Die Erben des Samariters

„Mit-Menschen auf dem Weg“: Diakonisches Werk im Kreis Euskirchen feierte Palmsonntag mit Hunderten Gästen 50jähriges Bestehen – Kurzweiliges Programm mit Musik, Interviews und Humor machte deutlich: Christliche Nächstenliebe immer noch „up to Date“

 

Langgediente Mitarbeiter des Diakonischen Werks im Kreis Euskirchen: Pfarrer Wolfgang Sassenscheidt, Monika Speichert, Ingrid Witte, Rosemarie Nöthen, Brigitta Schenk, Anneliese Burbach, Ingrid Deckelmann, Hannelore Schild und Dr. Wiebke Schaich-Klose. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Euskirchen – 50 Jahre Diakonisches Werk im Kreis Euskirchen: Es war eine mitreißende und zuweilen auch ergreifende Geburtstagsfeier des ältesten Sozialverbandes in hiesigen Breiten. Das Motto „Mit-Menschen auf dem Weg“ war Programm: Das Evangelische Gemeindezentrum an der Kölner Straße von Euskirchen platzte am Sonntag aus allen Nähten.

Zu Jubiläumsgottesdienst und Festakt gekommen waren keineswegs nur Angehörige der fünf Kirchengemeinden, in deren Auftrag und in deren Territorien die Euskirchener Diakonie christliche Nächstenliebe auch im 21. Jahrhundert praktiziert und vorlebt. Auch viele Angehörige und Familien der schutzbefohlenen Menschen mit Behinderung, Kranken, Pflegebedürftigen, Rat, Schutz und Hilfe Suchenden sowie diese Klientel selbst reihten sich in die Schar der Gratulanten und Mitfeiernden ein.

Über 500 Gäste zu Besuch

Darunter auch viele Geistliche beider großen christlichen Konfessionen, allen voran Landespfarrer Albrecht Bähr, Vertreter von Vereinen und Organisationen, auch der katholischen Schwesterorganisation Caritas, Landrat Günter Rosenke und Euskirchens stellvertretende Bürgermeisterin Christiane Loeb, die sehr eindrücklich ihre eigenen sehr guten Erfahrungen aus der Familie mit dem Mobilen Pflegedienst der Diakonie schilderte. Insgesamt wurden den ganzen Sonntag über 500 Gäste gezählt.

Der Festakt im Evangelischen Gemeindesaal stand keineswegs im Zeichen stocksteifer Sonntagsreden, ganz im Gegenteil. Dafür sorgten schon Radio-Euskirchen-Moderatorin Steffi Lingscheidt, die professionell durchs kurzweilige Programm führte, die Pfarrer Edgar Hoffmann und Ulrich Zumbusch, die 50 Jahre von der Gründung am 1. April 1962 bis heute Revue passieren ließen, sowie die „Gospel Company“ und die Band „Shake Hands“, die für mitreißende musikalische Unterhaltung sorgten.

In Interviews gaben Ingrid Witte (Ex-Caritas-Geschäftsführer Bruno Grobelny: „Sie war die allererste Sozialarbeiterin im Kreis Euskirchen, die hier 1962 schnell und engagiert die Ärmel hochgekrempelt hat!“) und DiakonWalter SteinbergerRückblicke und Ausblicke in die Arbeit des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirchengemeinden Euskirchen, Bad Münstereifel, Flamersheim, Zülpich und Weilerswist.

Zur „Thekenseelsorge“, berichtete Ingrid Witte, bei der trinkfreudige Zeitgenossen davon abgehalten wurden, den Inhalt ihrer damals noch wöchentlich ausgegebenen Lohntüten zu vertrinken statt sie mit ihren oft Not leidenden Familienangehörigen zu teilen, „habe ich allerdings meinen Mann mitgenommen“. Ansonsten kam die resolute Diakonie-Chefin ganz gut alleine klar.

DiakonWalter Steinberger, ein gebürtiger Hesse, erzählte unter anderem von seiner ersten Begegnung mit Euskirchen, die ihn nicht davon abhielt, hier vor zwölf Jahren Fuß zu fassen: „Das erste, was ich von Euskirchen sah, waren zwei als Kühe verkleidete Jecken an einer Bushaltestelle . . . es war Weiberfastnacht.“

Nadine Günther, die Kollegin von DiakonWalter Steinbergerin der heutigen Geschäftsführung, gab gemeinsam mit schauspielernden Kids humorvoll Einblick in die Arbeit der Pflege, Palliativpflege, Häuslichen Hilfe, Integrationshilfe, Selbsthilfegruppen, Ehe- und Lebensberatung, Demenz-Café, Familienunterstützung, Seniorenreisen und vieles andere mehr.

Dabei konnte man erahnen, was sich in 50 Jahren Pflege getan hat und noch tun wird: Eine Gemeinde-Krankenschwester erschien in der Tracht der Diakonissen mit Fahrrad. Sie symbolisierte die Pflege alter Tage. Schwester Anna Renner selbst fuhr dann symbolisch als Pflegerin des 21. Jahrhunderts mit Diakonie-gelbem Smart vor. Karikaturmäßig erschienen die Pflegerin der Zukunft unter dem Applaus der zu dem Zeitpunkt über 200 Gäste zum Dienst – ihrerseits selbst einen Rollator schiebend.

Bewährte Diakonie-Helfer ausgezeichnet

Landespfarrer Albrecht Bähr übergab das Goldene Kronenkreuz, die Auszeichnung des Diakonischen Werkes für langjährige Verdienste, an Ingrid Deckelmann. Mit Ingrid Witte, der Frau der ersten Stunde, und Pfarrer Wolfgang Sassenscheidt stellten sich auch Hannelore Schild, Dr. Wiebke Schaich-Klose, Rosemarie Nöthen, Monika Speichert, Anneliese Burbach und Brigitta Schenk zum Gruppenbild der altbewährten Diakonie-Helfer.

Pfarrer Sassenscheidt erinnerte dabei auch an Pfarrer Gerhard Müller und die Eheleute Peter und Juliane Müller, „die Eltern des Diakonischen Werkes im Kreis Euskirchen“. Sassenscheidt meinte, man könne die Arbeit der Diakonie in der Evangelischen Kirche gar nicht hoch genug einschätzen: „Gemeinde ist nur da Gemeinde, wo sie sich auch der Alten und Kranken annimmt!“

Was am 1. April 1962 als „Ein-Frau-Unternehmen“ von und mit der Sozialarbeiterin Ingrid Witte aus der Taufe gehoben wurde, ist heute ein professionelles modernes Räderwerk aus 300 hauptamtlichen und vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern, die Tag für Tag versuchen, das christliche Gleichnis vom barmherzigen Samariter in die Tat umzusetzen.

Was als „Evangelischer Gemeindedienst für Innere Mission und Hilfswerk“ 1962 begann und ein Jahr später angesichts der Gründung des Diakonischen Werks im Rheinland in Diakonie umbenannt wurde, verfügt heute über eine Zentrale in der Kaplan-Kellermann-Straße 12 und  bald auch über ein Apartmenthaus für betreutes Wohnen für Menschen mit Behinderung an der Oststraße in Euskirchen.

Die 300 helfenden hauptamtlichen „Mit-Menschen“ (siehe Motto) der Diakonie, hinzu kommen junge Leute im Freiwilligen Sozialen Jahr, Ehrenamtliche in allen möglichen Funktionen, z.B. Krankenhausbesuchsdienst („Grüne Damen“) und Sterbebegleitung (Hospizhelfer/innen), sind allerdings nur zum geringen Teil am Hauptsitz in der Kaplan-Kellermann-Straße anzutreffen. Meistens sind sie unterwegs und da, wo sie gebraucht werden, in den Häusern und Wohnungen der Schutz- und Hilfsbefohlenen.

Die „Diakonie-Station Euskirchen“ mit häuslicher Pflege und ambulanter Palliativpflege pflegt und betreut zurzeit etwa 120 Patienten zu Hause. Die Menschen, die sich der Diakonie anvertrauen sind keineswegs alle evangelisch: Ein Drittel der Schutz- und Hilfsbefohlenen von DiakonWalter Steinbergers Pflegeteam sind katholische Christen, ein weiteres Drittel sind Muslime oder konfessionslos.

Die demographische Entwicklung mit einer älter werdenden Gesellschaft, in der gleichzeitig die sozialen Bindungen wegfallen, stellt für Diakon Steinberger und Nadine Günther die größte Herausforderung der Zukunft dar. Hilfebedürftig seien dabei nicht nur die Pflegebedürftigen oder Demenzkranken, sondern auch deren Angehörige.

Wer ehrenamtlich – in welchem Bereich auch immer – helfen möchte, kann sich an das „Forum Ehrenamt“ (Tel.: 0 22 51/ 92 900) wenden. Die Mitgliedschaft im Evangelischen Förderverein kostet zwölf Euro jährlich für natürliche Personen und 50 Euro für „juristische Personen“, das sind Institutionen, Vereine, Gebietskörperschaften, Unternehmen etc. Auch in diesem Punkt erhält man täglich von 8 bis 14 Uhr Auskunft unter der Rufnummer (0 22 51) 92 900.

 pp/Agentur ProfiPress