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„Dass wir nie vergessen“

Im Beisein seines Sohnes Adrian Levano wurde in Kommern ein Stolperstein für Arthur Levano verlegt – Er konnte 1939 vor den Nazis nach England fliehen und starb 1960 – Gedenken an die Familie Levy und an das jüdische Leben im Ort    

Kommern – Manchmal sind es kleine, alltägliche Dinge, die einem die Sprache verschlagen. Banale Dinge, die in einem bestimmten Kontext auf einmal eine ganz besondere Bedeutung und Symbolik erlangen. So war es bei Gisela Freier als sie im Jahr 2000 mit Gleichgesinnten Überlebende der jüdischen Familien Kommerns in London besuchte.

Es war eine emotionale Reise für ihn an den Ort seiner Vorfahren: Adrian Levano war aus England angereist, um der Verlegung des Stolpersteins für seinen Vater Arthur Levano in Kommern beizuwohnen. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress
Es war eine emotionale Reise für ihn an den Ort seiner Vorfahren: Adrian Levano war aus England angereist, um der Verlegung des Stolpersteins für seinen Vater Arthur Levano in Kommern beizuwohnen. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress

In der Küche von Adrian Levano und seiner Frau standen über 30 Glühweintassen vom Kölner Weihnachtsmarkt, die sie von ihren alljährlichen Reisen dorthin mitgebracht hatten, schön aufgereiht in einer Vitrine. „Zuerst konnte ich es gar nicht fassen, dass jemand, dem Nazideutschland fast die komplette Familie ermordet hat, Andenken aus Deutschland in Ehren hält“, sagte Gisela Freier: „Aber dann begriff ich, dass diese Sammlung ein Zeichen dafür ist, dass zwischen den so sehr traumatisierten Gruppen Normalität und Freundschaft wieder möglich sind.“

"Dieser Stein kann mithelfen, dass wir nie vergessen“, sagte Adrian Levano während seiner Rede umrahmt von den Mitgliedern des Initiativkreises „Forschen – Gedenken – Handeln“ Elke Höver (r.), Rainer Schulz (l.) und Gisela Freier (3.v.l.). Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress
“Dieser Stein kann mithelfen, dass wir nie vergessen“, sagte Adrian Levano während seiner Rede umrahmt von den Mitgliedern des Initiativkreises „Forschen – Gedenken – Handeln“ Elke Höver (r.), Rainer Schulz (l.) und Gisela Freier (3.v.l.). Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress

Inhaber eines Bekleidungshauses

So freute sie sich sehr, dass sie jetzt im Namen der Initiativ-Gruppe „Forschen – Gedenken – Handeln“ eben diesen Adrian Levano in Kommern begrüßen durfte, um gemeinsam mit ihm und rund 50 weiteren Teilnehmern einen Stolperstein für dessen Vater Arthur Levano zu verlegen.

Die Schülerinnen der Marienschule Euskirchen, Alexandra Schmitz (v.r.), Magali Borgmann. Laura Kips und Julia Schultz erinnerten in der Pützgasse an die Synagoge und das jüdische Leben in Kommern. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress
Die Schülerinnen der Marienschule Euskirchen, Alexandra Schmitz (v.r.), Magali Borgmann. Laura Kips und Julia Schultz erinnerten in der Pützgasse an die Synagoge und das jüdische Leben in Kommern. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress

Der hatte am 8. Juni 1890 in Kommern das Licht der Welt erblickt. Seit 1920 war Levano Inhaber des Bekleidungshauses J. Sponzel jr. in Hanau bei Frankfurt/Main, einem großen Textilkaufhaus mit sechs Abteilungen. „Die Belegschaft bestand aus 45 Angestellten, meist Frauen. Geschäftsführerin war eine Frau. 1937 wurde das Geschäft enteignet und am 26. August 1938 an neue Besitzer übertragen. Arthur Levano verlor sein Eigentum. Er zog Ende 1938 bis zu seiner Flucht wieder zu seinen Geschwistern nach Kommern“, berichtete Rainer Schulz von der Initiativ-Gruppe.

Keine leichte Reise

Noch am 10. Februar 1939 bescheinigt Markus Schmitz, der Kommerner Synagogenvorsteher, dass Arthur Levano Mitglied der Kommerner israelitischen Gemeinde ist. Wenige Wochen später, am 1. April 1939, floh Levano dann nach England. Nach seiner Heirat lebte er in Birmingham. 1957, drei Jahre vor seinem Tod, wurde sein Sohn Adrian geboren.

„Dass wir heute hier stehen und an unsere jüdischen Mitbürger erinnern, ist ein Erfolg gegen die Nationalsozialisten“, sagte Landrat Markus Ramers. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress
„Dass wir heute hier stehen und an unsere jüdischen Mitbürger erinnern, ist ein Erfolg gegen die Nationalsozialisten“, sagte Landrat Markus Ramers. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress

Für den war es keine leichte Reise. Obwohl er seinen Vater nicht wirklich hat kennenlernen dürfen, war Adrian Levano am Heimatort seiner Vorfahren sehr ergriffen. Auch während seiner in Deutsch gehaltenen Rede musste er immer mal wieder innehalten. Trotzdem war seine Botschaft klar und deutlich: „Wenn wir vergessen, kann etwas ähnliches wieder geschehen. Dieser Stein kann mithelfen, dass wir nie vergessen.“

Rainer Schulz berichtete über das Leben von Arthur Levano, der bis zur Enteignung durch die Nazis Inhaber eines Bekleidungsgeschäfts in der Nähe von Frankfurt war. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress
Rainer Schulz berichtete über das Leben von Arthur Levano, der bis zur Enteignung durch die Nazis Inhaber eines Bekleidungsgeschäfts in der Nähe von Frankfurt war. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress
 

Diesen Aspekt griff auch Landrat Markus Ramers auf, der den Initiatoren dieser Stolperstein-Verlegung ausdrücklich für ihr Engagement im Sinne des Erinnerns dankte. „Mit der Endlösung verfolgten die Nazis das Ziel, alles, was mit jüdischem Leben zu tun hatte, auszulöschen“, so Ramers: „Dass wir heute hier stehen und an unsere jüdischen Mitbürger erinnern, ist ein Erfolg gegen die Nationalsozialisten. Sie haben ihr Ziel nicht erreicht.“

Vereint: Die Stolpersteine für die Geschwister Paula, Flora, Hugo und Arthur Levano in der Kölner Straße. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress
Vereint: Die Stolpersteine für die Geschwister Paula, Flora, Hugo und Arthur Levano in der Kölner Straße. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress

Dennoch sind auf dem schrecklichen Weg, den die Nazis verfolgt haben, zahlreiche Menschen jüdischen Glaubens aus dem Leben gerissen worden. Insgesamt 33 Stolpersteine sind in Kommern inzwischen verlegt worden – teilweise dank der Mithilfe des städtischen Bauhofs. Darunter auch drei, die in der Straße „Im Wingert“ an die Eltern Julius und Margarethe sowie ihren neunjährigen Sohn Herbert erinnern. Deren Stolpersteine waren im vergangenen Jahr wegen Corona unter Ausschluss der Öffentlichkeit verlegt worden.

Weiße Rosen legte Gisela Freier an den Stolpersteinen nieder, die in der Straße „Im Wingert“ an die Familie Levy erinnern. Mutter Margarethe und der neunjährigen Sohn Herbert starben im Ghetto in Riga, Vater Julius wurde im KZ Buchenwald ermordet. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress
Weiße Rosen legte Gisela Freier an den Stolpersteinen nieder, die in der Straße „Im Wingert“ an die Familie Levy erinnern. Mutter Margarethe und der neunjährigen Sohn Herbert starben im Ghetto in Riga, Vater Julius wurde im KZ Buchenwald ermordet. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress

Gedenken an Familie Levy

Jetzt wurde auch ihrer gedacht. Dazu trugen Magali Borgmann, Laura Kips, Alexandra Schmitz und Julia Schultz bei. Die Schülerinnen der Klasse 8 der Euskirchener Marienschule berichteten über das Schicksal der Familie Levy. 1941 deportiert ins Ghetto Riga, wurden Mutter und Sohn vermutlich dort ermordet, während Vater Julius Levy 1945 im KZ Buchenwald starb. An einer weiteren Station in der Pützgasse erinnerten die Schülerinnen auch an die ehemalige Synagoge und an das jüdische Leben im Ort.

Marienschul-Lehrerin Elke Höver las den Text „Adolf Hirsch, Mensch!“ vor. Es ist eine nachdenklich machende Geschichte darüber, was eine furchtbare Ideologie Schreckliches anzurichten vermag und dass es oft ganz viel Mut erfordert, Mensch zu sein. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress
Marienschul-Lehrerin Elke Höver las den Text „Adolf Hirsch, Mensch!“ vor. Es ist eine nachdenklich machende Geschichte darüber, was eine furchtbare Ideologie Schreckliches anzurichten vermag und dass es oft ganz viel Mut erfordert, Mensch zu sein. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress
 

Ihre Lehrerin Elke Höver, ebenfalls Mitglied im Initiativkreis „Forschen-Gedenken-Handeln“, hatte während der Station zuvor die Geschichte über Adolf Hirsch vorgetragen, einem jüdischen Jungen, dem in seiner Klasse nach der Machtergreifung durch die Nazis übel mitgespielt wird. Von Lehrern und Schülern gedemütigt, schreibt er an die Tafel „Adolf Hirsch, Mensch“. Daraufhin wird er verprügelt, geht nach Hause und wird nie wieder gesehen. Es ist eine nachdenklich machende Geschichte darüber, was eine furchtbare Ideologie Schreckliches anzurichten vermag und dass es oft ganz viel Mut erfordert, Mensch zu sein.

pp/Agentur ProfiPress