Aktuelles

ProfiPress

Agentur für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit, journalistische und redaktionelle Dienstleistungen.

ProfiPress
AllgemeinLit.Eifel

Silberkette mit Geschichte

Lit.Eifel-Lesung mit Alena Schröder in der Kunstakademie Heimbach – Private Einblicke in autobiografischen Hintergrund ihres Romans

Heimbach – Am Anfang stand eine silberne Kette – denn eigentlich wollte Alena Schröder mit ihrer Literaturagentin etwas ganz anderes besprechen, als dieser die außergewöhnliche Silberkette um ihren Hals auffiel. Ein Erbstück. Alena Schröder erzählte vom spannenden Leben ihrer Urgroßmutter – und die Idee für ihren Debütroman war geboren. Dass es sich bei der Kette letztendlich gar nicht um ein Erbstück von „Ömchen“ handelte, erfuhr Alena Schröder von ihrer Mutter – zum Glück für ihre Leser – erst, als der Roman „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ bereits geschrieben war. Einen Einblick in ihr Buch und dessen Entstehung gab die Autorin am Montagabend bei der ausverkauften Lit.Eifel-Lesung im stimmungsvollen Ambiente der Kunstakademie Heimbach.

Alena Schröder las bei der Lit.Eifel aus ihrem Debütroman „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“. Foto: Steffi Tucholke/pp/Agentur ProfiPress

Alena Schröder hat sich bisher vor allem als Journalistin und Autorin von Sachbüchern einen Namen gemacht. Nach dem Studium der Geschichte, Politikwissenschaft und Lateinamerikanistik in Berlin und San Diego besuchte sie die Henri-Nannen-Schule, eine Journalistenschule in Hamburg. Nach Jahren als Redakteurin bei der „Brigitte“ arbeitet sie heute frei unter anderem für die „Brigitte“, das „SZ-Magazin“ und „Die Zeit“.

Vier Frauen, vier Generationen

„Ich wollte über die Geschichte meiner Urgroßmutter eigentlich einen journalistischen Beitrag schreiben, aber dafür fehlten mir einfach die Belege – ich kannte nur die Familienanekdoten von meiner Mutter“ erzählte Alena Schröder. Und die Schriftstellerin gesteht: „Journalismus ist anstrengend, alles was man schreibt, muss man belegen. Als ich meinen Roman geschrieben habe, fand ich es toll, mir Sachen ausdenken zu können – das hat wirklich Spaß gemacht.“

Entstanden ist eine deutsch-jüdische Familiengeschichte, die vier Frauen über vier Generationen von den 1920er-Jahren bis heute miteinander verbindet. Unabhängigkeit, Selbstverwirklichung und Mutterschaft sind Themen, die sie alle miteinander verbinden.

Der Roman spielt in Berlin, wo das Leben tobt, während die 27-jährige Hannah spürt, dass ihres noch nicht angefangen hat. Ihre Großmutter Evelyn hingegen kann nach beinahe hundert Jahren das Ende kaum erwarten. Ein Brief aus Israel verändert alles. Darin wird Evelyn als Erbin eines geraubten und verschollenen Kunstvermögens ausgewiesen. Die alte Frau aber hüllt sich in Schweigen.

Warum weiß Hannah nichts von der jüdischen Familie? Und weshalb weigert sich ihre einzige lebende Verwandte, über die Vergangenheit und besonders über ihre Mutter Senta zu sprechen? Die Spur der Bilder führt zurück in die 1920er-Jahre, zu einem eigensinnigen Mädchen. Gefangen in einer Ehe mit einem hochdekorierten Fliegerhelden, lässt Senta alles zurück, um frei zu sein. Doch es brechen dunkle Zeiten an.

Autobiografische Bezüge

Bei der Lit.Eifel-Lesung waren die Zuhörer ganz nah dran an den Romanfiguren, denn Alena Schröder gab einen privaten Einblick in den autobiografischen Hintergrund der Familiengeschichte – inklusive verblichener Fotos der Urgroßeltern. Denn tatsächlich habe ihre Urgroßmutter Senta in den 1920er Jahren Ehemann Ulrich und die gemeinsame Tochter verlassen, um nach Berlin zu gehen.

Und auch einen Brief mit dem Hinweis auf verschollene Kunstwerke der von den Nazis deportierten jüdischen Vorfahren habe es wirklich gegeben. „Diese Restitutionsverfahren sind in der Realität allerdings sehr kompliziert und langwierig – und es ist extrem selten, dass tatsächlich ein Bild gefunden wird“, so Alena Schröder.

Von diesen jüdischen Vorfahren, einem Kunsthändlerehepaar, fand Alena Schröder in alten Unterlagen eine sogenannte „Vermögenserklärung“, die sie vor ihrer Deportation auszufüllen hatten. „Auf 35 Seiten mussten sie dort ihren gesamten Hausstand vom Bettlaken bis zur Konservendose auflisten“, beschreibt die Autorin. Sie empfinde es als schmalen Grad, als Schriftstellerin von der Zeit des Nationalsozialismus zu erzählen, ohne dabei voyeuristisch zu sein. Aus diesem Grund habe sie sich für diesen Teil der Geschichte auf das genannte Formular fokussiert: „Dieses Dokument hat so eine Kälte und transportiert mit seiner Auflistung der letzten Habseligkeiten den Schrecken dieser Zeit.“

Thema noch auserzählt

Für die historischen Episoden ihres Romans habe sie viel recherchiert, erzählt Alena Schröder im Gespräch mit Lit.Eifel- und Radio-Moderatorin Katia Franke. So habe sie beispielsweise viel zeitgenössische Literatur gelesen, um dem Alltag der Menschen und der damaligen Sprache nachzuspüren. Sie arbeite in der Zeit, wenn ihre Kinder in der Schule seien. Ganz oft habe dabei nur an die Wand geguckt, während sich die Geschichte in ihrem Kopf entwickelte. „Schreiben ist eben auch ganz viel nicht schreiben…“

Dass ihr Debütroman solch einen Erfolg haben und es in die Spiegel-Bestsellerliste schaffen würde, habe sie sich nicht vorstellen können, gesteht Alena Schröder. Das liege vielleicht auch daran, dass das Thema Mutterschaft und die ambivalenten Gefühle, die damit einhergehen könnten, in der Literatur noch nicht auserzählt sei. „Eine liebevolle Mutter und gleichzeitig mit Leidenschaft berufstätig zu sein war vor 100 Jahren fast unmöglich – aber auch heute ist das Problem aus meiner Sicht noch nicht gelöst.“

pp/Agentur ProfiPress