Bergbaubild reist nach Hamburg

Das vom ehemaligen ZEIT-Verleger getragene Bucerius Kunst Forum wird Mechernicher Gemälde in einer internationalen Ausstellung vom 26. Juni bis 26. September in der 1,85-Millionen-Einwohner-Metropole präsentieren – Titel der Schau lautet „Moderne Zeiten. Industrie im Blick von Malerei und Fotografie“ und ist „ein Novum“ – 30 ausgewählte Bilder und 170 Fotografien spannen Bogen von Beginn der Industrialisierung bis heute – Museums-Direktorin musste „nachbohren“

Mechernich – Nur die beiden Haken bleiben zurück an der Wand im Bergbaumuseum. Das Ölgemälde, was sie sonst halten und präsentieren, fehlt Günter Nießen, dem Vorsitzenden des Fördervereins des Bergbaumuseums, schon jetzt. Der Abschiedsschmerz ist ihm deutlich anzusehen. Und das, obwohl das „Mechernicher Bleibergwerk“ doch gerade erst verpackt worden ist.

Das eindrucksvolle Spandau-Bild und Zeitzeugnis aus der Bergbau-Geschichte Mechernichs geht auf Reisen. In das rund 500 Kilometer entfernte Hamburg. Die Spedition ist eigens mit einem 18-Tonner angereist, um das wertvolle Werk Johann Joseph Leyendeckers sicher zu transportieren.

Für die Reise zur internationalen Schau im Bucerius Kunst Forum nach Hamburg wird das Mechernicher Bergbau-Gemälde, das den Tagebau „Virginia“, die vier Kreuser-Brüder und hunderte Arbeiter beim „tempeln“ zeigt, fachmännisch eingepackt. Foto: Kirsten Röder/pp/Agentur ProfiPress

Dort wartet Kathrin Baumstark auf das Zeugnis des ruhmreichen Bergbaus zu Kreuser-Zeiten. Im Bucerius Kunst Forum soll das Werk aus dem 19. Jahrhundert ab 26. Juni bis 26. September ausgestellt sein und bewundert werden können. Sie ist die künstlerische Leiterin des Forums.

Zuerst so nicht gewollt

„Wir haben das zuerst so gar nicht gewollt und abgesagt“, berichtet Nießen. Doch Kathrin Baumstark hakte nach. Das 1,90 x 1,30 Meter große Bild Johann Joseph Leyendeckers sollte schließlich die Schau „Moderne Zeiten – Industrie im Blick von Malerei und Fotografie“ bereichern. Die Leihgabe wurde am Ende doch noch besiegelt.

Damit der Blick der Bergbau-Museums-Besucher während der Ausstellungswochen in Hamburg nicht ins Leere fällt, haben Karoline Schommer und Günter Nießen für ein Abbild des Originals. Foto: Kirsten Röder/pp/Agentur ProfiPress

„Ich musste tatsächlich viel nachbohren, umso mehr freue ich mich nun, dass die ‚Mechernicher‘ zum Schluss doch noch einer Ausleihe zugestimmt haben und das Werk nun in Hamburg bestaunt werden kann“, so Baumstark: „Nun hängt es gleich am Anfang unserer Schau.“ Entdeckt wurde es per Zufall von ihnen. „Vor über zwanzig Jahren war das Gemälde im Historischen Museum Berlin zu sehen. Im dazugehörigen Ausstellungskatalog sind wir darauf gestoßen und wollten es unbedingt für unsere Ausstellung haben.“

Damit das wertvolle Original dort aber auch ohne Transportschäden ankommt (und wieder zurück), wurde von der Bucerius-Leiterin eigens ein Spezialtransportunternehmen beauftragt. „Sicher ist sicher“, sagt auch Nießen, der gerade im Mechernicher Museum mit Argusaugen nervös darauf achtet, dass die Transporteure das gute Stück bruchsicher verpacken.

Gleich zu Anfang der Schau empfängt das Mechernicher Bild die Besucher im Hamburger Bucerius Kunst Forum. Foto: Ulrich Perrey Bucerius Kunst Forum/pp/Agentur ProfiPress

Die gehen vorsichtig zu Werke, wickeln das Bild rundherum dick in gepolsterte Luftfolie ein und geben an den Ecken einen extra genau zugeschnittenen Kantenschutz aus Styropor obenauf. „Der Transport ist mit 100.000 Euro abgesichert“, berichtet Nießen, den das aber nicht wirklich beruhigt. Ein Verlust des Zeugnisses der Mechernicher Geschichte wäre tragisch. Der ideelle Wert ist nicht zu bemessen.

„Dieses noch erhaltene Gemälde zeigt einzigartig die Arbeitsweise im Mechernicher Bergbau im 19. Jahrhundert als die Bergleute im Arbeitstakt – ähnlich der Rudertätigkeit der Sklaven auf den Galeeren – oft zehn Stunden täglich bei Wind und Wetter das Haufwerk förderten“, berichtet Karoline Schommer vom Bergbaumuseum. Sie hat zur Herkunft viel geforscht, eine Diplomarbeit von Georg E. Molinari und Ausarbeitungen Norbert Leducs zu Rate gezogen und eine eigene Expertise zum Werk geschrieben. In der ist zu lesen: „Das Gemälde von Johann Joseph Leyendecker entstand im Jahre 1852 und war ein Auftragswerk der Grubenbesitzer Gebrüder Kreuser.“ Es entstand also in den Anfangsjahren der erfolgreichen Blei-Erz-Gewinnung, kurz nachdem die vier Brüder für 600.000 Taler Anteile am Bleibergwerk erworben hatten. Schon 1859 gründeten sie mit 3,2 Millionen Talern den Mechernicher Bergwerks-Actien-Verein.

Das Bild ist zwar für den Transport mit 100.000 Euro versichert. Jedoch ist der ideelle Wert für Mechernich unermesslich. Deshalb sichert Günter Nießen (l.) vorsichtshalber den Transporteur zusätzlich noch mit den Händen, weil Gesteinsbrocken aus Bergbauzeiten auf dem Fußboden im Weg lagen. Foto: Kirsten Röder/pp/Agentur ProfiPress

Vier Kreuser-Brüder

Auf dem Vorsprung am Rande der Abbaugrube sind von links Hilarius, Carl, Wilhelm und Werner Kreuser dargestellt. Zu sehen ist außerdem das Tagebau-Gebiet Virginia und der Renneberg-Schacht. Das mit Dampfkraft betriebene Pochwerk ist hinten links zu sehen. Ins Auge fallen aber vor allem die auf vielen Stufen (bergmännisch: Strossen) stehenden Arbeiter, die das „Haufwerk“ (gelöstes, erzhaltiges Gestein) nach oben schaufeln („tempeln“). Der Takt wurde von einem Vorarbeiter, dem „Herrn Anschläger“ vorgegeben. Der war streng, deshalb sprach man auch davon (in Anlehnung an die Berliner Strafanstalt): „Wir arbeiten op Spandau“.

Das im Jahr 1874 errichtete Königspochwerk war mit 256 Pochstempeln zu damaliger Zeit das größte Pochwerk der Welt. In der Blütezeit des Mechernicher Bergbaus, in den Jahren 1859 bis 1891 waren zeitweise über 4.000 Personen beschäftigt. Die Bücher weisen 1882 mit 4.472 Arbeitern den Höchststand aus.

„Die Hamburger Schau versammelt knapp 30 Gemälde und rund 170 Fotografien und spannt einen zeitlichen Bogen vom Beginn der Industrialisierung bis heute, von der Romantik bis zur zeitgenössischen Fotografie“, sagt Baumstark zur Ausstellung. Bildgewaltig mache die Ausstellung deutlich, wie sich die künstlerische Industriedarstellung über einen Zeitraum von 175 Jahren verändert hat und dokumentiere damit zugleich eindrucksvoll die Geschichte der Industrie in Europa und schlaglichtartig darüber hinaus.

„Ein absolutes Novum“, so Baumstark weiter. Nie zuvor sei die künstlerische Auseinandersetzung mit der Entstehung und Entwicklung von Industrie und den damit einhergehenden Wandel von Landschaft und Arbeit im Dialog der beiden Medien beleuchtet. Das Mechernicher Ölgemälde reiht sich damit ein in die Werke hochrangiger Künstler. Zu sehen sein werden auch Werke von Adolph von Menzel, der deutsche Maler gilt als der bedeutendste Realist des 19. Jahrhunderts, oder auch August Sander als einer der wichtigsten und für die Porträtgeschichte einflussreichsten deutschen Fotografen des 20. Jahrhunderts.

Baumstark betont: „Vor allem die Verbindung des Mechernicher Bildes zu zwei Fotografien sind erstaunlich. Das erste zeigt eine aufgelassene Goldmine aus dem gleichen Betrachter-Standpunkt wie das Werk aus Mechernich, beim zweiten erkennen wir wie die Menschen in der Grube schuften.“

Hier wird das Leyendecker-Gemälde gerade für die Fahrt nach Hamburg in den 18-Tonner verladen. Foto: Kirsten Röder/pp/Agentur ProfiPress

Johann Joseph Leyendecker

Der Künstler Johann Joseph Leyendecker (1810 geb. in Dernau/Ahr) studierte von 1832 bis 1839 an der französischen Schule der Künste „Ècole des Beaux-Arts“ in Paris. In den Jahren 1835 bis 1848 und 1861 bis 1867 nahm er regelmäßig am Pariser Salon teil. Von König Ludwig dem XIV. initiiert entwickelte sich dieser im 19. Jahrhundert zum Mittelpunkt und Bühne des französischen Kunstbetriebes. Knapp 900.00 Besucher wurden allein im Jahr 1855 gezählt. In den 1850er-Jahren ging Leyendecker einer Tätigkeit im Bonner Raum nach und erhielt Aufträge für Kirchengemälde und wohl auch eben auch zum Bergbau in der Stätte am Bleiberg.

Das Bucerius Kunst Forum ist ein von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius getragenes Ausstellungshaus. Letzterer war Gründungsverleger der ZEIT, Verleger des STERN, Mitbegründer von Gruner + Jahr und Ehrenbürger der Stadt an der Alster.

„Und wir fahren dahin. Mit ICE und zwei Tage“, lassen Karoline Schommer und Günter Nießen keinen Zweifel daran, dass sie „ihr“ Bild und die Ausstellung in der 1,85-Millionen-Einwohner-starken Metropole im hohen Norden besuchen wollen.

Und für die vorübergehende Lücke an der Wand im Bergbaumuseum haben die beiden, pfiffig wie sie sind, auch schon eine Lösung gefunden und kurzerhand ein Duplikat in etwas kleinerem Format drucken und auf einen Rahmen ziehen lassen. Nießen dazu: „Damit auch die Besucher des Bergbaumuseums weiterhin das große Werk früherer Mechernicher Zeiten bewundern können.“

pp/Agentur ProfiPress