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Zwischen Wahrheit und Wahrnehmung

Zum Abschluss der Lit.Eifel-Spielzeit 2019: Norbert Scheuer las in der voll besetzten Antoniuskirche in Rott aus seinem gefeierten Roman „Winterbienen“

Roetgen-Rott – Renommierte Autoren an ungewöhnlichen Leseorten – das ist einer der Slogans der Lit.Eifel. Bei der letzten Lesung der Spielzeit 2019 hätte es passender nicht sein können. Der Autor, Norbert Scheuer, war mit seinem neuesten Roman „Winterbienen“ jüngst für den Deutschen Buchpreis nominiert gewesen – wie auch schon 2009 für „Überm Rauschen“. Renommee kann man ihm also nicht absprechen. Als Leseort diente die Pfarrkirche St. Antonius in Rott. Scheuer hatte zwar schon in Kirchen gelesen, doch noch nie neben einer aufgebauten Krippe. Ungewöhnlich war dieser Leseort auf jeden Fall auch.

Norbert Scheuer (l.) las etwa 20 Tagebucheinträge und Fragmente aus seinem gefeierten Roman „Winterbienen“. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Aber eben auch vortrefflich geeignet für diesen rund zweistündigen Abend, der musikalisch vom Duo Riemer-Geschwind, bestehend aus Sängerin und Trompeterin Susanne Riemer, und Gitarrist Wilhelm Geschwind, umrahmt und begleitet wurde. Denn in „Winterbienen“ geht es nicht nur um illegale Fluchten über die deutsch-belgische Grenze, die von Rott nur einen Steinwurf entfernt liegt. Auch das Klerikale spielt eine eminent wichtige Rolle, ob in Form von Fragmenten Ambrosius Arimonds, der im 15. Jahrhundert Mönch im Kloster Steinfeld war, oder eben durch reale Begebenheiten wie das Herz des Cusanus, das aus Italien nach Kues transportiert werden soll.

Die St.-Antonius-Kirche in Rott war bei der Lesung Norbert Scheuers voll besetzt. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

In der voll besetzten Antoniuskirche las Scheuer aber nicht nur rund 20 Passagen aus seinem aus Tagebucheinträgen bestehenden Roman. Er ließ sich von Moderator Arno E. Chun (gesprochen: Kuhn) auch interessante Hintergrundinformation zum Buch entlocken. „Sie sollen den Text nicht nur hören, sondern auch verstehen“, so Chun in den einleitenden Worten, die nach der Begrüßung durch Uwe Breda erfolgten, in der Gemeinde Roetgen zuständig für den Bereich Kultur.

Norbert Scheuers Freund Arno E. Chun (r.) moderierte die Lesung und befragte den Autor zwischen einzelnen Passagen zu Hintergründen. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Chun animierte die Zuschauer nicht nur dazu, selbst Fragen zu stellen, sondern war selbst wissbegierig. Besonders eines interessierte ihn: Was ist Wahrheit, was Fiktion in Scheuers Roman? Der Autor, der seit fünf Jahren mit Chun befreundet ist, antwortete daraufhin ebenso ausweichend wie charmant. „Alles, was ich schreibe, ist wahr“, sagte er – aber eben auch, weil er sich aus Wahrheit und Wahrnehmung seine eigene Realität erschaffe. Etwa wie bei den Figuren Ambrosius Arimond und Johann von Erkelenz: „Sie könnten real gewesen sein.“

Allerorten Inspiration

Inspiration findet Scheuer überall. Eine Führung zum Herz des Cusanus in Bernkastel-Kues und die Aussage des Referenten „Wäre es nicht eine tolle Idee, mal darüber einen Roman zu schreiben?“, die bei Scheuer Zustimmung fand etwa. Oder in Internet-Videos, in denen sich Menschen eine Bienenkönigin an den Körper haften und ein Bienenvolk sich um diesen Körper schart und ihn komplett bedeckt. Dieses Bild und dieses Verhalten von Bienen nutzte Scheuer für seine Fluchtgeschichten. Und dann gab es da noch diesen Imker in Kall, der in den Kriegstagen Tagebuch geführt hatte. „Da war mir klar, dass sich das als Stoff für einen Roman eignete.“

Das Duo Riemer-Geschwind, bestehend aus Susanne Riemer und Wilhelm Geschwind, untermalte und umrahmte wieder einmal eine Norbert-Scheuer-Lesung bei der Lit.Eifel. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Auch die Liebe hat in diesen wirren Zeiten am Ende des Zweiten Weltkrieges in der Eifel Platz, in Form einer lebensgefährlichen Affäre zwischen der Hauptfigur Egidius Arimond und der Bibliothekarin Charlotte, die mit einem ranghohen Nazi liiert ist. Wie Scheuer diese Zärtlichkeiten formuliert, den Körper Charlottes detailliert beschreibt, ist gerade noch züchtig genug, dass es auch in einer geweihten Kirche nicht zu Irritationen kommt.

Zum zweiten Mal stand Norbert Scheuer auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Bei der Lit.Eifel ist der Kaller Stammgast. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Drei Jahre hat Norbert Scheuer an „Winterbienen“ geschrieben, währenddessen auch viel Recherche betrieben. „Die Sinne sind geschärft, wenn das Thema klar ist“, so Scheuer. Weniger klar für die Zuschauer war, ob die Bienen eine Metapher darstellen oder eben einfach nur Bienen seien. Scheuer ist ehrlich: „Als ich den Roman geschrieben habe, waren sie keine Metapher.“ Doch es mache natürlich den Reiz für einen Autor aus, dass mancher Leser darin eben das Sinnbild eines totalitären Staates erkennen möchte als Anspielung auf die Zeit, in der der Roman spielt.

Premiere für Norbert Scheuer: Neben einer Krippe hat der renommierte Autor noch nie aus seinen Werken gelesen. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Auf ein neues Buch müssen die Scheuer-Fans auf jeden Fall noch etwas warten. Denn selbst wenn er schon eine neue Idee hätte, würde er sie momentan unterdrücken, wo ihn „Winterbienen“ noch so beschäftigt. „Ich komme momentan nicht zum Schreiben, deshalb wäre das also schlecht.“ Viel mehr will er den rund 90 Zuschauern in der Antoinius-Kirche nicht verraten, vor allen Dingen nicht über seinen aktuellen Roman. „Wenn Sie wissen wollen, wie es weitergeht, müssen Sie das Buch kaufen.“

pp/Agentur ProfiPress