Spannende Menschen und Momente
50 Jahre Stadt Mechernich aus der Sicht eines Auslandskorrespondenten a.D., der ein paar Jahre in Mechernich zu Hause war
Von Udo Lielischkies
„Schreib doch mal auf, was Dich mit Mechernich verbindet…“ Mein erster Reflex: Nein! Bitte nicht! Ich habe gerade einmal sieben Jahre meines Lebens in Mechernich verbracht. Die übrigen in Großstädten, davon 25 im Ausland, in Paris, Brüssel, Moskau und Washington. Und jetzt soll ich über Mechernich…
Meine urbane Arroganz weicht schnell reumütigem Innehalten: Waren es nicht in Wahrheit die spannenden Menschen und Momente, die mich bis heute gefangen nehmen, statt der berühmten Straßen und Plätze, der Monumente und Museen? Die weltberühmten Champs Elysées, in deren Seitenstraße ich damals wohnte, sind heute nur noch verblasste Erinnerung an teure Straßencafés. Mit Herzklopfen aber denke ich an die Abende mit Sylvie im schäbigen Dachzimmer.
Die so gar nicht weltberühmte Bahnstraße in Mechernich beschert mir mindestens so viel nostalgisches Adrenalin: 1969, wir schwänzen den Gottesdienst in der ersten Schulstunde und schleichen uns zum Flippern in eine Kneipe, kalter Rauch, die Faszination des Verbotenen. Doch dann die überraschende Razzia des strengen Schuldirektors Kaernbach, der den fliehenden Klassenkameraden Axel noch im Klofenster erwischt, Herzklopfen, Skandal, Elterngespräche.
Mechernich. Das ist die Holzbank, unten an den Wiesen, nahe der 1000-jährigen Eiche, auf der ich – vergeblich – meinen ersten Kuss versuchte. Mechernich, das ist die Bergstraße, wo ich in einem dieser kleinen Arbeiterhäuser im Partykeller die erste LP der Kinks hörte, während wir auf die Mädchen warteten, die nicht kamen. Mechernich, das ist die trotzig gerauchte Gauloises-Zigarette im mühsam erstrittenen Raucherzimmer des Gymnasiums am Turmhof. Mechernich, das ist eine riesige Sammlung von kleinen Momenten, Triumphen und Niederlagen in meiner Jugend.

„Fernab aller Vergnügungen“
Ich war 14, als meine Eltern ihren Wohnsitz vom Kölner Eifelplatz nach Kommern-Süd an den Schwalbenberg verlegten. Kein gutes Alter, um in eine 1967 noch baumlose Steppenlandschaft fernab aller Vergnügungen deportiert zu werden. Mit dem Fahrrad kämpfte ich mich über windige Feldwege zum Aufbaugymnasium in Mechernich, dessen Untertertia noch in den Räumen der Gemeindeverwaltung unterrichtet wurde.
Es war eine andere Welt als die am Kölner Humboldt-Gymnasium. Besonders exotisch für mich: Eine gemischte Klasse, das weibliche Geschlecht auf einmal nur eine Schulbank weiter. Aufregend. Dazu Mitschüler und -schülerinnen aus den umliegenden Gemeinden, die Deutschlehrer Neuens sichtlich zur Verzweiflung brachten. Minutenlang quälte er die Unglücklichen mit Sprechübungen zum Unterschied zwischen „ch“ und „sch“: Nicht „Tich“ sondern „Tisch“, nicht „Fich“ sondern „Fisch“, aber durchaus „ich“ und nicht „isch“. Im verzweifelten Bemühen, den verräterischen Dialekt ihrer ländlichen Herkunft abzulegen mieden viele ängstlich das verräterische „sch“ auch da, wo es hingehört. Augenrollend und grimassierend kämpfte unser Deutschlehrer seinen einsamen Kampf: “ch!“, „sch!“, „ch!“, „sch!“….
Andere Dramen gingen eher an mir vorüber, etwa die kommunale Neugliederung 1969, in der die Großgemeinden Kommern und Mechernich zusammengelegt wurden. Zwar war es ausgerechnet Ulla, die Tochter des Kommerner Bürgermeisters Gehrke, die mir im Tennisclub „Blau-Gold“ die ersten Bälle zuwarf, als ihrem ´Daddy´ schon das Ende seines Amtes drohte. Doch uns bewegten Vietnamkrieg und Prager Frühling mehr als Mechernichs bevorstehende Stadtwerdung. „Dubcêk“ und „Svoboda“ malte ich mit weißer Farbe auf meine Jeans, trug dazu einen bodenlangen Lackleder-Mantel und Hut. Auch das führte zu Interventionen des Schuldirektors, aber Protest und Provokation waren Pflichtübungen der 68er Bewegung, gehörten im pubertären Alter zur Selbstfindung – und machten im ländlich-konservativen Mechernicher Umfeld erst recht Spaß.
Wobei ich durchaus auch die traditionellen Vergnügungen meiner neuen Heimat Mechernich genoss: Schützenfeste in den umliegenden Dörfern inklusive erwartbarer Schlägereien, lange Nächte in der überfüllten Disco „La Quinta“. Sogar einen Maibaum habe ich mit Klassenkameraden erfolgreich aufs Dach einer scheuen Liebschaft in Schützendorf gehievt. Dass er spontan aus der Grünanlage des Dorfes gesägt wurde, dessen männliche Verteidiger diesen Frevel alkoholisiert verpassten, hat mir noch Tage danach eine Mischung aus Stolz und Gänsehaut beschert.

Grundsätzlich allerdings prägte die Angst vor ländlicher Langeweile mein Bild von Mechernich. Partys in schummrigen Kellerbars wollten organisiert werden, wollte man nicht vollends bei den Eltern zuhause versauern. Die Anreise per Mofa war oft mühsam und kalt. Lagerfeuer an den Katzensteinen, Exkursionen in die Münstereifeler „Steinsmühle“ oder zu Euskirchener Fêten mussten mühevoll mit schon älteren Führerschein-Besitzern abgestimmt werden. Alternativ warteten verregnete Bushaltestellen. Kurzum: Für mich war diese kleine, gerade entstehende Stadt Mechernich in der Voreifel eine eher schwierige Kulisse meiner Sturm- und Drang-Zeit.
„Vieles wäre heute ein Skandal“
Dann die Abitur-Vorbereitungen. 27 der ursprünglich 48 Eingeschulten hatten die letzte Runde des Aufbau-Gymnasiums erreicht. Wir waren die erste Klasse, die 1972 in Mechernich Abitur machen sollte. Es herrschte Pionier-Stimmung, auch bei vielen Lehrern. Eine lange Liste von Weltliteratur sollten wir bis zur Prüfung lesen, so Lehrer Neuens, seine Kollegen Werner und Tanas verschärften das Tempo für Englisch und Mathematik ebenfalls deutlich.
Doch wir schrieben das Jahr 1971, der Zeitgeist wollte „Sex, Drugs and Rock´n Roll“, die Wochenenden waren für wilde Partys reserviert. Abitur-Prüfung? Literaturliste? Kann warten! Ich hatte das Glück, obwohl aus Köln immigriert, zu der Klassen-Clique zu gehören, die Rebellion und Tabubruch als wichtigste Reifeprüfung empfand. Pit und Jupp waren treibende Protagonisten. Peter Voiss, früh verstorbener Filmemacher, und Josef Scheidweiler, Arbeiterkind aus der Bergstraße, der ein erfolgreicher Rechtsanwalt wurde und ebenfalls viel zu früh ging – mit ihnen durfte ich all diese verrückten Partys feiern.
Und siehe da: Unsere so ambitionierten Lehrer feierten mit. Lachten mit. Tranken mit. Tanzten mit. Hier bahnten sich Affairen mit Schülerinnen an, die aus Gründen erst nach Abitur und Volljährigkeit in Ehen mündeten. Heute wäre das sicher ein Skandal. Aber es war eine andere Zeit damals. Eine unglaublich aufregende Zeit. Und diese prägenden Jahre habe ich in Mechernich erlebt. Vor allem darum fühle ich mich der Stadt so verbunden.
pp/Agentur ProfiPress