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Die Kommerner Jüdin Lilly Clyne wird 103 Jahre alt

Eine kleine Delegation aus Mechernich gratuliert in London – Wichtigste Zeitzeugin der AG Forschen-Erinnern-Handeln der städtischen Hauptschule

Zum 100. Geburtstag vor drei Jahren gratulierten der aus Kommern stammenden Jüdin Lilly Clyne (2.v.l.) Lehrerin Gisela Freier, Heinz Wolfgarten, Leiter der städtischen Hauptschule Mechernich und die Kommerner Zeitzeugin Christine Hiller (v.l.n.r.). Auch in diesem Jahr reist eine Delegation aus Mechernich nach London zu Lilly Clynes 103. Wiegenfest. Archivfoto: Privat/pp/Agentur ProfiPress

Mechernich – Ein Glas mit bunten Fruchtbonbons und eine von Mechernicher Hauptschülern hübsch gestaltete Geburtstagskarte wird Gisela Freier im Gepäck haben, wenn sie am Donnerstag, 28. Februar nach London fliegt. Empfängerin ist Lilly Clyne, letzte noch lebende Jüdin aus Kommern, die am 1. März ihren 103. Geburtstag feiert – und das bei guter Gesundheit.

„Sie lebt allein in ihrem Haus, kocht selbst, führt ihren Haushalt und steigt jeden Abend die Treppe hinauf in ihr Schlafzimmer“, berichtete Gisela Freier. Sie ist seit kurzem pensionierte Lehrerin der städtischen Hauptschule Mechernich und leitete dort viele Jahre die AG Forschen-Erinnern-Handeln. In dieser Arbeitsgemeinschaft beschäftigen sich Schüler der neunten und zehnten Klasse – nun unter Leitung von Lehrerin Martina Baum – mit dem Schicksal der Mechernicher Juden. Nach der ersten Stolpersteinverlegung vor rund zehn Jahren in Kommern kam der Kontakt zu Lilly Clyne zustande. Seit dieser Zeit ist sie die wichtigste Zeitzeugin der städtischen Hauptschule.

Geboren wurde Lilly Clyne am 1. März 1910 in Kommern. Ihre Eltern waren Elvira, geb. Levano und Gustav Kaufmann. 1914 zog die Familie nach Hostel, wo die Eltern einen großen Hof bewirtschafteten. Lilly Clyne ist die Enkelin von Marcus Levano, dem Begründer der gleichnamigen Getreide-, Mehl-, Kraftfutter- und Kunstdünger-Handlung, dem späteren Kornhaus Kommern. „Die Familie Levano war für die damalige Zeit und für die hiesige Region fast schon unsagbar reich“, weiß Gisela Freier zu berichten. Beispielsweise sei der private Tennisplatz der Levanos in Kommern so groß gewesen, dass der damalige Tennisklub Euskirchen dort seine Turnierspiele abgehalten hätte.

Auch Lilly profitierte in jungen Jahren von diesem Wohlstand. Nicht nur, dass sie mit 21 Jahren den Führerschein machte, was 1931 für Frauen keineswegs selbstverständlich war. Ihr Onkel Eduard schenkte ihr zur bestandenen Prüfung einen gelben Sportwagen. „Zeitlebens war sie eine begeisterte Autofahrerin“, weiß Gisela Freier aus eigener Erfahrung, denn Lilly Clyne chauffierte sie im Alter von 97 Jahren noch durch Londons Straßen. „Langsam zwar, aber sicher. Angst musste man nicht haben“, schmunzelt Gisela Freier. Heinz Wolfgarten, Schulleiter der städtischen Hauptschule, der vor drei Jahren zu den Gratulanten anlässlich Lilly Clynes 100. Geburtstag gehörte, erinnert sich: „Zu ihrem 100. Geburtstag verlängerten ihr die Behörden den Führerschein um weitere drei Jahre.“ Beeindruckend seien auch die Absender der Gratulationskarten gewesen. „Wer bekommt schon eine Karte von der Queen oder des israelischen Ministerpräsidenten“, so Wolfgarten.

Dass sie in diesen Tagen Besuch aus der Heimat bekommt, weiß Lilly Clyne nicht. „Aber ich schätze, sie wartet darauf“, vermutet Gisela Freier, die auf der Reise nach London von Ehemann Wolfgang und der Kommerner Zeitzeugin Christine Hiller begleitet wird.

Obwohl Lilly Clyne seit ihrer Flucht im Jahr 1939 in England lebt, spricht sie immer noch perfekt Deutsch. „Sie drückt sich sehr gewählt aus und spricht das Deutsch der Vorkriegszeit“, so Gisela Freier. Bis sie ihren Mann Joseph Clyne heiratete, arbeitete sie in England als Hausmädchen. Lilly Clyne hat eine Tochter, drei Enkelkinder und einige Urenkel. Die Familie ihrer Tochter lebt in Baltimore/USA.

pp/Agentur ProfiPress