Bleibuirer „Jugendkeller“ soll bleiben

Jugendliche und junge Erwachsene setzen sich für den Wiederaufbau ihres von der Flutkatastrophe zerstörten Rückzugsortes ein – Klaus-Peter Hoss aus Bleibuir rief den „Jugendkeller“ vor rund 50 Jahren sogar mit ins Leben – „Ihn nun wieder und sogar für immer zu verlieren, würde uns allen sehr wehtun“ – Bereitschaft zur erneuten Renovierung aus eigener Kraft sei da, doch stände noch weiterer Austausch mit der Mechernicher Stadtverwaltung aus

Von Henri Grüger

Mechernich-Bleibuir – Der „Jugendkeller“: Eine Institution, die seit über 50 Jahren ehrenamtlich und über viele Generationen erst ins Leben gerufen und schließlich gewissenhaft betrieben sowie umsorgt wurde. Gezeichnet von den vergangenen Dekaden erlangte der historische Keller der „alten Schule“ in Bleibuir eine einzigartige Bedeutung als Treffpunkt und Rückzugsort vieler Jugendlicher und junger Erwachsener – nicht nur aus dem Mechernicher Stadtgebiet. Steht all dies plötzlich vor dem Aus?

Nun war die Flut im Sommer des vergangenen Jahres zwar nicht die erste Naturkatastrophe, die den „Keller“ heimsuchte, doch wohl die verheerendste. Sie zerstörte mühsam zusammengesparte Möbel, einen Kicker, Massagestuhl und eine Musikanlage, machte die (mehrfachen) Renovierungsarbeiten von Jahren zunichte. Die eiserne Eingangstür wurde von den Fluten zerbeult und aus den Angeln gerissen. Nichts war mehr zu retten, als das Wasser samt Schlamm schließlich rund einen Meter fünfzig hoch im Raum stand.

Wollen den Bleibuirer „Jugendkeller“ nach mehreren schweren Schlägen mit „Urgestein“ Klaus-Peter Hoss vor einer möglichen Schließung retten: (V. l.) Leon Breuer, Simon Wegener, Mina Bongart, Ramon Scheidtweiler und Maurice Henk. Foto: Henri Grüger/pp/Agentur ProfiPress

Danach wusste niemand recht, wie es weitergeht, doch man war sich sicher, dass man gemeinsam viel erreichen kann, wie man es auch in den Vorjahren bereits bewerkstelligte: Für Mina Bongart, Maurice Henk, Simon Wegener, Ramon Scheidtweiler und Leon Breuer, allesamt federführend im Erhalt ihres geliebten „Kellers“, war die Sache also klar. Sie räumten mit vielen Helfern auf, entfernten Schlamm, Trümmer und durchweichte Wandverkleidungen.

Doch steht die Zukunft des Treffs trotz allem wieder auf der Kippe, denn es sei nicht klar, ob der Jugendraum überhaupt wieder öffnen dürfe…

„Wie ein zweites Zuhause…“

„Die Wände und Decken waren gespickt von »Autogrammen« vergangener Generationen, die mit ihrem »Keller« immer noch viele bedeutende Erinnerungen verbinden“, erinnerte sich Klaus-Peter Hoss. Er selbst ist ein wahres Urgestein des Bleibuirer Jugendtreffs und setzt sich seit dem ersten Tag für ihn ein. Er erzählte dem Bürgerbrief: „Begonnen haben wir hier vor rund 50 Jahren, Anfang der 1970er Jahre auch mit Minas Opa. Der Grundsatz war damals wie heute einfach: Wir wollten den Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus Bleibuir und Umgebung die Möglichkeit geben, sich zu treffen und auszutauschen. Ganz ohne weite Wege in größere Städte oder in irgendwelche Clubs oder ähnliches und mögliche Gefahren, die damit verbunden sind. Wir haben uns um Abflüsse sowie Elektronik gekümmert und sogar wasserfesten Beton als Boden verlegt. Über viele Jahrzehnte wurde dies in Ehren gehalten und umsorgt, oft auch wieder neu gemacht.“

Gleich zwei Mal neues Graffiti, neue Möbel, Beleuchtung und mehr – alles aus eigener Tasche bezahlt und auf die Beine gestellt. So sah es kurz vor der Flut noch aus… Foto: Jugendkeller Bleibuir/pp/Agentur ProfiPress

Auch Mina Bongart, die sich seit vielen Jahren ehrenamtlich für die Institution engagiert, beschrieb: „Wir haben hier so viele schöne Erinnerungen gesammelt, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Für uns war unser »Keller« immer ein bedeutender Ausgleich zu Alltags- oder Schulstress – quasi wie ein zweites Zuhause mit einer zweiten Familie, in dem wir auch Gäste sehr gerne empfangen haben. Wir sind sehr froh, diese Zeit gehabt zu haben, denn sie hat uns wirklich zusammengeschweißt. Das alles nun wieder und für immer zu verlieren, würde uns allen sehr wehtun.“

Auf die Frage, seit wann die jungen Erwachsenen selbst dort aktiv sind, meldete sich auch Leon Breuer zu Wort: „Seit 2017 regelmäßig, davor ab und an. Und ich glaube ich spreche für alle, wenn ich sage, dass wir unsere Jugend hier verbracht haben.“ Daraufhin stimmten ihm die anderen mit einem bedächtigen Nicken zu.

Die Gruppe berichtete weiter, wie Jugendliche und junge Erwachsene aus dem gesamten Umland und noch weiter, sei es Mechernich, Euskirchen und sogar aus Belgien, den Treff regelmäßig besuchten und wertschätzten. Sogar neuen Rasen hatten die damals Jugendlichen vor der Tür gesät.

Nach der Flut bleibt von dem selbst Erschaffenen Rückzugsort nichts als ein Rohbau. Foto: Henri Grüger/pp/Agentur ProfiPress

„Es war schon immer ein besonderer Ort der Gesellschaft. Wenn das Licht noch an war, kam fast jeder, der ihn kannte noch mindestens auf ein Getränk und eine Runde Kicker oder zwei vorbei“, ergänzte Hoss.

Zwei Mal renoviert, dann Corona und Flut

„Im Winter 2019 haben wir uns schließlich dazu entschieden, den rustikalen Charakter unseres »Kellers« moderner zu gestalten, dem Ganzen also eine neue Optik zu verpassen – Historie trifft modern sozusagen. Kaum war dies geschafft und alles hergerichtet, kam erst Corona und dann die Flut“, schaltete sich Maurice Henk in das Gespräch ein.

Er ergänzte: „Oftmals waren 20 bis 25 Leute hier und haben einfach gerne gemeinsam Zeit verbracht, das geht hier sonst nirgendwo annähernd so gut. Wir haben hier beispielsweise Weihnachten, die Mainacht, Halloween, Silvester und auch Geburtstage gefeiert, gemeinsam draußen gegrillt und den Raum auch gerne anderen Gruppen zur Verfügung gestellt, solange sie darauf aufpassten.“

Die Gruppe vor der „alten Schule“ in Bleibuir und dem Eingang zum „Jugendkeller“. Foto: Henri Grüger/pp/Agentur ProfiPress

Bereits zwei Mal hätten die (damals) Jugendlichen ihren „Keller“ aus eigener Kraft renoviert, beim letzten Mal hätten sie dabei rund 500 Euro aus Einnahmen im Getränkeverkauf und eigener Tasche aufgebracht. Auch vor Nachtschichten scheuten sie sich nicht, um dem geschichtsträchtigen Keller ein „neues Gesicht“ zu verleihen. Nachdem neue Rigipsplatten verbaut waren, hätte eigentlich nur noch ein neuer Anstrich gefehlt…

Auch von einem gleich zwei Mal gesprayten und bezahlten Graffiti blieb nichts übrig. „Wir haben das alles mit viel Hingabe und Liebe eingerichtet und entworfen“, so die Gruppe: „So wie es nach dem ersten Mal bereits wegen Renovierung entfernt werden musste, ist inzwischen wieder nichts mehr übrig.“

Sozialer Austausch ohne Internet und Empfang

„Etwas so altes und gemütliches, zumindest vor der Flut, findet man heute nichtmehr oft. Die Gegenüberstellung von alt und neu, Tradition und Jugend – Generation für Generation. Darauf sind wir und all unsere Vorgänger mehr als stolz!“, so Henk.

Mina Bongart demonstrierte das Ausmaß der Zerstörung, in dem sie aufzeigte, wie hoch das Wasser in der Flutnacht im Keller der alten Schule stand und alles Aufgebaute zunichtemachte. Foto: Henri Grüger/pp/Agentur Profipress

„Auch im Winter und bei schlechtem Wetter ist unser »Keller« so ziemlich die einzige Möglichkeit, etwas zu unternehmen. Ganz einfach alternativlos“, so auch Ramon Scheidtweiler.

Simon Wegener berichtete von seinen Fluterfahrungen: „Am diesem Abend habe ich sogar noch mit meinem Vater bis zum Schluss versucht, größere Schäden, beziehungsweise das Eindringen großer Wassermassen zu verhindern – leider vergeblich. Da kam dann Wasser aus allen Lücken und brach schließlich durch die Tür“.

Auch einzigartig: Dort unten gibt es kein Internet. Das bedeutet, Handys sind nutzlos. Das hätten die Jugendlichen aber schon immer gut gefunden, denn so käme der soziale Austausch erst richtig zustande: „Wir haben unsere Handys in Tüten gepackt und Zeit einfach miteinander verbracht“, fasste Wegener zusammen.

Ramon Scheidtweiler betonte auch: „Wir haben unsere Renovierung selbst möglich gemacht. Alle Einnahmen, zum Beispiel durch Getränke, haben wir kontrolliert und auch wieder reinvestiert. Das ist jetzt alles weg“.

Kicker, Massagesessel und vieles mehr fielen der Flutnacht ebenfalls zum Opfer. Foto: Jugendkeller Bleibuir/pp/Agentur ProfiPress

„Kein unlösbares Problem“

Bereits seit fast neun Monaten hätte die Institution einen Antrag zum Wiederaufbau gestellt – bisher ohne Erfolg. Trotzdem seien sie dazu bereit, alles aus eigener Kraft wieder aufzubauen, wenn sie denn dürfen. „Zur Not bekämen wir auch irgendwie das Geld und Sachspenden zusammen, um den »Keller« wieder aufzubauen, auch wenn es frustrierend wäre“, so die Gruppe.

Die Decke müsste eine Höhe von 2,20 Meter haben, was durch das niedrigere Gewölbe, wie es in einem Keller mit solcher Historie vorhanden ist, nicht der Fall ist. Doch Hoss ist sich sicher: „Ich habe vor 50 Jahren hier den wasserfesten Beton mit eingelassen – dann können wir ihn auch wieder rausholen. Keine schöne Arbeit, aber was muss das muss“. Dann würde die Deckenhöhe ausreichen. Weitere Probleme mit optimaler Belüftung und Notausgängen seien ebenfalls umsetzbar.

„Es gibt hier kein unlösbares Problem. Wir waren schon immer und sind immer noch stolz auf unsere Selbstständigkeit und auch das können wir packen!“, fasste Maurice Henk zusammen. Wie und ob es weitergehen kann, werde nun im Weiteren mit der Mechernicher Stadtverwaltung geklärt.

pp/Agentur ProfiPress