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Ein Strauß zwischen Himmel und Erde

„Krockwösch“, katholisches rheinisches Brauchtum an Mariä Himmelfahrt, wird im Freilichtmuseum Kommern praktiziert

Mechernich-Kommern – Am Montag war wieder Kräuterweihe im Rheinischen Freilichtmuseum in Kommern. Die Hauswirtschafterinnen Sonja Breuer, Monika Blaeser, Anita Wolfgarten und Petra Spürkel hatten wieder reichlich „Bletzkrock“ (Johanniskraut), „Dondekrock“ (Weidenröschen) und „Wurmkrock“ (Rainfarn) gesammelt.

Die Hauswirtschafterinnen Sonja Breuer, Monika Blaeser, Anita Wolfgarten und Petra Spürkel (v.l.) sammelten zu Mariä Himmelfahrt wieder reichlich „Bletzkrock“ (Johanniskraut), „Dondekrock“ (Weidenröschen) und „Wurmkrock“ (Rainfarn). Ebenso die vier Grundgetreidearten vom Bleiberg, Roggen, Gerste, Hafer und Weizen, „Böndeknöpp“ (Großer Wiesenknopf), Schafgarbe, „Biber“, Wermut, Kamille, Königskerze und „Maria Bettstrüh“ (Oregano). Foto: Sabine Roggendorf/pp/Agentur ProfiPress

Ebenso die vier Grundgetreidearten vom Bleiberg, Roggen, Gerste, Hafer und Weizen, „Böndeknöpp“ (Großer Wiesenknopf), Schafgarbe, „Biber“, Wermut, Kamille, Königskerze und „Maria Bettstrüh“ (Oregano). Die zu anmutigen Sträußen („Krautwisch“) gebündelten Heilkräuter wurden nach über 1000 Jahre altem kirchlichen Brauch gesegnet.

Das geschieht immer am Festtag Mariä Himmelfahrt, dem 15. August. Die Kräutersegnung sei eine Art Symbol für die Verbindung zwischen Himmel und Erde, sagte der Ständige Diakon Manfred Lang. Gottes Wirkkraft sei real und Teil der Wirklichkeit in unserer Welt. Bei näherer Betrachtung könne man Gottes Spuren entdecken.

Drei Dutzend Gläubige nahmen an der traditionellen Kräutersegnung vor dem Schützendorfer Kapellchen in der Baugruppe Eifel des Rheinischen Freilichtmuseums in Kommern teil. Foto: Sabine Roggendorf/pp/Agentur ProfiPress

Je nach Ort und Ecke variiert die Anzahl der Kräuter, die an Mariä Himmelfahrt zum Krautwisch gebündelt und gesegnet werden, zwischen sieben und 99. Meistens handelt es sich um die Zahlensymbolik sogenannter „heiliger Zahlen“.

„Wie die Lilien auf dem Felde“

Am Montag wurden im Beisein mehrerer Dutzend Gläubiger und Neugieriger vor dem Schützendorfer Kapellchen (Museumsbaugruppe Eifel) unter fachkundigen Erklärungen der Museums-Wirtschafterinnen Krautwische gebunden, gesegnet und an die Museumsbesucher überreicht. In einem kleinen Gottesdienst wurde gemeinsam gebetet und Marienlieder gesungen.

Sonja Breuer las aus dem Matthäusevangelium: „Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen.“ Der Diakon sagte, dass im Krautwisch-Brauch christliche und vorchristliche Elemente zusammenfließen.

„Das hat nichts mit Zauberei zu tun“, sagte Diakon Manfred Lang: „Auch das Wissen um die medizinische Heilkraft mancher Pflanzen spielt nicht die zentrale Rolle.“ Es gehe um die handfeste Erfahrbarkeit Gottes. „Krockwösch“ sei das Symbol für die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Foto: Sabine Roggendorf/pp/Agentur ProfiPress

Im christlichen Glaubenskontext seien Zahlenmagie und mystische Gesichtspunkte aber heutzutage in den Hintergrund getreten. Wenngleich Krautwisch-Komponenten heute noch immer als Tee oder Futterbeigabe an kranke Menschen oder Vieh verabreicht oder bei Gewitter im Herdfeuer verbrannt werden. „Aber das hat nichts mit Zauberei zu tun“, sagte Lang. Umgekehrt spiele auch das Wissen um die medizinische Heilkraft mancher Pflanzen bei der Kräutersegnung am Festtag der Aufnahme Mariens in den Himmel nicht die zentrale Rolle.

Lang: „Es geht, glaube ich, um die handfeste Erfahrbarkeit Gottes. Der Allmächtige ist keine abstrakte Größe, über die man nur philosophieren oder theologisieren könnte. Gott ist uns näher als die eigene Nasenspitze, er durchdringt seine ganze Schöpfung, er ist in der Heilkraft der Kräuter ebenso präsent wie in unserem Leben.“

Eine stattliche Hühnerschar gesellte sich zu den Gläubigen auf dem Platz vor der Kapelle aus Schützendorf und machte das vermeintliche Idyll anlässlich der Kräuterweihe an Mariä Himmelfahrt nahezu perfekt. Foto: Sabine Roggendorf/pp/Agentur ProfiPress

Das junge Mädchen Maria, das vor 2000 Jahren den Anruf Gottes hörte, annahm und ihr Leben ganz danach ausrichtete, sei bis heute das Vorbild dieser Gotteserfahrung: „Maria ist eine von uns. Sie ist mir sehr sympathisch und sie weiß, was uns fehlt…“

Der „Krautwisch“ gilt als heil- und wunderwirksam. Auch der „Krockwösch“ des Vorjahres wird nach Mariä Himmelfahrt nicht einfach weggeworfen, sondern traditionell dem Feuer überantwortet. Beim Neubau eines Hauses legte man früher geweihte Kräuter unter die „Dörpel“ genannte Haustürschwelle. Beim Tod eines Familienmitgliedes werden vereinzelt noch immer Zweige des „Krockwöschs“ mit in den Sarg gelegt.

pp/Agentur ProfiPress