Sieben Dekaden Industriegeschichte
Gebrüder Girards übernahmen vor 140 Jahren den Industriestandort „Neuhütte“ in Mechernich-Vussem von Carl Depiereux – Eifeler Industriepioniere mit „Dampflokomobil“, Telefonanschluss, Wasserversorgung und Strom – Später Fertigung von Radialbohrmaschinen und mehr – Auf Weltausstellung in Brüssel vertreten
Von Rike Piorr und Henri Grüger
Mechernich-Vussem – Vor 140 Jahren war die Welt noch eine andere. Gottlieb Daimler hatte gerade den Benzinmotor erfunden, Otto von Bismarck war deutscher Reichskanzler und im „wilden Westen“ Amerikas herrschte ein legendärer Goldrausch. Doch auch in Vussem wurde im Jahre 1883 der Grundstein für teils bis heute erhaltene Industriegeschichte gelegt, die den Ort und Mechernich maßgeblich prägte.

Damals erwarben die vier aus Jünkerath-Esch stammenden Gebrüder Girards, Valentin, Heinrich, Ernst Hubert und Peter, die örtliche Gießerei „Neuhütte“ von Carl Depiereux, die dort schon seit 1852 im Anschluss an die Eisenerzverhüttung seit 1722 betrieben wurde. Fortan trug sie den Namen „Gebrüder Girards Eisengießerei“.
Wilhelm Mausbach und Hans-Theo Linden, die lange Jahre in deren Folgebetrieben „Dörries“ und „Dörries-Scharmann“ gearbeitet haben, erzählten der Agentur ProfiPress, wie vor weit über einem Jahrhundert alles begann. 1998 schloss „Dörries-Scharmann“ seine Pforten, trotzdem identifizieren sich die Arbeiter sowie viele Bewohner des Dorfes bis heute damit. Sie gehören dem “Verein zur Förderung und Erhaltung der Werkzeugmaschinenbautradition in der Eifel e.V.” an.

Zu den Anfängen erklärte Wilhelm Mausbach: „Ein möglicher Anziehungspunkt für die Gebrüder war wohl das naheliegende Mechernicher Bleibergwerk samt Bahnlinie.“ So konnte sich der Name Girards etablieren und war in den darauffolgenden 71 Jahren einer der großen Arbeitgeber der Region. Zusätzlich engagierte sich die Familie sehr für den Ort. So stiftete der spätere Alleinbesitzer Peter Girards beispielsweise ein großes eisernes Kreuz am Kriegerdenkmal und engagierte sich als Bürgermeister von Vussem. Doch immer der Reihe nach.
Von Pferdekarren zum „Dampflokomobil“
Nach der Übernahme der Gebrüder vergrößerte sich das Unternehmen, der fortschreitenden Industrialisierung sei Dank, schnell. Im Jahre 1899 erweiterten die Girards das Gebäude und kauften für insgesamt 30.000 Mark Maschinen. Der Gewerbebetrieb bearbeite fortan auch Gußeisen auf Drehbänken sowie mit Hobel- und Bohrmaschinen. Durch die Integrierung von Maschinenbau und mechanischer Bearbeitung änderte sich der Name in „Gebrüder Girards, Eisengießerei und Maschinenfabrik“.

Obwohl die Firma noch kein eigenes Produkt hatte, wurden bereits um 1900 mechanische Vorrichtungen gebaut. Schon damals nutzte sie Wasser des „Hüttenbachs“ für den Betrieb der eigenen Wasserräder. Diesen leiteten die Brüder zwischen Eiserfey und Vussem aus dem Veybach ab. Zeitgleich schafften sie sich ein damals topmodernes „Dampflokomobil“ an, um benötigte Materialien von und zum Mechernicher Bahnhof zu transportieren. Vorher erfolgte dies mit Pferdekarren. Später wurde der stählerne Koloss auch als Dampf-Straßenwalze genutzt.
„Zentraler Punkt“
Bis 1902 bekam die „Neuhütte“ einen Telefonanschluss und war somit unter den ersten elf Nutzern des Ortstelefonnetzes. Und wieder erweiterten die Gebrüder Girards ihre Fabrik um Mechanische Fertigung und das Fräsen von Zahnrädern. Ihr letzter gemeinsamer Streich, bevor Peter Girards die Firma von seinen Brüdern übernahm. „Wenn er sie damals nicht weitergeführt hätte, wäre das Werk wahrscheinlich verschwunden. Das war ein zentraler Punkt in der Firmengeschichte“, so Mausbach.

Vier Jahre später firmierte Peter Girards das Unternehmen mit einem Geschäftspartner in die „Girards & Mais GmbH“ um, welches fortan auch an die öffentliche Wasserversorgung angeschlossen war. Im Jahre 1907 wurde die erste Elektroanlage auf dem Werksgelände in Betrieb genommen. Diese wurde, wie auch das Mechernicher Bleibergwerk, mit Strom vom damals frisch gebauten Heimbacher Jugendstil-Wasserkraftwerk versorgt. Eine Sensation im bisher „Sibirien Preußens“ genannten, schlichten Eifelland. Zugleich fanden die nächsten Fabrikerweiterungen statt. Erst 14 Jahre nach der „Neuhütte“ erhielt schließlich auch Vussem einen Anschluss an das Stromnetz.
Das Ende einer Ära
Der wirtschaftliche Aufschwung der stetigen Vergrößerung war spürbar. So zog der Industrielle im Jahre 1909 in eine große Villa auf einer Anhöhe oberhalb des Werkes. Fast zeitgleich starb seine erste Ehefrau Johanna Hubertina Margaretha Cäcilia, geborene Dreessen. Sie wurde 56 Jahre alt.

Kurze Zeit später firmierte die Firma zu „P. Girards GmbH“ um. Im Jahre 1912 erblickte Girards Sohn Peter Junior das Licht der Welt. Dessen Mutter war die zweite Ehefrau Girards‘, Magdalena, geborene Distelrath aus Andernach.
Waren es 20 Jahre vorher nur 18, beschäftigte die Firma im Jahre 1913 bereits 78 Arbeiter und 5 Angestellte. Eine kurzzeitige Blüte, denn in den darauffolgenden Kriegsjahren 1914 bis 18 wurde die Eisengießerei und Maschinenfabrik für Heereslieferungen herangezogen, die Dampf-Straßenwalze an der Front eingesetzt.

Peter Girards verstarb 1918 im Alter von 60 Jahren. Beigesetzt wurde er neben seiner ersten Ehefrau in Holzheim. Kurz zuvor errichtete er eine Notkirche in einem Modellschuppen seiner Firma. Diese hatte bis ins Jahr 1940 Bestand. Ganze 40.000 Mark investierte er darin. Der „Bochumer Verein” stiftete zusätzlich im Jahre 1920 eine Stahlglocke, welche zu Ehren des Verstorbenen „Petrusglocke“ genannt wurde.
Spezialisierung auf Radialbohrmaschinen
Doch wie sollte es nun weitergehen? Ab 1920 übernahm Magdalena Girards gemeinsam mit Paul Kneisel die Führung des Unternehmens. Die „Rheinische Bohrmaschinenfabrik & Cie. KG.“ war geboren. Fachgebiet des Werkes war fortan die Fertigung von Radialbohrmaschinen. Zu dieser Zeit nicht einfach, gerade auch weil es noch keine Berufsschule in der Nähe gab und die Arbeiter demnach vor Ort, meist nur praktisch, ausgebildet werden mussten.

1926 folgte ein weiterer, bedeutender Einschnitt. Die Gießerei, die zwischenzeitlich an das Frankfurter Unternehmen „Maschinenbau Pokorny Wittekind“ verpachtet war, wurde stillgelegt und nicht mehr weitergeführt. Derweil errichtete der Missionsorden der „Patres vom Heiligsten Herzen Jesu“ eine Niederlassung in der „Villa Neuhütte“. Familie Girards waren fortan als Ehrengäste geladen.
Unterirdisch durch dunkle Zeiten
Im Jahre 1938 übernahm schließlich Peter Girards Junior die Firma, bevor wieder Kriegszeiten folgten. Ob wirtschaftlich oder politisch motiviert sei dahingestellt, reichte Peter Girards Junior im Jahre 1938 eine Klage gegen seine Vertriebspartnerfirma „SOAG“ beim Düsseldorfer Landgericht ein.

Ein Jahr später erfolgte die Grundsteinlegung der Vussemer Kirche. Sie wurde als einzige Kirche im zweiten Weltkrieg im Bistum Aachen gebaut. Peter Girards war eigens hierfür nach Berlin gereist um die Entscheidungsträger im Naziregime zu überzeugen – mit Erfolg. Warum die eigentlich kirchenfeindlichen Machthaber allerdings zustimmten, ist nicht dokumentiert.

Ab 1942 beschäftigte die „Rheinische Bohrmaschinenfabrik & Cie. KG.“ russische Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter, zu dieser Zeit keine Seltenheit. In den letzten beiden Kriegsjahren musste die Firma ihre Maschinen jedoch aus Sicherheitsgründen in der Kakushöhle deponieren. Dann erhielt die Belegschaft des Unternehmens ihre Dienstverpflichtung nach Niedersachswerfen im Harz. In unterirdischen Produktionsstätten eines stillgelegten Bergwerkes wurde hier bis Kriegsende für die Rüstungsindustrie produziert.
Sensation auf der Weltausstellung
Nach dem Ende der NS-Diktatur war im Jahre 1947 das Meiste wieder beim Alten und so nahm das Unternehmen die Bohrmaschinenproduktion wieder auf. Peter Girards begann außerdem mit dem Betrieb eines kleinen Elektroschmelzofens, zunächst um Haushaltswaren und Kolbenringe aus Gusseisen herzustellen.

Ein Jahr später hatte Girards Firma etwa 120 Beschäftigte, 1952 stellte sie einen Antrag an den Kreis zur Genehmigung eines Kupolofens, 1954 übernahm allerdings auch schon die „O. Dörries AG“ aus Düren das Werk „Neuhütte“ und 30 Mitarbeiter.

Warum Girards das Unternehmen verkaufte, ist ungeklärt. Was blieb, sind Bohrmaschinen mit seinem Namen darauf, die Dörries für kurze Zeit weiter produzierte, vertrieben von der Firma „Warta“ in Hagen. Eine davon wurde im Jahre 1959 auf der Weltausstellung in Brüssel aufgrund ihres hochmodernen Designs vorgestellt und von den Anwesenden bewundert.

Nachdem auch „Dörries-Scharmann“ 1998 schließlich dicht machen musste, erwarb die „IHZ Feytal“ das Werksgelände und verpachtet die Räume bis heute an verschiedenste Unternehmen. Die letzte, fast eine Tonne schwere und unter dem Namen Girards produzierte Bohrmaschine, steht heute noch in einem kleinen „Museum“ auf dem Gelände.

pp/Agentur ProfiPress