Familiengeheimnis aus dunkler Zeit
Die Autorin Jennifer Teege, Enkelin von KZ-Kommandant und SS-Hauptsturmführer Amon Göth („Schindlers Liste“), las in der Aula des Mechernicher Schulzentrums – Wie ein gehütetes Geheimnis wieder ans Licht kam – Aufarbeitung, Depressionen und Selbstbestimmung als große Themen – Gesprächsrunde und Signierstunde im Gymnasium Am Turmhof – Einnahmen sollen für neue Stolpersteine in Kommern gestiftet werden
Mechernich – Die Autorin Jennifer Teege hat mit ihrem Buch „Amon – Mein Großvater hätte mich erschossen“ in Deutschland, aber auch international große Wellen geschlagen. Jetzt war sie mit ihrem erschütternden Werk zu einer gut besuchten Lesung in der Aula des Mechernicher Gymnasium Am Turmhof (GAT) zu Gast.
Es geht um die Entdeckung und Verarbeitung eines streng und gut gehüteten Familiengeheimnisses: Ihr leiblicher Großvater war Amon Leopold Göth, SS-Hauptsturmführer und Lagerkommandant im KZ Plaszow in Polen. In seinen 500 Tagen als Leiter dieses Konzentrationslagers hatte Göth viel Leid, Grausamkeit und Tod über seine Opfer gebracht. Seine Figur diente als Vorbild für den Antagonisten Oskar Schindlers in Steven Spielbergs Hollywoodfilm „Schindlers Liste“.
Göth galt als sadistischer und unersättlicher Mörder. Erst mit 38 Jahren und nach einem Studium in Israel erfuhr Teege die Wahrheit ihrer Abstammung. Ihre Oma war Göths Lebensgefährtin, ihre Mutter seine Tochter. Sie selbst hat einen nigerianischen Vater und dunklen Teint.
Die Lesung hatten Rainer Schulz, Gisela Freier und Elke Höver organisiert, die Bücherei Schwinning, die auch einen Büchertisch betrieb, organisierte den Vorverkauf. Alle Erlöse kommen neuen Stolpersteinen in Mechernich-Kommern zu Gute, die vor den Wohnhäusern früherer jüdischer Mitbürger ins Straßenpflaster eingelassen werden.
„Wer zuerst schießt, hat mehr vom Leben“
Gisela Freier, Mitorganisatorin und ehemalige Lehrerin an der Mechernicher Hauptschule, leitete den Abend mit einer Begrüßung der Autorin und ihrer rund 130 Zuhörer im Auditorium ein und dankte Jennifer Teege für ihre Bereitschaft: „Es ist immer wieder erschreckend, wenn diese Zeit ihre Finger bis ins Heute ausstreckt. Und es stellt sich die Frage: Was für ein Mensch will ich sein? Das ist auch heute noch wichtig.“
Dann ergriff Jennifer Teege das Wort, und während sie las, herrschte bedächtige Stille. So auch beim Prolog, in dem sie im Jahre 2008 in der Hamburger Zentralbücherei ein Buch fand, das ihr Leben verändern sollte. Darin erkannte sie nämlich ein Gesicht: Das ihrer Mutter, Monika Göth.
Es thematisierte die Geschichte eines der brutalsten NS-Mörder, den die Geschichte je sah – Amon Göth. Sie lieh das Buch aus und berichtete von ihrem Schock beim ersten Lesen, wie in einer vergessenen Familienchronik. Sie erzählte auch davon, wie sie sich von ihrer leiblichen Familie und von ihrer Adoptivfamilie betrogen gefühlt habe.
Teege: „Für meinen Großvater war alles wie abgeschafft: Vernunft, Menschlichkeit und Hemmschwellen. Sein wohl prägnantestes Zitat war: »Wer zuerst schießt, hat mehr vom Leben«. Ich wusste erst nicht, wie ich mit dieser Historie und diesem Wissen umgehen sollte, aber ich wusste, dass ich anders bin. Ich kann einen Unterschied machen. Das kann jeder, egal woher er stammt!“
Ihre Großmutter hätte die Taten Göths bis zum Ende geleugnet und an so etwas wie seine mentale Unschuld geglaubt. Sein Bild blieb über ihrem Bett hängen: „Meine Großmutter war damals mein Lieblingsmensch, das hat alles nur noch verstörender für mich gemacht. Ich glaube, dass sie ihn einfach zu stark geliebt hat und es nicht glauben konnte, was er getan hat.“
Jennifer Teege fragte sich selbst: „Haben die Toten überhaupt noch Macht über die Lebenden? Und wie sollte ich das meinen Freunden, mit denen ich in Jerusalem (Tel Aviv) studiert habe, beibringen?“
Depressionen und Verarbeitung
Amon Göth wurde im Jahr 1946 gehenkt, als Jennifer Teeges Mutter zehn Monate alt war. Viel Kontakt hatten Jennifer und ihre Mutter nie. „Vielleicht habe ich durch meine lange Therapie und lange Auseinandersetzung mit dem Thema das geschafft, was meiner Mutter nie gelungen ist, nämlich abzuschließen.“ Selbst heute hätten Mutter und Tochter kaum Kontakt, obwohl ihre Tür immer offenstehe.
„Nichts von diesen Geheimnissen zu wissen, generell nicht zu wissen woher man genau kommt und wer die richtige Familie war – das hat bei mir auch eine Grundlage für Depressionen geschaffen. Ich kannte meine Zugehörigkeit einfach nicht wirklich. Als endlich alles auf dem Tisch war, der Schock vorbei und nichts mehr verschwiegen wurde, waren meine Depressionen Vergangenheit“, beschrieb die Autorin: „Ich bin nicht davor weggelaufen.“
Vor ihren persönlichen Recherchen hatte Jennifer Teege kaum Informationen über den realen Amon Göth. Das sagte sie auf Anfrage nach der Lesung, als sie ihre Zuhörer zum Dialog einlud.
Dialog statt Monolog
„Ich fragte mich oft: War das ganze Zufall oder Schicksal? Soll ich meine Geschichte vorwärts oder rückwärts erzählen? Wer zieht hier die Fäden?“ Eine Frau aus dem Auditorium: „Es ist wirklich berührend und mutig, dass sie mit ihrer Familienvergangenheit und ihren Gefühlen so an die Öffentlichkeit gegangen sind!“
Auch die „Wand des Schweigens“ nach dem Zweiten Weltkrieg war ein Thema. „Wir müssen verstehen, dass wir nicht in der Schuld dafür stehen, was unsere Vorfahren getan haben, aber in der Verantwortung, dass sich so schlimme Dinge wie der Holocaust nicht wiederholen“, so Jennifer Teege: „Wir haben über die Jahre ein großes Wissen gesammelt, das wir auch nutzen müssen.“
Der fortschreitende Rechtspopulismus in Europa macht manchen Sorge. Zurecht, wie die Autorin befand: „Auch Hitler wurde zunächst gewählt, dass vergessen viele“. Übrigens hätten auch viele Opfer der Nazis nach dem Krieg ihr Schicksal mehr oder weniger verdrängt: „Was sich die wenigsten vorstellen können: Die meisten Holocaust-Opfer und deren Nachfahren wollten ebenso vergessen. Weil sie einfach nicht damit klargekommen sind, was ihnen und ihrem Volk durch Menschen wie meinen Großvater angetan wurde. Auch dort gibt es zahllose Familiengeheimnisse, die diese Menschen teilweise zerstört haben.“
Nach den Gesprächen las Jennifer Teege noch einen kurzen Ausschnitt, bevor die Lesung unter tosendem Applaus endete. Mitorganisator Rainer Schulz ließ es sich nicht nehmen, Teege am Ende seinen aufrichtigen Dank auszusprechen, für die Lesung zu loben und ihr einen Strauß Blumen im Namen aller zu überreichen – bevor der Abend mit einer gut genutzten Signierstunde auf der Bühne sein Ende fand.
pp/Agentur ProfiPress