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Für Ausgebombte und Vertriebene

Nissenhütten im Mechernicher Freilichtmuseum dienten nach dem Krieg als Notunterkünfte – Der Name „Nissen Hut“ geht auf den kanadischen Ingenieur und Pionier-Offizier Peter Norman Nissen zurück

Mechernich-Kommern – Die beiden Nissenhütten auf dem Nachkriegs-Marktplatz im Rheinischen Freilichtmuseum in Kommern (Stadt Mechernich) erfreuen sich großer Beliebtheit bei den Besuchern. Die eine dient als Dokumentationsort für die unmittelbare Nachkriegszeit, die andere befindet sich in einem vergleichsweise schon recht komfortablen Ausbauzustand der fünfziger Jahre.

Schon einen Hauch von Behaglichkeit strahlt diese Wohnküche in einer Nissenhütte im Ausbauzustand der fünfziger Jahre aus. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Zwischen den Nissenhütten, die zum „Marktplatz Rheinland“ gehören, befinden sich für die Selbstversorgung der Bewohner Gemüsegarten und Kaninchenställe. „Stallhasen“ und selbstangebaute Kartoffeln standen bei vielen Familien am Mechernicher Bleiberg noch bis in die siebziger Jahre auf dem Speiseplan.

Die ausgebaute Nissenhütte ist auch bereits „isoliert“. Die Bewohner, meist Ausgebombte und Ostvertriebene, benutzten dazu vielerlei leicht erhältliche Materialien, auch Stroh, Schafwolle oder getrocknetes Farn. Geistiger Vater der Nachkriegsschau im LVR-Freilichtmuseum Kommern ist Dr. Josef Mangold, der unlängst verabschiedet wurde.

Neun Gebäude am „Marktplatz Rheinland“

Insgesamt neun Gebäude wurden in seiner Ägide bereits aufgestellt, neben den Nissenhütten eine evangelische Missionskirche, die Gaststätte Watteler aus Eschweiler über Feld, ein Fertighaus aus dem Quelle-Katalog, eine Asylanten-Containerunterkunft und eine Milchbar aus Brühl.

Der Marktplatz Rheinland, so hieß es unlängst in einer Presserklärung des Landschaftsverbandes Rheinland, stoße „nicht nur bei den Museumsgästen auf Begeisterung, auch in der deutschen freilichtmusealen Szene erhielt Josef Mangold hierfür viel Anerkennung“.

Die linke Nissenhütte im Freilichtmuseum Kommern dient als Dokumentationsort für die unmittelbare Nachkriegszeit, die rechte befindet sich im Ausbauzustand der fünfziger Jahre. . Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

2019 inspirierten die Kommerner Nissenhütten den Krimiautor Herbert Pelzer zu Szenen seines verspäteten „Nachkriegs-Kriminalromas“ mit dem Titel „Es wird jemand sterben“ (KBV-Verlag). Der Roman spielt 1955 in einem Nachkriegs-Dorf am Rand der Eifel. Menschen verschwinden spurlos, finden bei Unfällen den Tod oder werden ermordet.

Autor Pelzer recherchierte vor Ort auf dem Kommerner Kahlenbusch in lebensnaher Kulisse: „Ich selbst habe solche Unterkünfte, Relikte der Amerikaner, noch bis in die 1970er Jahre in Düren stehen sehen!“ Bei einem Museumsbesuch entdeckte er in Kommern zwei dieser Hütten und nahm sie genau in Augenschein. Sie zeigen lebensnah die Wohnsituation der Flüchtlinge nach 1945.

Einmachschrank in einem Spind-ähnlichen Seitenräumchen der Küche. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Für Pelzer war die Möglichkeit, solche Schauplätze aus der Vergangenheit zu studieren, ideal: „Ich habe mir ein genaues, auch atmosphärisches Bild machen können. Von außen gleicht die Hütte in meinem Roman exakt den Hütten im Museum.“

Der Begriff „Nissenhütte“ (engl. „Nissen hut“) geht auf den kanadischen Ingenieur und Pionier-Offizier Peter Norman Nissen zurück. Er entwickelte die leicht und schnell aufzubauenden Metall-Halbröhren im Jahr 1916 aus Wellblech. Die in Fertigbauweise vorgefertigten Nissenhütten dienten zunächst der Armee im Ersten Weltkrieg als möglichst billige, schnell zu errichtende mobile Unterkunft. Vier bis sechs Soldaten benötigten rund vier Stunden, um eine solche Hütte aufzubauen.

Unter Denkmalschutz gestellt

Im Jahre 1941 entwickelten die USA in „Quonset Point“ im Bundesstaat Rhode Island eine Wellblechhütte, die „Quonset hut“, die über 150.000-mal gebaut wurde und weltweit eingesetzt wurde. In der Nachkriegszeit diente das in Europa zunächst militärisch eingesetzte Material beim Aufbau von Internierungs-, Gefangenen- und Entlassungslagern.

In der britischen (rheinischen) und der amerikanischen Zone und im britischen Sektor von Berlin wurden Nissenhüttenlager für die große Zahl der infolge von Vertreibung und Bombenangriffen obdachlos gewordenen Menschen errichtet. Bis zu zwei Familien wurden in dem durch eine dünne Wand getrennten Raum untergebracht. Berichten zufolge wohnten alleine in Hamburg bis zu 14.000 Menschen in diesen Unterkünften.

Manchmal lebten auch zwei Familien in einer Nissenhütte. Dann hieß besonders im Schlafbereich zusammenrücken… Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Bewohnte Nissenhütten finden sich heute beispielsweise noch in Kropp, Brunsbüttel. In Husum wurde eine Nissenhüttensiedlung mittlerweile unter Denkmalschutz gestellt. In einigen Gebieten des Pazifiks, beispielsweise auf Espiritu Santo in der Inselrepublik Vanuatu, waren etliche der „Quonset huts“ noch 2011 bewohnt. Auf der schottischen Orkneyinsel Lamb Holm gibt es mit der Italian Chapel ein aus zwei Nissenhütten bestehendes Kirchengebäude.

pp/Agentur ProfiPress