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Ein Mann für fast alle Fälle

Bernd Nöthen schlichtet als Schiedsmann Streit – 20 bis 30 Fälle pro Jahr – Fingerspitzengefühl gefragt

20 bis 30 Mal pro Jahr suchen Mechernicher Bürger die Hilfe von Schiedsmann Bernd Nöthen auf. Foto: David Dreimüller/pp/Agentur ProfiPress

Mechernich-Gehn – „Meine Tätigkeit ist interessanter als eine Folge Tatort am Sonntagabend.“ Hier  spricht nicht etwa ein Polizist von seinen täglichen Fällen, sondern Schiedsmann Bernd Nöthen aus Gehn. Zwar muss sich der Schiedsmann nicht wie der TV-Tatortkommissar mit Morden beschäftigen, doch auch das Schiedsamt wartet mit spannenden Fällen auf.

„Der Klassiker sind Nachbarschaftsstreitigkeiten“, weiß Bernd Nöthen aus eigener Erfahrung. Aber auch um Beleidigungen, Körperverletzungen, Sachbeschädigungen und Hausfriedensbruch kümmert er sich. 20 bis 30 sogenannte „Tür-und-Angel-Fälle“ bearbeitet Bernd Nöthen  jedes Jahr ehrenamtlich. Darunter versteht der Schiedsmann Fälle, die er schon mit einem klärenden Telefonat schlichten kann. „Viele Beschuldigungen erledigen sich bereits dadurch, dass ich mit den Leuten spreche“, so Nöthen. Oftmals helfe es bereits, wenn der Schiedsmann den Beteiligten Denkimpulse vermittelt und seine Sicht auf die Dinge darlegt, um den Streit zu schlichten.

Seit dem Jahr 2001 übt der Mann aus Gehn das Amt des Schiedsmannes aus. „Ich wollte mich sozial engagieren“, fasst Bernd Nöthen seine Beweggründe zusammen. Er ist für einen der beiden Mechernicher Schiedsamtsbezirke zuständig, für die Menschen zwischen Antweiler und Wielspütz. 2011 wurde er in seiner dritten Wahlperiode im Amt bestätigt, eine Amtszeit dauert fünf Jahre. Gewählt wird der Schiedsmann vom Stadtrat, das Amtsgericht muss ihn bestätigen.

Der Schiedsmann hat eine klare Aufgabenstellung, die ihn für die Justiz so wichtig macht, wie Bernd Nöthen selbst weiß: „Meine Aufgabe ist es, Fälle vom Gericht fern zu halten.“ Typisch seien etwa Grenzverletzungen unter Nachbarn oder Beleidigungen. Solche Fälle müssen nicht vor Gericht landen, sondern können vom Schiedsmann individuell aufgearbeitet werden. „In der Regel rufen die Leute mich an“, sagt Nöthen, der hauptberuflich im Finanzamt Düren tätig ist und sich nach Feierabend und am Wochenende dem Ehrenamt widmet.

Die gute Arbeit von Schiedsmännern wie Bernd Nöthen macht sich auch bei den Rechtsanwälten bemerkbar. „Das Schiedsamt hält viele Verfahren von Gericht fern. Das ist dem Verhandlungsgeschick der Schiedsmänner zu verdanken, aber auch der Bürgernähe des Amtes, das eng mit der kommunalen Selbstverwaltung verbunden ist“, weiß Klaus Voussem, NRW-Landtagsabgeordneter und praktizierender Rechtsanwalt, aus seinem Alltag zuberichten. Auf diese Weise können die Gerichte entlastet werden.

Wenn das Telefon klingelt und sich ein neuer Fall ergibt, versucht Nöthen, sich am Telefon ein Bild der Lage zu machen und sich in die Rolle der Beteiligten hineinzuversetzen. Nur zehn Prozent seiner „Tür-und- Angel-Fälle“ kommen wirklich zur Verhandlung, also zwei bis drei Stück pro Jahr. Diese Fälle sind Privatklagefälle, bei denen die Staatsanwaltschaft keine Anklage erheben wird.

Beim Führen der Verhandlung hat Bernd Nöthen ein klares Ziel vor Augen: „Beide Parteien sollen glücklich und zufrieden die Verhandlung verlassen.“ Seine Klärungsquote liegt bei rund 95 Prozent. Erst wenn auch Bernd Nöthen als Schiedsmann keine Lösung für das Problem findet und die Verhandlung ergebnislos endet, können die Parteien vor Gericht ziehen. Da sich die Beteiligten in der Regel aber über die Langwierigkeit des Verfahrens und die hohen Prozesskosten im Klaren sind, einigen sie sich in den meisten Fällen auf den Vergleich von Bernd Nöthen, der noch vor Ort von beiden Parteien unterschrieben wird.

„Alle Berufs- und Gesellschaftsschichten suchen die Hilfe des Schiedsmanns“, so  Nöthen. Denn das Schiedsamtsverfahren sei unbürokratisch und die Kosten stehen mit rund 50 Euro in keinem Vergleich zu den hohen Prozesskosten einer Gerichtsverhandlung. Wichtig ist es Bernd Nöthen darauf hinzuweisen, dass man kein Jurist sein muss, um Schiedsmann zu werden. „Das Schiedsamt ist für jede Person offen.“ Unbedingte Voraussetzungen sind jedoch gute Menschenkenntnisse, ein gesundes Urteilsvermögen, Unparteilichkeit und natürlich etwas Fingerspitzengefühl. Ein Lehrgang beim Bund Deutscher Schiedsmänner und Schiedsfrauen rundet die Ausbildung ab. Interessenten sollten zudem das 30. Lebensjahr vollendet haben.

Da die Amtszeit des Schiedsmanns Eckard Böhlke für den Schiedsamtsbezirk Mechernich I am 1. Oktober abläuft, sucht  die Stadtverwaltung Mechernich nach geeigneten Kandidaten.

„Dabei handelt es sich um ein Ehrenamt, bei dem die Schiedsfrau oder der Schiedsmann einen Teil der Freizeit zum Wohle der Bürger zur Verfügung stellt“, sagte Renate Tillmann vom Ordnungsamt der Stadt Mechernich. Schiedspersonen erhalten eine geringfügige jährliche Pauschale sowie 50 % der jährlich erhobenen Gebühren. Zudem werden von der Stadt Mechernich die Kosten für Ausbildungs- und Fortbildungslehrgänge sowie die hierbei anfallenden Nebenkosten wie beispielsweise Fahrt- und Parkkosten erstattet. Schlichtungsverhandlungen können Zuhause, aber auch in den Räumlichkeiten der  Stadtverwaltung Mechernich abgehalten werden. Termine für anberaumte Schlichtungsverhandlungen sind frühzeitig bei der Stadtverwaltung anzumelden.

Zum Schiedsamtsbezirk Mechernich I zählen die Ortschaften Breitenbenden, Bergheim, Dreimühlen, Eiserfey, Harzheim, Heufahrtshütte, Holzheim, Kallmuth, Lorbach, Mechernich, Urfey, Vollem, Vussem, Weyer, Kalenberg, Roggendorf, Denrath, Weißenbrunnen, Strempt, Lückerath und Schützendorf.

Interessenten an der Ausübung dieses Ehrenamtes melden sich schriftlich bei der Stadt Mechernich, Fachbereich allgemeines Ordnungswesen, Bergstraße 1, 53894 Mechernich. Nachfragen können auch am Telefon geklärt werden unter der Rufnummer 0 24 43/49 44 13.

pp/Agentur ProfiPress