

Das Ziel einer Odyssee: Ein neues Zuhause, in dem niemand Verfolgung oder Krieg fürchten muss. Foto: Henri Grüger/pp/Agentur ProfiPress

Von „Friedenspfad“ bis „Klimabox“

„Als wir das erste Peace Camp veranstaltet haben, ging es eigentlich um internationale Jugendbewegung“, erinnerte sich Rolf Zimmermann. Doch schnell sei klar gewesen, dass man viel mehr machen könne. So entstanden über die Jahre viele Botschaften für Andere, beispielsweise das Grundsätze-Denkmal oder die Klima-Box. „Die 5000 Menschen, die pro Jahr zu unseren Kursen kommen, erleben diese Dinge immer“, weiter. Auch ist der »Friedenspfad« mittlerweile Teil des Eifelsteigs und des Wildnis-Trails, so dass viele Wanderer unvermutet mit rund 200 Friedensbotschaften der Rotkreuzler konfrontiert werden.

Wer findet seine in den Wirren der Flucht verlorengegangenen Familienmitglieder? Foto: Henri Grüger/pp/Agentur ProfiPress

Der Ablauf ist in den bisherigen 10 Jahren meist gleich gewesen: Sieben Tage an den Projekten bauen, der Rest ist Brainstorming bzw. Vorbereitung. Auch Ausflüge zum Kölner Dom, zum Haus der Geschichte nach Bonn, oder zum Drachenfels gehörten dazu.

„Wir wollen zeigen: Es ist nicht alles Gold, was glänzt“, so Zimmermann: „Gerade auch in Hinblick auf die NS-Historie Vogelsangs oder Besuche eines Schlachtfeldes bei Malmedie, in dessen heute noch sichtbaren Schützengräben in rund drei Wochen fast 40.000 Menschen ihr Leben verloren haben. Das versuchen wir den Teilnehmer auch vor Augen zu führen. Und eben gemeinsam zu überlegen: Was können wir für die Zukunft besser machen?“

Nach jedem Tag standen ein gemeinsames Abendessen und lange Gespräche am Lagerfeuer auf dem Plan. Foto: Henri Grüger/pp/Agentur ProfiPress

Nach den gemeinsamen Arbeitstagen wurde gemeinsam gegessen und der Abend bei Gesprächen am Feuer entspannt ausklingen gelassen. So käme auch bei gemeinsamen Aktivitäten wie Spülen, ganz automatisch gute Stimmung auf, die auch das Miteinander weiter stärke.

Auch trotz landestypischen sowie gesellschaftlichen Gewohnheiten und Unterschieden, sei es durch Generationenkonflikte oder für manche nahezu unbekannte Themen wie „LGBTQ+“, kommen alle fast problemlos miteinander klar, die Stimmung sei locker und man sucht stets nach gemeinsamen Lösungen. Ein ganz besonderes Camp eben, das in den Höhen der Rureifel vor mittlerweile zehn Jahren ins Leben gerufen wurde.

pp/Agentur ProfiPress