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Krippe in Kohlenpott-Kita

Dieter Vieth (78), der „Herrgottsschnitzer von Obergartzem“, gab seine Weihnachtskrippe einem Schnitzfreund aus dem Ruhrgebiet mit – Nach der Pensionierung vom Tageszeitungsgeschäft suchte sich der 78-Jährige eine neue Beschäftigung in seiner Kommerner Werkstatt mit 72 verschiedenen Beiteln, Abziehmessern und Stecheisen

Obergartzem/Kommern – Die Assoziation zu Ludwig Ganghofers mehrfach verfilmtem Roman „Der Herrgottsschnitzer von Oberammergau“ (1880) ist naheliegend bei dem Obergartzemer Dieter Vieth (78), der Krippen, Madonnen, Betende Hände, aber auch abstrakte Skulpturen schnitzt.

Sophia und Dieter Vieth, der „Herrgottsschnitzer von Obergartzem“, mit einer anmutigen Muttergottes aus eigener Herstellung. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Sophia und Dieter Vieth, der „Herrgottsschnitzer von Obergartzem“, mit einer anmutigen Muttergottes aus eigener Herstellung. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Seine Holzschnitzer-Werkstatt steht allerdings nicht am Wohnort in der Obergartzemer Katharinenstraße, sondern im ehemaligen Holzschuppen des elterlichen Fachwerkhauses in Kommern. Dort werkte der frühere Vertriebsfachmann der „Kölnischen Rundschau“ und der späteren gemeinsamen Vertriebsorganisation der Kölner Tageszeitungen bis vor kurzem nicht nur für sich allein. Er traf sich in der aufwändig ausgestatteten Holzwerkstatt auch einmal wöchentlich mit Gleichgesinnten vom Bleiberg und aus dem Schleidener Tal.

An dieser Stelle steht leider die Vergangenheitsform, denn seit einer Reportage im Mechernicher „Bürgerbrief“ im Jahre 2020 ist Dieter Vieth schwer erkrankt. Der wie viele Kommerner im Kommerner Kloster von Schwester Clothilde assistiert auf die Welt gekommene „Bleibach-Jong“ ist zurzeit sogar auf zusätzliche Sauerstoffzufuhr angewiesen.

Vor Weihnachten verschenkt

Die eigene Hinfälligkeit brachte ihn vor Weihnachten auch auf den Gedanken, seine Hauskrippe samt Figuren an eine gemeinnützige Institution abzugeben. Dieter Vieth wandte sich deshalb erneut an den „Bürgerbrief“, aber ein schnitzender Kumpel aus dem Kohlenpott war schneller und holte das gute Stück mit zu einem Kindergarten im Ruhrgebiet. Aus Essen war sein Vater Wilhelm, ein Maurer, einst an den Mechernicher Bleiberg gekommen und hatte dort Therese Leisten aus Eicks geheiratet.

Abstraktes Schwesterntrio mit mindestens einer Schwangeren aus der Werkstatt von Dieter Vieth: „Durch das Stück Lindenholz vom Mechernicher Bauhof war eine Astgabel hindurchgewachsen. Was machst Du damit, habe er sich gefragt? Ich habe das Eingewachsene symbolisch gut integriert im Bild einer Schwangeren, finde ich“. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Abstraktes Schwesterntrio mit mindestens einer Schwangeren aus der Werkstatt von Dieter Vieth: „Durch das Stück Lindenholz vom Mechernicher Bauhof war eine Astgabel hindurchgewachsen. Was machst Du damit, habe er sich gefragt? Ich habe das Eingewachsene symbolisch gut integriert im Bild einer Schwangeren, finde ich“. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Die Hauskrippe war sein Erstlingswerk, das nach seiner Pensionierung vor mehr als 15 Jahren in seiner Kommerner Werkstatt entstand. Dort standen und stehen ihm elektrische Hobel, Kreis- und Bandsägen sowie über 70 verschiedene Schnitzmesser und Beitel zur Verfügung. Zum Hobby Holz kam der ehemalige Mechernicher Ratsherr nach seiner Zur-Ruhe-Setzung. Sein Erstling, der mit Schindeln gedeckte Krippenstall, stieß bei seiner Lebensgefährtin Sophia noch auf Skepsis.

Doch nach und nach schälten sich im wahrsten Sinne des Wortes bildhauerisch ambitioniertere Werke aus jenen Lindenholzstücken, die der heute 78-Jährige aus ganzen Stämmen schnitt, die er vor vielen Jahren auf Vermittlung von Bürgermeister Dr. Hans-Peter Schick vom Mechernicher Bauhof bekam.

Schweine- und Kaninchenstall

„Linde hat keine Fasern und Splitter“, so Holzexperte Vieth: Der inzwischen verstorbene Sägewerksbesitzer Lux aus Zehntstelle (Gemeinde Hellenthal) habe ihm die Stämme vom Bauhof seinerzeit expediert, sie gelagert und getrocknet und auf passgerechte Scheiben zersägt.

Mit dem heute als Schafstall dienenden schindelgedeckten Schuppen begann Dieter Vieth nach seiner Pensionierung bei der „Kölnischen Rundschau“, beziehungsweise der späteren gemeinsamen Vertriebsorganisation Kölner Tageszeitungen seine Schnitzer-Laufbahn. Die Weihnachtskrippe verschenkte er jetzt ins Ruhrgebiet. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Mit dem heute als Schafstall dienenden schindelgedeckten Schuppen begann Dieter Vieth nach seiner Pensionierung bei der „Kölnischen Rundschau“, beziehungsweise der späteren gemeinsamen Vertriebsorganisation Kölner Tageszeitungen seine Schnitzer-Laufbahn. Die Weihnachtskrippe verschenkte er jetzt ins Ruhrgebiet. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Dieter Vieths Mutter Therese Leisten kam, wie gesagt, aus Eicks, Vater Wilhelm Vieth aus Essen-Steele. Die Familie – auch den 1944 geborenen Dieter – brachten die Eheleute unter anderem mit Kaninchenhaltung und Schweinemast in jenem Holzschuppen und Verschlag durch, der später als Werkstatt und Schnitzer-Treffpunkt diente.

Der „Herrgottsschnitzer von Obergartzem“ ist also eher ein Kommerner Skulpteur, der dem Reporter 2020 nicht nur Blattwerk und Äpfel, eine Madonna, betende Hände, so praktische Dinge wie Weinstellagen, aber auch exotische Elefanten, drei abstrahierte schwangere Schwestern und einen verzückt singenden Engel nebst Erzbischof präsentierte.

pp/Agentur ProfiPress