Platt rockt Kommerner Tanzsaal
Mundart-Festival „Mir kalle Platt“ feierte fulminanten Auftakt im Freilichtmuseum – Stars aus Köln und der Eifel begeisterten mit Dialekt, Musik und Humor – Bürgermeister und Hauptsponsor VR-Bank Nordeifel gingen mit gutem Beispiel voran
Mechernich-Kommern – Konsequent und durchgängig in Eifeler Platt beantwortete Mechernichs Bürgermeister Dr. Hans-Peter Schick bei der Auftaktveranstaltung des Mundartfestivals „Mir kalle Platt“ die Fragen des Moderators Julius Esser. Und er verriet in dem im Kommerner Freilichtmuseum wiedererrichteten Tanzsaal aus Brühl-Pingsdorf: „Mein Sohn Alexander (17) kann es auch!“ Bei den Dialogen zwischen ihnen gehe es auf dem heimischen Bauernhof in Bescheid, dem kleinsten Dorf im Stadtgebiet, durchaus schonmal rustikal zur Sache.

Auch Talrundenkollege Klaus Reiferscheid aus Freilingen, Prokurist des Haupt-Mundart-Sponsors VR-Bank Nordeifel, ließ das Idiom seiner Heimat durchschimmern und betonte das diesbezügliche Engagement seiner Genossenschaft, die bereits vor über 20 Jahren ihr Unternehmensleitbild von dem Eifelpoeten Fritz Koenn ins Eifeler Platt übersetzen ließ und bis heute neben der hochdeutschen Variante auch verwendet. Auch die Kolumne „Manni kallt Platt“ im Schleidener und Euskirchener WochenSpiegel sei ein Produkt der mit der Eifel verwachsenen Bank.

Dialekt ist Gefühl und Heimat
Für Landrat Markus Ramers aus Freilingen ist Platt mit vielen guten Erinnerungen an Opa und Oma verbunden, verriet er im proppenvoll besetzten Tanzsaal. Auch Museumsleiter Dr. Carsten Vorwig, der die geschliffene Hochsprache pflegt, verriet: „Wenn ich auf Reisen irgendwo auf einem Bahnhof oder Flughafen den rheinischen Slang höre, dann macht das was mit mir.“ Platt sei eben nicht nur „e Jeföhl“, sondern ein Stück Heimat, konstatierte der Poetry-Slamer Julius Esser, der schwungvoll und witzig durch das mehrstündige Programm führte.

Dass alles zeitlich aus dem Rahmen fiel, hatte auch damit zu tun, dass Ex-„Höhner“-Bassist Hannes Schöner und sein Gitarrenspannmann Hermann Heuser zusätzlich zum gnadenlos guten A-Capella-EU-Semble ins Programm aufgenommen worden waren. Auch gab es für die „Aasch huh“-Akteure Stephan Brings und Hannes Schöner mit dem Kommerner Publikum eine aktuelle gerichtliche Einstweilige Verfügung zu feiern, die es der Kölner AfD untersage, „Höhner“-Songs für ihre Ziele zu entfremden, so Schöner.

Das Publikum zog begeistert mit. Zeitweise fühlte man sich im Kommerner Tanzsaal wie im Gürzenich oder auf der Domplatte. So überwogen an dem Abend „kölsche Tön“ eindeutig, wenn nicht das EU-Semble, Günter Hochgürtel und Manni Lang die Sprache zwischen Venn und Ville auf die Bühne gebracht hätten. „Bis heute dachte ich, Kölsch und Mundart seien dasselbe“, erklärte denn auch Stephan Brings: „Bis der Manni eben sein Sprachfeuerwerk gezündet hat…“

Zwar sei das LVR-Freilichtmuseum in erster Linie der Bewahrung des materiellen Kulturerbes verpflichtet, sagte Dr. Carsten Vorwig zum Auftakt des Abends, aber das Gebäudeensemble aus Dorfdarstellungen zwischen Niederrhein und Köln-Bonner Bucht sei gleichzeitig auch der ideale Ort, das immaterielle Erbe des Rheinlands zu kultivieren: seine Sprache. „Platt“, so sein Credo, sei ein unverzichtbarer Teil der rheinischen Identität.

Süße und saure Kamellchen
Moderator Julius Esser, wortgewandt und humorvoll, entlockte einer hochkarätigen Talkrunde heitere wie nachdenkliche Bekenntnisse zum Dialekt. Statt vorbereiteter Reden zogen die Gäste „süße und saure Kamellchen“ aus einem Zylinder – Fragen zur Mundart, zu Heimat und Identität. So entstand ein lebendiger Dialog, der zeigte, wie sehr Platt die Menschen des Landstrichs verbindet.

Im Übrigen gehörte die Bühne den Künstlern. Und sie füllten sie mit Leben. Die Kölner Musikstars Stefan Brings und Hannes Schöner brachten kölsches Temperament nach Kommern, während die Lokalmatadore Günter Hochgürtel und Manfred „Manni“ Lang mit Charme, Witz und sprachlicher Präzision die Herzen eroberten. Ein besonderes Glanzlicht setzte das A-Cappella-Trio EU-Semble mit seinen drei Stimmen – Bruno Schreiner (Tenor), Robert Kunze (Bariton) und Mupp Schloeßer (Bass).

Mit ihren Liedern über „Stiefel, die zum Wandern da sind“ und einem Hoch auf die Kneipenkultur, mit „Spießbüttenbass“ und Energy-Drink-Dose als Rhythmusinstrument, vor allem aber mit ihrer beeindruckenden Stimmkraft, veredelten sie den Abend zu einem gesanglichen Fest. Im zweiten Teil taten sie sich mit Hannes Schöner und Hermann Heuser zu einer einmaligen musikalischen Allianz zusammen, die das Publikum von den Sitzen riss.

Die junge Autorin Lina Scheuren, die Julius Esser bei einem Auftritt an einem Schleidener Gymnasium als Akteurin gewonnen hatte, äußerte sich in einer heftig bejubelten hochdeutschen Laudatio auf die deftige Sprache in ihrem Lebensumfeld Weyer (Stadt Mechernich).

Der Pingsdorfer Tanzsaal platzte beinahe aus allen Nähten – so groß war der Andrang. Iris Poth, Geschäftsführerin der Nordeifel Tourismus GmbH, die das Festival organisiert, sprach von einer „überwältigenden Resonanz“. Man habe „doppelt so viele Karten an die Frau und an den Mann bringen können“. Das sei Beweis genug, dass Platt nicht nur museale Reminiszenz, sondern ein lebendiges, zukunftsfähiges Kulturgut sei.

Beim Lied „Eefel“ stand der ganze Saal
Das Festival „Mir kalle Platt“, das 2025 in die dritte Runde geht, versteht sich längst nicht mehr als Nischenprogramm. Zwischen Kabarett, Kinderkonzerten, Workshops und Hörspielpremiere schlägt es Brücken zwischen Generationen. Es wechselt sich im Zwei-Jahres-Rhythmus ab mit dem Krimifestival „Nordeifel – Mordeifel“, und wird so zum festen kulturellen Baustein im Kreis Euskirchen.

Am Ende des Abends blieb der Eindruck: Da wurde nicht nur Dialekt gepflegt, sondern Heimat gefeiert. Ein ganzer Saal voller Menschen, die lachten, sangen, zuhörten – und Platt erlebten und selber lebten wie beim „Leedche kuert unn joot, dämm Leedche vam Zelenderhoot“, das Manni Lang anstimmte, oder bei Günter Hochgürtels Evergreens „Nempt mich möt op die Ress“ und „Himbeermarmelad“. Am Ende standen alle Akteure auf der Bühne und das Publikum davor wie ein Mann, als die Regionalhymne „Eefel“ von „Wibbelstetz“ erklang…
pp/Agentur ProfiPress