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Ein halbes Leben auf 600 Seiten

Peter Zingler fesselte Zuhörer im Steinfelder Hermann-Josef-Kolleg mit Passagen aus seinem Buch „Im Tunnel“ und vielen weiteren Geschichten – Witzige Szenen, feine Beobachtungen und bewegende Momente bei Lit.Eifel-Lesung – Gemeinsamer Ausklang im Klostergarten

Eifel/ Steinfeld – „Als das Manuskript 600 Seiten lang war, hab‘ ich mir gedacht, jetzt machen wir Schluss.“ Damit sei auch klar gewesen, so der Schriftsteller und Drehbuchautor Peter Zingler im Rahmen seiner Lit.Eifel-Lesung im Steinfelder Hermann-Josef-Kolleg, dass es eine Fortsetzung geben werde. Im Frühjahr 2016 werde also zum Roman „Im Tunnel“ mit autobiografischen Zügen ein zweiter Teil erscheinen. „Der heißt dann wahrscheinlich so ähnlich – vielleicht »Licht am Ende des Tunnels«“, sagt der Wahl-Frankfurter und lacht auf jene leicht selbstironische Art, die ihn so sympathisch macht.

Dass 600 Seiten nur für die Hälfte seines Lebens, von dem er zwölf Jahre in internationalen Gefängnissen verbracht hat, ausreichen, das wunderte in Steinfeld niemanden. Peter Zingler hat viel erlebt – und er ist ein grandioser Geschichtenerzähler. Nicht umsonst wurde die Geschichte seiner Kindheit nach seinem Drehbuch im ARD-Zweiteiler „Die Himmelsleiter“ verfilmt – mit einem Budget von sieben Millionen Euro, wie er dem Lit.Eifel-Publikum verriet. Unter anderem habe man in Tschechien nahe Prag das zerbombte Köln nachgebaut. Auch ein „Kriegswald“ musste geschaffen werden, in dem Fall der Hürtgenwald, nach dem er Schauplatz der Schlachten des Zweiten Weltkriegs gewesen war.

Viele Zuhörer nutzten die Pause, um sich Peter Zingler aktuellen Roman „Im Tunnel“ signieren zu lassen, darunter auch der Schulleiter des Hermann-Josef-Kollegs Heinrich Latz.
Viele Zuhörer nutzten die Pause, um sich Peter Zingler aktuellen Roman „Im Tunnel“ signieren zu lassen, darunter auch der Schulleiter des Hermann-Josef-Kollegs Heinrich Latz.

Über seine Kindheit sagte Peter Zingler: „Ich wurde in eine Zeit geboren, die später als die schlechte Zeit bezeichnet wurde – aber das wusste ich ja nicht…“ Er habe sein Leben als kleiner Junge „unheimlich spannend“ gefunden: „Ich habe geklaut wie ein Rabe, und immer wenn ich nach Hause kam, sagte meine Oma »das hast Du gut gemacht«.“ Heute sehe er das Ganze etwas anders, berichtete der Autor, und offenbarte dem Publikum auch eine überraschend nachdenkliche, ja verletzliche Seite – wie noch einige Male im Rahmen der Veranstaltung. Nachträglich frage er sich schon, was das eigentlich war: „Zuspruch und Anerkennung habe ich immer nur dann erhalten, wenn der Rucksack voll war.“ Also, wenn das „Fringsen“, das klauen von Lebensmitteln und Metallen, erfolgreich war.

Auch die Schwarzmarktgeschäfte an der belgischen Grenze seien nicht immer nur „spannend“ gewesen: „Einmal haben Grenzposten auf uns geschossen.“ Ein anderes Mal sei er gestolpert, über einen Ast, wie er dachte. „Doch dann sah ich, es war ein Arm in Uniform, halb verwest.“ Überhaupt stimme es, von heute aus betrachtet, schon nachdenklich, dass die Erwachsenen die Kinder auf diese Handelstouren geschickt haben, „manchmal ein ganzer Bus voll mit Jungen“, um selbst nicht verhaftet zu werden.

Vielleicht habe es mit seinen Kindheitserinnerungen zu tun, dass er sich nie so ganz auf Beziehungen habe einlassen können, so Peter Zingler, der, wie er berichtete, „sechs Kinder von vier Frauen“ hat. Nicht zuletzt deshalb habe er das mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Drehbuch für den Tatort „Kinderspiel“ über kriminelle Kinderbanden in Wien ganz aus Sicht der Kinder geschrieben: „Da konnte ich mich gut reinversetzen, das kannte ich ja.“

Peter Zingler, hier mit der Lit.Eifel-Moderatorin Claudia Hoffmann, begeisterte im Steinfelder Hermann-Josef-Kolleg mit seinen Geschichten – und berührte mit persönlichen Einblicken. Foto: Alice Gempfer/pp/Agentur ProfiPress
Peter Zingler, hier mit der Lit.Eifel-Moderatorin Claudia Hoffmann, begeisterte im Steinfelder Hermann-Josef-Kolleg mit seinen Geschichten – und berührte mit persönlichen Einblicken. Foto: Alice Gempfer/pp/Agentur ProfiPress

Zuvor hatte er eine höchst amüsante und fein beobachtete Geschichte vorgelesen, in der seine Frau und er gemeinsam verreisten – obwohl beide eigentlich viel lieber mit dem und der heimlichen Geliebten unterwegs gewesen wären. „Das war meine zweite Frau“, konstatierte Peter Zingler. Er frage sich, warum das immer so sein muss: Erst ist alles schön, und dann…“ Gleichzeitig räumte er ein: „Ich will gar nicht sagen, dass ich nicht auch Anteil hatte.“ Er hätte gerne bessere Beziehungen geführt, so der Autor, „aber ich konnte es einfach nicht. Ich hatte immer viel zu viel Angst, verlassen zu werden.“ Eine Erfahrung, die er auch mit diesem Moment verbindet: Als Schuljunge erfuhr Peter Zingler, dass seine Mutter eigentlich seine Oma ist. Sie holte ihn zu sich und adoptierte ihn, nachdem sie erfahren hatte, dass ihre Tochter ein Kind und dieses ins Waisenhaus gegeben hatte.

Neben diesen nachdenklichen Momenten versprühte Peter Zingler ein wahres Feuerwerk an Geschichten aus seiner Zeit als einer der meistgesuchten Einbrecher („Eine Zeit lang gab es eine SOKO-Zingler“), über Reisen in andere Länder wie sein einjähriger Aufenthalt auf Jamaika und natürlichen über seine Erfahrungen „im Knast“. Die Zeit als Krimineller im Milieu, so Zingler, habe teils auch Spaß gemacht, „aber es war auch Scheiße“. Die Dinge spitzten sich zu, im Falle einer weiteren Verhaftung drohte der Richter mit Sicherheitsunterbringung. „So geht es nicht weiter“, wurde Peter Zingler klar. Er stellte sich, saß seine Strafe ab – und begann im Gefängnis zu schreiben. Erotische Geschichten zunächst, die ihm seine Mithäftlinge aus den Händen rissen. Auch Verlage wie der „Playboy“ waren begeistert, Zingler verdiente erstmals Geld mit Literatur. Später folgte sein erster Roman „Tod in Kingston“.

Aktuell arbeitet Peter Zingler, der seine Geschichten und Bücher nicht in den PC schreibt, sondern – am liebsten beim Spazierengehen – diktiert, an einer neuen Folge für den Kölner Tatort. Das verriet er auf Nachfrage der Moderatorin Claudia Hoffmann, die sich einmal mehr als Profi erwies: Als klar wurde, dass Peter Zingler einfach ein „Selbstläufer“ ist, ließ sie den vorbereiteten Fragenkatalog einfach außer Acht. Dennoch konnte sie am Schluss schmunzelnd feststellen: „Alle Fragen wurden beantwortet.“

Eine rundum gelungene Lit.Eifel-Veranstaltung, deren Pause fast alle Zuhörer nutzten, um sich Peter Zinglers Buch zu kaufen. Der laue Sommerabend endete auf Anregung des Autors im Klostergarten: „So, wollen wir jetzt draußen noch zusammen ein Glas Wein trinken?“, fragte er nach der Ab-Moderation…

pp/Agentur ProfiPress