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„Sistig, Nabel der Welt…“

Als junger Mensch strebte Dorfschmied Stefan Pütz in die weite Welt – An Ehefrau Karins Seite wurde er ruhiger und sesshaft im Dorf seiner Kindheit

Von Manfred Lang

Kall-Sistig – Als junger Mensch zog es ihn in die große weite Welt, heute hängt „Trenge Steff“, wie Dorfschmied Stefan Pütz in Sistig genannt wird, wie eine Klette an seinem Geburts- und Heimatort. Er ist schon als Kind allein nach Bleibuir zu Freunden und als Zwölfjähriger mit dem Fahrrad selbstständig in den Westerwald zum Geburtsort seiner Mutter in Ferien gefahren – und zwar mit seinem „Navi im Kopf“, Erinnerungen an einen längst vergangenen Familienbesuch.

Der schönste Platz ist für Stefan Pütz noch immer seine Schmiede, auch wenn sich der in vier Berufen aus- und fortgebildete „Restaurator im Handwerk“ nur noch anspruchsvollen Erhaltungs- und Widerherstellungsaufgaben widmet. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Stefan Pütz hat seine erste beiden Lehren (Schlosser und Technischer Zeichner) in Rheinbrohl in der Westerwälder Heimat seiner Mutter gemacht, er hat in München die Technikerakademie für Maschinenbau besucht, ist in Kanada und den USA gewesen und mit seiner Yamaha und den guten Eifeler Motorradkumpels durch halb Europa gekurvt. „Komm, me fahre ens flöck op de Isle of Man“, wurde freitagsabends beschlossen – und ab ging die Post nach Great Britain. „Als Krönung haben wir mal Ostermontagmittag beschlossen, noch heute nach Paris zu fahren“, so Stefan Pütz.

„New York, Tokio, London, Köln, Sistig, das war meine Reihenfolge“, so Stefan Pütz: „Ich habe nie gesagt, ich komme aus der Nähe von Köln…“ Der wortgewandte Sistiger beherrscht außer Eifeler Platt auch das Moselfränkisch des Westerwalds und natürlich Hochdeutsch. Sein Bayerisch klingt so echt, dass ihm Ur-Bajuwaren schon Prügel anboten, weil er behauptete, er stamme nicht aus dem Freistaat, sondern aus der Eifel.

Die ganze Kirmesgesellschaft winkte zum Abschied

Mit der Eheschließung ist der umtriebige Sistiger ruhiger geworden. Heute ist sein Dorf der Nabel der Welt. Sistig ist für „Trenge Steff“ Schmiedefeuer, Maigeloog, Feuerwehr, Kirche, Kirmes, Karneval und seine geliebte Frau Karin, die er „Mümmel“ nannte, als sie noch lebte. Die Liebe zum Heimatdorf beruht auf Gegenseitigkeit: Als er Kirmessonntag mit einem alten BMW-Motorrad zum Studium nach München aufbrach, stand ganz Sistig auf der Straße und winkte.

Sistig ist für „Trenge Steff“, wie Stefan Pütz im Dorf genannt wird, Schmiedefeuer, Maigeloog, Feuerwehr, Kirche, Kirmes, Karneval und seine geliebte Frau Karin, die er „Mümmel“ nannte, als sie noch lebte. Luftbild: Felix Lang/pp/Agentur ProfiPress

Schlagzeilen in der örtlichen Presse machte der Mann mit vier Berufen (Schlosser, Technischer Zeichner, Schmiedemeister und Restaurator im Handwerk) immer wieder seit die mexikanische Handwerkskammer 1980 seine Werkstatt in der Blankenheimer Straße besuchte. Des Öfteren lag er aber auch pressewirksam mit der Obrigkeit im Clinch.

Da ging es einmal um den richtigen Standort für den Maibaum, über den sich Maigeloog und Ortsvorsteher nicht einigen konnten und für den Stefan Pütz sich im Interesse der Dorfjugend an den damaligen Kaller Bürgermeister Hans Kaiser wandte. Bei einem Ortstermin prallten die Interessen aufeinander, doch man fand einen Kompromiss: „Steff“ schmiedete den Maibaumfuß um – und alles passte, ohne den Standort zu wechseln. 

Bis die von dem ewig „verladenen“ Stefan Pütz kunstgeschmiedeten Kronleuchter an der Decke von St. Stephanus hingen, verging geraume Zeit. Erst als Pastor Heinz Schumacher drohte, Pütz‘ Tochter Anne werde ein ungetauftes „Heidenkindchen“ bleiben, kam allmählich Bewegung in die Sache. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Ein anderes Mal – es war 1989 – kostete Stefan Pütz der politische Parteienwechsel von traditionell auf liberal seinen angestammten Sattelsitz auf dem Sankt-Martins-Pferd. „Do kütt jo ose Martin“, riefen ihm die Kinder zu, als er als Infanterist in Feuerwehruniform zum Sicherungsdienst des Martinszugs erschien. Hoch zu Ross ritt damals ein anderer, der Union gefälligerer Sankt Martin, und zwar angeblich des nervösen Pferdes wegen, das sich nur von ihm beherrschen lasse…

Zivilgemeinde Sistig mit Steinfelderheistert und Frohnrath

Die Sankt-Martins-Affäre war nicht nur ein gefundenes Fressen für die Medien, sondern auch für die Büttenredner im Sistiger Kinderkarneval, den Stefan Pütz elf Jahre lang als schlagfertiger und redegewandter Sitzungspräsident zu moderieren pflegte. In jenem Jahr ritten gleich vier Sankt-Martins-Darsteller auf hölzernen Steckenpferden in den Dorfsaal: ein schwarzer, ein roter, ein grüner und ein gelber.

An die kommunale Neugliederung kann sich Stefan Pütz, hier auf dem Dorfplatz, gut erinnern. Hans Müller war der letzte Bürgermeister der selbständigen Zivilgemeinde Sistig, Alfred Wöstemeyer der erste Ortsvorsteher, nachdem Sistig zur Gemeinde Kall gekommen war. Dieses Amt hat heute Karl Vermöhlen inne. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

An die kommunale Neugliederung kann sich Stefan Pütz gut erinnern. Hans Müller war der letzte Bürgermeister der selbständigen Zivilgemeinde Sistig, Alfred Wöstemeyer der erste Ortsvorsteher, nachdem Sistig zur Gemeinde Kall gekommen war. Dieses Amt hat heute Karl Vermöhlen inne. Zur Gemeinde Sistig hatten Steinfelderheistert und Frohnrath gehört, zur Pfarre auch Eichen und Wollenberg.

„Trenge Steff“ – der Hausname „Trenge“ kommt von seiner couragierten Urgroßmutter Katharina – kann sich ganz gut selbst auf den Arm nehmen. Als Karin Pütz mit weitem Abstand zu ihren ersten Kindern Sonja und Achim nochmal schwanger wurde, stand „Steff“ gerade im Begriff, sein Motorrad wieder anzumelden.

Sitzungspräsident Stefan Pütz mit seinem Damenelferrat, links neben ihm Ehefrau Karin. Als die beiden nochmal mit Abstand guter Hoffnung waren, warnte Karin Pütz ihren Mann: „Datt wiss De jo jetz wohl ne von de Bühne raff bööke…“ Repro: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

„Du kannst anmelden gehen“, sagte „Mümmel“ zu ihm, als sie vom Arzttermin kam, „aber unser Kind“ – und präsentierte ihrem verdutzten, aber überglücklichen Gatten die „Papiere“, Ultraschall-Aufnahmen von Töchterchen Anne.

Den Fertigstellungstermin eines kirchlichen Auftrags, Kronleuchter für das Sistiger Gotteshaus zu schmieden, zögerte der kategorisch „verladene“ Dorfschmied immer wieder hinaus. Alle Ultimaten, die Pastor Heinz Schumacher stellte, ließ „Steff“ verstreichen. Da drohte der Seelsorger, er werde das zweite Töchterchen so lange nicht taufen, bis die Kronleuchter in der Pfarrkirche St. Stephanus hingen. „Dann witt datt äve lang e Heidekindche blieve“, konstatierte Schorsch Zander, auch das griffen die Karnevalisten auf. Doch am 7. März 1993 war es so weit – am 75. Geburtstag von „Steffs“ Mutter Anna Pütz wurde Anne doch noch getauft.

pp/Agentur ProfiPress