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Zentrale Gedenkstelle geplant

Rat entscheidet über eine Erinnerungstafel für alle Opfer des „Dritten Reiches“ vor dem Mechernicher Rathaus – Bürgermeister Dr. Hans-Peter Schick: „Bekenntnis nach fast 80 Jahren nötig“ – Gedenken an Opfer des Holocaust, Zwangsarbeiter und Zivilisten – Bedeutend für die junge Generation

Von Tim Henrich

Mechernich – „Auch Mechernich war Teil dieses Deutschlands mit all seinen Gräueltaten“, konstatierte der Journalist und Sachbuchautor Franz Albert Heinen im Mechernicher Stadtrat. Der frühere Redakteur beim „Kölner Stadt-Anzeiger“ und Verfasser der Dokumentation „Abgang durch Tod – Zwangsarbeit im Kreis Schleiden 1939 – 1945“ stellte den Politikern ein Denkmalprojekt vor, das erstmals am Bleiberg und im Kreis Euskirchen an ausnahmslos alle Opfer von Naziregime und Krieg erinnern soll.

Alle Ratsfraktionen stimmten für das Vorhaben, das erstmals in der Eifel auch an die Zwangsarbeiter erinnern soll, die aus den besetzten Ländern im Osten, besonders Polen und der Sowjetunion, nach Deutschland verschleppt und hier versklavt wurden und vielfach ums Leben kamen. 2700 waren es im früheren Kreis Schleiden, 627 allein in jener Hälfte des Stadtgebiets Mechernich, die zu Schleiden gehörte.

Die zentral liegende Gedenkstätte soll direkt am Rathaus errichtet werden, so Bürgermeister Dr. Hans-Peter Schick, der im Vorfeld an der Entstehung der Denkmalsidee Franz Albert Heinens mitgewirkt hatte, ebenso wie Gisela Freier, die frühere Hauptschullehrerin, die in der Stadt Mechernich mit Christine Hiller und ihren Schülern viele Schicksale Mechernicher Juden erforschte und freundschaftliche Verbindungen zwischen Stadt und Düsseldorfer Synagogengemeinde knüpfte.

1949 war bereits ein Gedenkkreuz auf dem Mechernicher Friedhof für Todesopfer unter den Zwangsarbeitern errichtet worden, unter anderem Franzosen, Polen und 17 „Russen“. Die in Wirklichkeit 28 Opfer aus der Sowjetunion – auch Ukrainer, Weißrussen usw. – wurden später nach Hollerath und danach nach Rurberg umgebettet, wo heute ein zentraler sowjetischer Friedhof existiert. Repro: FA Heinen/pp/Agentur ProfiPress

„Widersteht Hass und Hetze“

Die Tafel, deren Untergrund eine rund 2,5 Meter hohe Platte aus rostendem Stahl bilden soll, listet Opfergruppen auf, die in Mechernich, Kommern und Umgebung unter der Nazi-Herrschaft gelitten haben und gestorben sind. Zu finden sind unter anderem die Opfer des Holocaust, Opfer von Zwangs- und Sklavenarbeit, Kriegs- und Ziviltote, Gewerkschafter, Linke, Homosexuelle, Sinti sowie die Opfer von Euthanasie und Zwangssterilisation, auch am Kreiskrankenhaus Mechernich.

Die vom Stadtrat und der Stadtverwaltung unterzeichnete Tafel soll mit einem Appell enden. Er lautet: „Die Zerstörung von Demokratien beginnt mit der Ausgrenzung, Entrechtung und Entmenschlichung einzelner Bevölkerungsgruppen. Verteidigt den Rechtsstaat – Widersteht Hass und Hetze – Bewahrt Frieden – Rat und Verwaltung der Stadt Mechernich, 2021“.

Franz Albert Heinen und einige Historiker, mit denen er bei seinen Forschungen zusammenarbeitet, Gisela Freier, der Mechernicher Heimatforscher Peter Lorenz Koenen, Bürgermeister Dr. Hans-Peter Schick und als Koordinator der Mechernicher Autor und Diakon Manni Lang beschäftigen sich bereits seit einem Jahr mit der Verdichtung der Erinnerungsschatten zu einem Gedenkprojekt am Rathaus.

Der Journalist und Sachbuchautor Franz Albert Heinen („Abgang durch Tod“) stellte im Mechernicher Stadtrat ein Denkmalprojekt vor, das erstmals am Bleiberg und im Kreis Euskirchen an ausnahmslos alle Opfer von Naziregime und Krieg erinnern soll. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

„Vorbehaltloses Vertrauen“

In mühevoller Feinabstimmung wurde um den Text der Erinnerungstafel gerungen, „mitunter um einzelne Wörter“, so Franz Albert Heinen, der zurzeit auch ein Erinnerungsprojekt in der Gemeinde Hellenthal begleitet. Gleichwohl können und dürfen Mechernichs Politiker nun noch eingreifen, entsprechende Wünsche äußerten in der Sitzung bereits Dr. Peter Schweikert-Wehner (SPD), Marco Kaudel (CDU) und Oliver Totter (FDP). Natalie Konias (Bündnis 90/Die Grünen) signalisierte hingegen „vorbehaltloses Vertrauen“ in Franz Albert Heinen und sein Team.

Der bislang mit Historikern abgestimmte Text lautet: „Erinnert Euch: Die Stadt Mechernich gedenkt ihrer Kinder, Frauen und Männer, die während des Nationalsozialismus verfolgt wurden und umkamen, weil ihnen aus politischen, religiösen oder rassistischen Motiven die elementaren Menschenrechte vorenthalten wurden, ebenso aller Vermissten, Gefallenen und Ziviltoten des Zweiten Weltkriegs.“

In Mechernich gibt es bereits eine Reihe von Gedenkstätten für einzelne Opfergruppen, unter anderem in der Marienau für diese erschossenen Zwangsarbeiter, deren sterbliche Überreste in die Bonner Universitätsanatomie kamen. Foto: FA Heinen/pp/Agentur ProfiPress

Und weiter: „Wir gedenken insbesondere an dieser Stelle: – der jüdischen Bürgerinnen und Bürger, die aus rassistischen Motiven gedemütigt, ausgeraubt, vertrieben und ermordet wurden; der politischen Opposition und der Gewerkschafter, die ab 1933 in Haft unter nationalsozialistischer Gewalt litten; der in Mechernich und in der Region in Zwangsarbeitskommandos elend umgekommenen sowjetischen Kriegsgefangenen; der aus dem deutsch besetzten Polen und Osteuropa in die Stadt Mechernich und in die Region verschleppten Tausenden zivilen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, von denen viele hier getötet wurden oder die oft aus nichtigem Anlass ins Konzentrationslager kamen und zugrunde gingen.“

Und: „der Opfer von Zwangssterilisationen im Krankenhaus Mechernich; der Opfer nationalsozialistischer Krankenmorde. Einige Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt beteiligten sich an Übergriffen gegen die Opfer, viele schauten tatenlos zu, andere leisteten im Rahmen ihrer Möglichkeiten Widerstand.“ In den Textentwurf Heinens sind nach und nach auch Wünsche und Formulierungen der beteiligten Historiker, von Dr. Hans-Peter Schick und Manfred Lang sowie Gisela Freier und PeLo Koenen eingegangen.

Die Geschichte der Juden in Mechernich sei dank Christine Hiller und Gisela Freier und ihrer Mechernicher Hauptschüler gut aufgearbeitet, befand der frühere Stadt-Anzeiger-Redakteur Franz Albert Heinen, hier vor einem Bild des jüdischen Friedhofs im Steinrausch. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Enthüllung im Herbst

Am Entwurf für das Tafelrelief und die grafische Textgestaltung arbeiten die Grafikerinnen Kathrin Wallraf und Anna von Laufenberg. Die Herstellung soll dem Hosteler Spezialmetallbetrieb Willi Müller übertragen werden, die feierliche Einweihung ist je nach Corona-Verlauf mit einem Festakt im Herbst geplant.

Franz Albert Heinen und seine Mitstreiter arbeiten bereits an einem von den Ratspolitikern im Übrigen geforderten umfangreichen Text zur Zeit des Nationalsozialismus in Mechernich und seiner Opfer. Er soll zur Einweihung in gedruckter Form vorliegen und über QR-Code an der Gedenktafel selbst aufs Handy abrufbar sein.

Menschenansammlung vor einem großen NS-dominierten Maiumzug am Bleiberg. Archivfoto: pp/Agentur ProfiPress

Der Text soll allen Opfern des Nationalsozialismus gewidmet sein und beschreiben, an wen genau erinnert wird. Gisela Freier erinnert an die Opfer der Pogromnacht am 9. November 1938 und der Judenverfolgung in Mechernich, die mit viel Glück ins Exil, meist aber in die Vernichtungslager führte.

Manfred Lang, ein Redakteurskollege Heinens aus Stadt-Anzeiger-Tagen, widmet sich in dem Flyer zur Erinnerungstafel den Euthanasieopfern, Menschen die wegen vorgeblich körperlicher oder geistiger Versehrtheit ärztlich „selektiert“ und in speziellen „Tötungsanstalten“ ermordet wurden, Franz Albert Heinen selbst dem großen Kreis der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen, die am Bleiberg – nicht nur, aber auch im Bleibergwerk Spandau – versklavt wurden.

Die Gedenkstätte für die gefallenen und vermissten Soldaten und die Zivil- und Bombenopfer an der Alten Kirche. Foto: FA Heinen/pp/Agentur ProfiPress

Bereits existierende Denkmäler

Wie Franz Albert Heinen bei seinem Vortrag im Rat feststellte, existieren in und rund um Mechernich bereits einige Gedenkstätten, die an bestimmte Opfergruppen erinnern, etwa Synagogengedenksteine und Stolpersteine vor ehemals von jüdischen Mitbürgern bewohnten Häusern. „Jedoch sind diese Gedenkpunkte oft schwer auffindbar“, so Heinen weiter.

Darüber hinaus habe Mechernich als einzige Kommune weit und breit bereits einen Gedenkstein für osteuropäische Zwangsarbeiter, die von der Gestapo ermordet wurden. Zwangsarbeit von Zivilisten sei lange ignoriert und totgeschwiegen worden.

„80 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion ist die Zeit aber reif“, konstatierte Bürgermeister Dr. Hans-Peter Schick, der seinerzeit auch beim unbürokratischen Zustandekommen des Zwangsarbeiter-„Grabsteins“ in der Marienau behilflich war. „Noch in den 70er Jahren hat man sich da schwergetan“, so Schick, weil sowohl Täter, als auch Opfer „noch unter uns lebten“.

Die einzelnen und unterschiedlichen Erinnerungsorte und Gedenkstätten in der Stadt, wie hier der jüdische Friedhof von Mechernich, könnten besser ausgeschildert werden, so FA Heinen. Er und seine Mitstreiter wollen auch auf Bitten des Stadtrats einen Flyer und Infos unter einem QR-Code ablegen mit Fakten zur lokalen Geschichte des Nationalsozialismus und seiner Opfer am Bleiberg. Archivfoto: pp/Agentur ProfiPress

1949 war bereits ein Gedenkkreuz auf dem Mechernicher Friedhof errichtet worden, das aus damaliger Sicht angemessen auf die 17 „russischen Todesopfer“ aus den Reihen der Zwangsarbeiter hinwies. Die in Wirklichkeit 28 Opfer wurden später nach Hollerath und danach nach Rurberg umgebettet, wo heute ein zentraler sowjetischer Friedhof existiert.

Sowohl Franz Albert Heinens Vortrag, als auch das Denkmalprojekt selbst wurden im Stadtrat mit Lob und Applaus bedacht. „Es fällt jetzt schwer, einfach zur Tagesordnung überzugehen“, sagte Bürgermeister Dr. Schick nach einer Stunde: „Aber diese Zeit mussten wir uns nehmen! Es ist ein außerordentlich wichtiges Vorhaben für diese und kommende Generationen. Wir müssen uns bekennen: Mechernich ist ein Teil dieses Deutschlands gewesen. Und da wollen wir nie wieder hin…“    

pp/Agentur ProfiPress