Aktuelles

ProfiPress

Agentur für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit, journalistische und redaktionelle Dienstleistungen.

AllgemeinStadt Mechernich

Musik zieht ein in Boomtown

Vor 160 Jahren gründeten 32 Sangesbrüder den „Mechernicher Männer-Gesangverein“ – Konzerte, Feste, frohe Stimmung – Ein Rückblick des Regionalhistorikers Peter-Lorenz Können

Mechernich – Ein gesellschaftliches Phänomen geht auch an Mechernich nicht vorüber: Eine Verlagerung der Interessen, schwindendes Bindungsbedürfnis und fehlender Nachwuchs haben ein großes Vereinssterben hervorgerufen. Dennoch gibt es unter den 70 Mechernicher Vereinen der letzten 200 Jahre welche, die erfolgreich in die Jahre kommen.

Im September 2011 im Vorfeld des 150jährigen Bestehens 2013 konzertierte der Männergesangverein Mechernich mit anderen Ensembles in der Alten Kirche. Archivfoto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Im September 2011 im Vorfeld des 150jährigen Bestehens 2013 konzertierte der Männergesangverein Mechernich mit anderen Ensembles in der Alten Kirche. Archivfoto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

In einer der nächsten Ausgaben berichtet der angehende ProfiPress-Redakteur Henri Grüger über die altehrwürdige Bergkapelle, das frühere Werksorchester der Gewerkschaft Mechernicher Werke, die 2023 150 Jahre alt wird. Heute schreibt der Mechernicher Regionalhistoriker Peter-Lorenz Könen im Mechernicher „Bürgerbrief“ über den Männergesangverein (MGV), der am 13. November 1863 von 32 sangesfreudigen Mechernichern gegründet wurde.

„Man schreibt das Jahr 1863“, erzählt PeLo Könen: „Die neue katholische Pfarrkirche war 1858 fertiggestellt worden, sollte aber erst im September 1866 festlich geweiht werden. Der Bleibergbau strebte seinem ökonomischen Höhepunkt mit über 4000 Beschäftigten zu. Der Ort Mechernich wuchs rasant. Und zwar von 647 Einwohnern im Jahre 1850 innerhalb von nur 14 Jahren auf dreimal so viele, knapp 2000.“

Mechernich expandiert

Viele Gaststätten und Geschäfte waren in dieser Zeitspanne neu entstanden. Es wurden neue Vereine und Zusammenschlüsse gegründet. Mit ihnen stieg die Zahl der Feste. Musik und Gesang kamen in Mode und fanden nicht nur auf der passiven Seite Liebhaber. Am 13. November 1863 taten sich 32 stimmbegabte Männer zum „Mechernicher Männer-Gesangverein“ zusammen. Der Name wurde in Paragraph Eins des Statuts festgelegt und von allen 32 unterschrieben.

Ausflüge und Feste gehörten zum geselligen Leben im „Mechernicher Männer-Gesangverein“, wie sich der Zusammenschluss von 32 Sängern in der Gründungsversammlung am 13. November 1863 nannte. Dieses Foto wurde um 1890 auf einer der „Sängerfahrten“ aufgenommen. Foto: Stadtarchiv Mechernich/pp/Agentur ProfiPress
Ausflüge und Feste gehörten zum geselligen Leben im „Mechernicher Männer-Gesangverein“, wie sich der Zusammenschluss von 32 Sängern in der Gründungsversammlung am 13. November 1863 nannte. Dieses Foto wurde um 1890 auf einer der „Sängerfahrten“ aufgenommen. Foto: Stadtarchiv Mechernich/pp/Agentur ProfiPress

„Zweck dieses Vereins ist zunächst die Ausbildung seiner Mitglieder im Gesange, um durch denselben Herz und Sinn zu veredeln, Sittlichkeit und Religiosität zu befördern“, so Paragraph 2. Diesem ehernen Ziel sollte auch das Repertoire der Lieder dienlich gestaltet werden: Der Vereine wolle es „als eine angenehme Pflicht betrachten, durch seine Leistungen zur Hebung des kirchlichen Gottesdienstes und zur Erbauung der Gemeinde beizutragen“, heißt es im Protokoll der Gründung vom 13.11.1863.

Erster Dirigent war Lehrer Friedrich Drobe aus Mechernich, sein Kollege S. Schürgen „daselbst sein Subdirigent“. Nach § 9 des Statuts erhielten beide kein Honorar, waren aber vom Mitgliederbeitrag entbunden. Jedes Mitglied musste ein Eintrittsgeld von fünf Silbergroschen und einen monatlichen Beitrag von zwei und einem halben Silbergroschen zahlen.

Ein Silbergroschen Strafe

Wer ohne Entschuldigung eine Übungsstunde versäumte, musste noch einen Silbergroschen Strafe drauflegen. Wer dreimal unentschuldigt fehlte, wurde rausgeworfen. Mit Vereinsausschluss sollten auch unordentliches oder unsittliches Betragen geahndet werden. Beide Paragraphen wurden am 5. Januar 1868 abgemildert: „Die Mitglieder, die Bergarbeiter sind, dürfen viermal fehlen“.

Ehrung der Jubilare beim 125jährigen Jubiläums 1988, ganz links mit Tafel Bernhard Käppler, der damalige Vorsitzende des MGV. Foto: Stadtarchiv/pp/Agentur ProfiPress
Ehrung der Jubilare beim 125jährigen Jubiläums 1988, ganz links mit Tafel Bernhard Käppler, der damalige Vorsitzende des MGV. Foto: Stadtarchiv/pp/Agentur ProfiPress

Ob der junge Verein schon großen Wert auf kirchliche Gesänge legte, bezweifelt der Regionalhistoriker PeLo Könen: „Laut Protokollbuch vom 5. November 1871 wurde per Abstimmungskugeln (Ballotage) abgestimmt, dass man dem kirchlichen Gesang breiteren Raum geben wolle.“ Auch in die Honorierung kam in der Not der Nachkriegszeit 1921 Bewegung: Der Dirigent erhielt da bereits 1000 Mark im Jahr und ein Drittel des Reingewinns bei Konzerten.

Das erste Konzert am 2. Februar 1865 bildete den Auftakt einer ganzen Konzertreihe an Maria Lichtmess, bei denen auch andere Ensembles wie der Knappen-Harmonieverein, der Euskirchener Quartett-Verein und der Kirchenchor Mechernich mitwirkten.

Das gesellige Leben im „Mechernicher Männer-Gesangverein“ bestand aus regelmäßigen Ausflügen und der Teilnahme an großen Festen. Am 11. Juni 1899 wurde auf der so genannten „Kriegerwiese“ oberhalb der Kier ein großes Sängerfest durch den MGV veranstaltet und viele Vereine eingeladen.

2000 Liter Bier auf Kriegerwiese

Peter-Lorenz Könen: „Es muss ein sehr sonniger Tag gewesen sein, angeblich wurden 2000 Liter Bier ausgeschenkt und etliches an geistigen Getränken.“ Solche Feste nahmen nach der Jahrhunderte 1900 weiter zu. Manche Sänger schlossen sich mehreren Ensembles an. Einige waren im MGV und im Kirchenchor St. Cäcilia aktiv. Dirigent Weiler leitete 1927 MGV Mechernich, Kirchenchor und die Gesangsabteilung des Marien-Vereins.

Die handgeschriebene Titelseite der Gründungsstatuten von 1863. Foto: Peter Lorenz Könen/pp/Agentur ProfiPress
Die handgeschriebene Titelseite der Gründungsstatuten von 1863. Foto: Peter Lorenz Könen/pp/Agentur ProfiPress

1913 wurde das fünfzigste Stiftungsfest begangen, während des Ersten Weltkriegs ruhten die Aktivitäten. Die erste Nachkriegs-Probe fand am 20. Juni 1920 statt, 1921 bereits wurde die Tradition der Konzerte an Maria Lichtmess wieder aufgenommen. Am 30. April zog der MGV zusammen mit dem Eifelverein, einer Musikgruppe und Hunderten Gästen zum Maiansingen um Mitternacht vor die Alte Kirche.

Der Brauch, dort im Lampion-Schein, den Wonnemonat musikalisch zu begrüßen, hielt sich, auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Oft bei bitterer Kälte. 1928 wurde der Start des Maiansingens auf 22 Uhr vorgezogen. Nachher wurde mitunter noch singend durch Mechernich gezogen.

1923 konnte der MGV sein 60jähriges Stiftungsfest feiern. In den folgenden Jahren wurde an Sängerfesten im Kreis Schleiden und Kreis Euskirchen teilgenommen. Die örtlichen Feiern wie Stiftungsfeste, Fastnacht, Primizen, Pilgerfahrten und Bürgermeister-Verabschiedung und Begrüßung wurden musikalisch verschönert.

Eifelstadion feierlich besungen

Begleitet wurden diese Festlichkeiten, wie auch die Konzerte durch die Kapelle Virnich und ab 1932 durch die Mechernicher Musikvereinigung.

Der legendäre MGV-Sangesbruder, Dichter und Komponist Heinrich Heidenthal widmete dem „Nonnejässje“ zwischen den Gärten des Invalidenheims und der Pfarrkirche entlang der Pastorats-Gartenmauer ein Lied, das zu einer Art Mechernicher Nationalhymne wurde. Hier ein Luftbild von 1938 aus dem Archiv des Regionalhistorikers Peter-Lorenz Könen. Foto: Industriefotografen Klinke & Co./P.L. Könen/pp/Agentur ProfiPress
Der legendäre MGV-Sangesbruder, Dichter und Komponist Heinrich Heidenthal widmete dem „Nonnejässje“ zwischen den Gärten des Invalidenheims und der Pfarrkirche entlang der Pastorats-Gartenmauer ein Lied, das zu einer Art Mechernicher Nationalhymne wurde. Hier ein Luftbild von 1938 aus dem Archiv des Regionalhistorikers Peter-Lorenz Könen. Foto: Industriefotografen Klinke & Co./P.L. Könen/pp/Agentur ProfiPress

1925 wurde das Oratorium „Das Lied von der Glocke“ in Mechernich mit der Kapelle Virnich aufgeführt, was zu einem tollen Erfolg für den MGV wurde. 1927 verschönerte das Ensemble die Einweihung des neuen Eifelstadions am Kirchforst. 1928 erfolgte ein Gemeinschaftskonzert mit dem MGV Rodenkirchen.

Festakt zum 125jährigen Bestehen 1988 in der Aula des Mechernicher Gymnasiums: Der Männergesangverein Mechernich auf der Bühne der Aula, im Vordergrund das Orchester der Beethovenhalle Bonn. Foto: Stadtarchiv/pp/Agentur ProfiPress
Festakt zum 125jährigen Bestehen 1988 in der Aula des Mechernicher Gymnasiums: Der Männergesangverein Mechernich auf der Bühne der Aula, im Vordergrund das Orchester der Beethovenhalle Bonn. Foto: Stadtarchiv/pp/Agentur ProfiPress

Peter-Lorenz Könen: „Eine immer wiederkehrende Veranstaltung waren die kurzen Gesangdarbietungen an Waisenhaus und Krankenhaus. 1932 gab man ein Konzert, dessen Erlös dem Kriegerdenkmal diente, und 1935 sang man zum 50jährigen Bestehen des Invaliden- und Waisenhauses am Stiftsweg. Bis 1938 konnte der MGV seine Veranstaltungen ungestört weiterführen. Aber wegen der Beschlagnahme aller Säle für Westwall-Arbeiter konnten keine Festlichkeiten mehr gehalten werden.

Über Kriegs- und Nachkriegszeit sowie die weitere Entwicklung des Jubiläums-Männergesangvereins Mechernich bis heute berichtet Peter-Lorenz Könen in einer der kommenden „Bürgerbrief“-Ausgaben. Dem Vernehmen nach ist weiterhin im November zur 160. Wiederkehr des Gründungstages weiteres Gedenken geplant.

pp/Agentur ProfiPress