Neuanfang und Zeitenwende
Teil II der Erfolgsgeschichte des Mechernicher Männer-Gesangvereins 1863 von Regionalhistoriker Peter-Lorenz Könen – Der Zweite Weltkrieg schafft paradoxerweise Emanzipation: MGV nimmt Frauen auf – Zur Stunde hat der Männergesangverein Mechernich 1863 e.V. noch 18 Mitglieder.
Mechernich – Von der Erfolgsgeschichte der Gründung des Mechernicher Männer-Gesangvereins im Jahr 1863 bis zum Beginn des zweiten Weltkrieges berichtete Regionalhistoriker Peter-Lorenz Könen im ersten Teil dieses Rückblicks auf 160 Jahre Vereins- und Gesangsgeschichte am Bleiberg.

Nach der Machtergreifung der Nazis, den Krieg vorbereitenden Jahren und dann im zweiten Weltkrieg selbst kamen die Aktivitäten des Männer-Gesangvereins mangels Masse zum Erliegen. Erst fehlten Probelokale, weil überall Westwallquartiere einquartiert werden. Dann fehlten die Sänger selbst – sie mussten als Soldaten an die Front.

Damit schlug – aus der Not geboren – die Stunde der Frauen. Mangels Tenöre, Bass und Bariton sang der „Männer-Gesangverein“ am Bleiberg fürderhin auch mit Altstimmen – und sogar eine Sopranistin aus Satzvey mischte mit. Über die durch Männermangel ausgelöste „Frauenquote“ und die weitere Geschichte des MGV von 1863 berichtet Peter-Lorenz Könen in diesem „Bürgerbrief“.
Sopranistin aus Satzvey
Er schreibt: „Die Proben konnten durch die vielen Westarbeiter, welche in allen Wirtschaften und Privathäusern einquartiert waren, nur noch sehr unregelmäßig stattfinden.“ Erst ab Februar 1939 war das vermeintliche Abwehrbollwerk im Westen soweit fertiggestellt, dass die zu seiner Errichtung ins Rheinland geholten Arbeitskräfte wieder abrücken konnten.

Noch bevor am 1. September der erste scharfe Schuss dieses verheerenden Weltkriegs fiel, konnte der mittlerweile fast 80 Jahre alte Gesangverein wieder proben. Dann brachen die Nazis Mobilmachung und Krieg vom Zaum und beriefen die Männer ein.

Immerhin konnten bis 1943 wenige Feste, Konzerte und Ständchen gesungen und gefeiert werden. Im gleichen Jahr gab das Ensemble sein letztes großes Konzert bis zur „Stunde Null“. Aus Mangel an männlichen Chormitgliedern wurden Sängerinnen rekrutiert, und zwar nicht nur dunkle Altstimmen, sondern auch eine Sopranistin.

Die im ersten Teil dieser MGV-Geschichte bereits bewährte Kapelle Virnich und ein Bassist aus Köln wirkten ebenfalls am konzertanten Geschehen mit. Am 16. März 1944 beschloss die verbleibende Vereinsführung dann das Ruhen aller Tätigkeiten und auch der Proben.
Bereits im Februar 1946, kein Jahr nach dem völligen Zusammenbruch nach Kriegsende, wurde beim MGV Mechernich wieder gesungen. Am 18. August 1946 führte der Chor die deutsche Messe von Schubert in der Messfeier für die lebenden und verstorbenen Mitglieder des MGV in der Notkirche im katholischen Vereinshaus auf. Am 5. Januar 1947 folgte das erste Konzert.
„Gemischte Probe“
Da keine Säle mehr zur Verfügung standen wurde es im Barackenlager gemeinsam mit der Lagerkapelle der Dienstgruppe 870/1 musikalisch gestaltet. Nachher war Tanz. Peter-Lorenz Könen: „Weiberfastnacht 1947 feierte man eine gesellige Probe als gemischter Chor in geschlossener Gesellschaft mit viel Frohsinn und Humor.“
1949 bis 1952 gab der Männer-Gesangverein Mechernich 1863 e.V. mehrere Benefizkonzerte zugunsten des Neubaus der Mechernicher Pfarrkirche St. Johannes Baptist. Die alte Hauptpfarrkirche war im Bombenhagel zerstört worden – nur die Alte Kirche aus dem Mittelalter auf dem Johannesberg hoch über Mechernich hatte den Kriegswirren getrotzt.

Bei den ersten Konzerten standen 100 Sänger des MGV auf der Bühne. Nach einem Wohltätigkeitskonzert mit dem Dortmunder Mädchenchor konnte Pfarrer Naillis der Reingewinn von 550 Mark übergeben werden, ein stattlicher Erfolg für den MGV und die katholische Pfarrgemeinde.
Sein 90. Stiftungsfest beging der Männerchor am 4.7.1953 mit einem Jubelkonzert und Tanzvergnügen im Festzelt und im Saale Schröder. Der Sonntag begann mit einem Festgottesdienst in der alten Kirche, Totenehrung, Platzkonzert, Festzug und Freundschaftssingen sämtlicher Gastvereine. Zu der Zeit hatte der MGV noch 85 aktive Sänger, eine Zahl, von der man heutzutage nur träumen könnte.

Damals allerdings zeichnete mit dem Mitgliederrückgang von 100 auf 85 bereits der Anfang vom Ende ab. Die Nachkriegseuphorie und der Aufbauwille auch auf dem kulturellen Sektor begannen zu weichen, aber 1958 setzte laut Chronist PeLo Könen eine deutlichere Rezession ein: Es standen nur noch 30 Sänger auf der Bühne. Konzerte mussten abgesagt werden, der Dirigent legte seinen Stab nieder, die Proben wurden zeitweise eingestellt.
Erst mit der Übernahme des Dirigats im Juni 1960 durch den früheren Chorleiter Matthias Schmidt ging es langsam wieder aufwärts. Zur ersten Probe mit ihm hatten 50 Sänger zugesagt, es kamen allerdings nur 27. Dennoch gelang die Konsolidierung, das Ensemble nahm an mehreren Sängerfesten teil und verschönerte auch die Einweihung der Sankt-Barbara-Kapelle am Abbruch der Eifel zur Köln-Bonner Bucht.
18 Jahre lang Barbarafest
Im Juli 1963 konnte man das 100. Stiftungsfest begehen, über 200 Sänger hatten sich eingefunden, um gemeinsam im Gesang dieses Ereignis zu feiern. Am 10. November wurde dem MGV für seine Verdienste um Chorgesang und Volkslied die Zelter-Plakette verliehen.

Seit 1962 verschönerte der MGV jahrzehntelang das Barbarafest an der Barbarakapelle und gestaltete 18 Jahre lang bis 1980 den Gedenkgottesdienst für die verunfallten und verstorbenen Bergleute in der evangelischen Kirche Roggendorf.

Peter-Lorenz Könen: „Der MGV war wieder da und nahm vermehrt an Karnevalsveranstaltungen als Chor teil. Eines der berühmtesten Lieder, die das Chor-Mitglied Heinrich Heidenthal dichtete und vertonte, war das Lied vom »Nonnejäßje«. Es ist bis heute ein Markenzeichen des MGV und Mechernichs geblieben…“

1988 wurde das 125jährige Gründungsfest gefeiert. Aus diesem Anlass erschien eine Chronik über die Geschichte des Vereins. Am Samstag, 24. September 1988, startete man mit einem großen Festkommers unter Beteiligung des MGV „Liederkranz“ Ripsdorf und der Bergkapelle Mechernich. Sonntags, nach Festmesse, Ehrung der Verstorbenen und Frühschoppen, begann das große Freundschaftssingen mit 19 Gastchören.
Das Interesse schwindet
Das 140. Stiftungsfest 2003 wurde mit einem Konzert gefeiert, dessen Erlös der „Aktion Mensch“, ehedem Aktion Sorgenkind, zu Gute kommen sollte. Erstmals nach langen Jahren sah man den MGV Mechernich mit dem MGV Kommern gemeinsam auf der Bühne. 80 Tenöre und Bässe sangen vor wenigen Zuschauern. Nur knapp 200 Menschen hörten zu.

1988 125 Jahre:
Mangelndes Interesse am Chorgesang sowohl aktiv, als auch passiv, und damit verbundener Nachwuchsmangel setzten auch anderen Gesangvereinen und Chören im Stadtgebiet Mechernich und weit darüber hinaus arg zu. Entsprechend gingen die Zahlen der Sänger, Ensembles und Veranstaltungen in den letzten Jahren in den Keller. Manche etablierte und früher sehr erfolgreiche Gesangsformation hat bereits aufgegeben.

Der Männer-Gesangverein Mechernich wird heute vom Vorsitzenden Peter Kremer und seinem Stellvertreter Albert Badzun geführt. Werner Zeyen ist Schriftführer und Hubert Weiermann Kassierer. Der Männergesangverein Mechernich 1863 e.V. hat zur Stunde noch 18 Mitglieder.
pp/Agentur ProfiPress