Die Geister waren wieder los

Mit Juh-Jah-Rufen die Dämonen des Winters vertrieben – Uralter Blankenheimer Karnevalsbrauch findet im nächsten Jahr zum 400. Mal statt

Große und kleine Geister gaben sich beim traditionellen Blankenheimer Geisterzug alle Mühe, die Dämonen des Winters zu vertreiben. Foto: Renate Hotse/pp/Agentur ProfiPress

Blankenheim – Er zieht ganze Familien an, lockt Großstädter in die Eifel und selbst ausgesprochene Karnevalsmuffel hinter dem Ofen hervor: Der Geisterzug, der jedes Jahr am Abend des Karnevalssamstag durch die malerischen Gassen des Ahrstädtchens Blankenheim zieht. Punkt 19.11 Uhr begann der Spuk rund um die Ahrquelle, der in seiner Ursprünglichkeit bundesweit einzigartig ist. Die Lampen in den Straßen und Häusern erloschen, denn der jahrhundertalte Umzug ging einzig im Schein der Pechfackeln vonstatten, die Zuschauer und Geister in den Händen hielten.

Lautes Geschrei und das Juh-Jah-Lied kündigten die ausgelassene Geisterschar an, deren Auftrag es war, die Dämonen des Winters zu vertreiben. Denn anders als beispielsweise in Köln, wo der Geisterzug ein alternativer Karnevalsumzug ist und 1991 als Anti-Golfkrieg-Marsch ins Leben gerufen wurde, handelt es sich beim Blankenheimer Original um einen uralten Karnevalsbrauch: 2013 werden die hüpfenden Geister zum 400. Mal durch die verwinkelten Gassen ziehen und vermutlich noch mehr Schaulustige von nah und fern anlocken als es ohnehin schon Jahr für Jahr der Fall ist.

Die Liebhaber dieser archaisch anmutenden Tradition standen auch in diesem Jahr beim Geisterzug Nr. 399 in mehreren Reihen am Straßenrand und genossen die außergewöhnliche Atmosphäre dieses Ereignisses, das sich so sehr vom üblichen kunterbunten Straßenkarneval unterscheidet und trotzdem eine Gute-Laune-Garant ist – ganz ohne Kamelle und Strüßjer. „Ein Blick in die Augen der zahlreichen Geister und des Publikums am Wegesrand zeigt, dass hier Glücksgefühle pur produziert werden“, schreibt etwa die „Kölnische Rundschau“ in ihrer Rosenmontagsausgabe.

Mitlaufen und –hüpfen dürfen im übrigen nicht nur Einheimische, sondern alle, die sich in die Geisterschar einreihen möchten. Mitzubringen sind lediglich ein Bettlaken und eine Kordel zum Binden. Wie die drolligen Geisterohren originalgetreu abgebunden werden, erklärten am Rathauseingang bereitwillig Vertreter des Blankenheimer Karnevals. Dort gibt es auch die Pechfackeln, die den mittelalterlichen Ort für die Dauer des Spektakels in Feuerschein tauchen. Dass Gestalten aus der Horror-Szene das traditionsreiche Bild nicht beeinträchtigen, darauf achten die Verantwortlichen des „Blangemer“ Karnevals genau: Freddy Krueger- oder Jason Vorhees-Kostüme sind hier nicht erwünscht. „In Zeiten, als es noch keine Karnevalsschminke gab, griffen die “Geister” auf Fett und Mehl zurück, um sich das Gesicht weiß zu färben. Zunächst schmierten sie sich das Fett auf die Gesichtshaut. Anschließend pusteten sie in das Mehl hinein – und schon blieb der weiße Puder dauerhaft hängen“, schreibt Journalistin Gudrun Klinkhammer im „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Etwas opulenter fiel dagegen das Kostüm des hoch zu Ross reitenden Obergeistes aus, denn der hatte im Gegensatz zu seinem springenden und tanzenden Gefolge auch zwei ausladende Flügel. Wallach „Nero“ ließ sich weder von den Juh-Jah-Schreien, „Schelleböumche“ noch vom Trubel aus der Ruhe bringen. Die Klänge des „Blangemer Juh-Jah“ seien  Nero vorher einen Monat lang jeden Tag vorgespielt worden, damit er das Blankenheimer Treiben mit Gelassenheit ertragen konnte, berichtet die „Kölnische Rundschau“. „Juh-Jah, Kribbel en der Botz; Wer dat net hätt, dä es nix notz! Juh-Jah, Kribbel en der Botz; De Fassenach es do!” So lautet der Text, den bald alle mitsingen konnten.

Angeführt wurde der Zug von den “Jecke Böhnche”. Dabei handelt es sich um zwei Leitfiguren, die die überlieferten Schritte vortanzen. In diesem Jahr sprangen Philipp Elsen und Jannik Lenz, beide 18 Jahre alt und aus Blankenheim, vorweg.

Ob es der jecken Geisterschar gelungen ist, die Dämonen des Winters dauerhaft zu vertreiben, bleibt abzuwarten. Dem stundenlangen Nieselregen und den Schneeschauern am Sonntag setzten sie – wenn auch mit leichter Verspätung – ein Ende und bereiteten den Narren am Rosenmontag und Veilchendienstag schönstes Zugwetter.

pp/Agentur ProfiPress