Gefallener Schutzengel…
Eine Skulptur mit Symbolik und einer nur noch halben erhobenen Hand, gebrochenen Flügeln und einer gepflasterten Rückenpartie passt in der Bleibuirer Rotbachstraße noch immer auf ihren unversehrten Schützling auf – Geschenk aus dem alten Pastorat
Mechernich-Bleibuir-Die alte Schutzengelfigur aus Gips beschützt ein kleines Kind, das zu seinen Füßen steht und andächtig zu ihm aufschaut. Er neigt sein Gesicht dem Kinde zu. Gleichzeitig erhebt er seine rechte Hand zum Himmel, von dem ihm die Macht und der Auftrag zukommen, auf dieses Kind aufzupassen. Mit der anderen Hand berührt er es sanft am Rücken, wie um es zu stützen und zu leiten.

Was den Engel im alten Fachwerkhaus von Regine Tjoa-Hissen (80) so einmalig und wertvoll macht, sind seine schweren Verwundungen, die er seit seiner Herstellung in irgendeiner Heiligenfigurenmanufaktur des 19. Jahrhunderts davongetragen hat. Erhobene Hand und Nase sind zertrümmert, ein Flügel gebrochen, die Rückenpartie mit Leukoplast-Pflaster zusammengehalten.
Er ist mal die steile Treppe hinuntergefallen, an deren obersten Absatz er jetzt im Hause steht. Genauso gut hätten die Kriege oder unachtsame Kinder beim Spielen ihre Spuren hinterlassen können. Auf andere aufzupassen, ist kein ungefährliches Geschäft, wie es scheint, und oft trägt der Beschützer selbst die Narben davon. Wie im richtigen Leben.
Sturz mit schlimmen Folgen
Die Figur stammt aus dem alten Bleibuirer Pastorat gegenüber in der Rotbachstraße, erzählt Regine Tjoa-Hissen: „Die Küstergattin und Musiklehrerin Marianne Reinartz, die dort wohnte, hat die mir geschenkt. Da war die Skulptur noch makellos und alle Gliedmaßen vorhanden…“ Dann kam der Treppensturz. Die Folgen waren verheerend: Gebrochene Flügel und mehrere Trümmerbrüche. Kopf und Kleider mussten zusammengeflickt und dem Schutzengel mit Pflaster der Rücken gestärkt werden.

Aber der gefallene Engel wäre kein Schutzengel, hätte er nicht scheinbar unverdrossen weiterhin seine Pflicht erfüllt: Wie durch ein Wunder ist dem Kind an seiner Seite nichts geschehen. Nicht eine Blessur hat das Bildnis davongetragen, kein Krümelchen Gips ist abhandengekommen, weder Gesicht, noch Ellbogen oder Kopf wurden angeschlagen.

Sieht man sich diese beiden an, das beschützte Kind und den schwer mit Blessuren übersäten Gottesboten, der noch immer über das Kind zu wachen scheint und seinen gebrochenen Arm zum Himmel hebt, ist man unwillkürlich tief berührt. Selbst, wer nicht an Gott oder Engel glaubt, vermag die unfreiwillige Symbolik zu erkennen, die dieses, nicht von Künstlerhand, sondern vom Zufall geschaffene Bild vermittelt.
Ein Teil unserer DNA
Selbst Zeitgenossen, die einen Bogen um die Kirchen machen, sind von der Vorstellung einer Nebenwelt mit Engeln fasziniert, die auf uns aufpassen. Religiöse Vorstellungen und der Wunsch nach schützenden Kräften sind Teil unserer DNA. Es liegt in den Genen und ist zutiefst menschlich, wenn Eltern um Schutz für ihre Kinder beten, die sie ins Leben gehen lassen müssen, und denen sie doch die nötigen Freiräume geben wollen, sich zu entwickeln.

Oft wird gerade im Zusammenhang mit Kindern gesagt: „Da hat es ja einen guten Schutzengel gehabt!“ Wer weiß? Der Schutzengel aus der Rotbachstraße macht seinem Namen jedenfalls Ehre.
pp/Agentur ProfiPress