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Ein Zirkusdirektor namens Gott

Vogelsang-Seelsorger konfrontierten Mechernicher Firmlinge mit „Freakshow“ und dem „Butterfly Circus“, in dem Gestrandete und aus unterschiedlichen Gründen zu Außenseitern gewordene Menschen eine zweite Chance nutzen – Die Frage bei der Firmvorbereitung lautete: Ist jeder von Gott geliebt oder nur eine Elite? – An der Nazi-Ideologie misst sich das christliche Menschenbild und entscheidet über  Toleranz und Mitgefühl oder Mord und Totschlag

Mechernich/Vogelsang – Seit einigen Jahren gehört die Auseinandersetzung mit dem christlichen Menschenbild und dem Menschenbild der Nazis zum festen Vorbereitungsprogramm junger Mechernicher Christen auf die Firmung. Sie sollen sich selbst ein Bild machen und ihre Entscheidung treffen, für welche Sicht auf Leben und Leute sie sich entscheiden.

Es gibt kaum einen geeigneteren Ort für diese Auseinandersetzung als die frühere NS-Ordensburg Vogelsang, wo die kollektiv aus der Kirche ausgetretene Parteielite in Rassenkunde, Erbarmungslosigkeit und rücksichtsloser Gewaltanwendung gedrillt wurde.

In Vogelsang und den drei anderen an den Ecken des Dritten Reiches geplanten Ordensburgen sollten Junker als Statthalter eines sklavenhaltenden Regimes herangebildet werden, die nicht mit übermäßiger Intelligenz, aber Vasallentreue und unbarmherziger Brutalität ausgestattet werden sollte. Manche Vogelsang-Schüler taten sich als gewissenhafte deutsche Verwalter im Osten bei der Deportation und Ermordung Zehntausender Menschen hervor . . .

Ein Teil der Mechernicher Firmlinge am „Fackelträger“ auf Vogelsang: Als heidnisches Pendant zum Weihnachten geborenen Gottessohn Jesus trug dieser „Herrenmensch“ bei der religiös anmutenden Mittwinter-Sonnenwendfeier der Nazis das „Licht des Wissens“ zu den Nazi-Ordensjunkern. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

„Keine Veranstaltung gegen Rechts,

es geht darum, die Mitte zu stärken“

 

Nationalpark-Seelsorger Georg Toporowsky und der pensionierte Aachener Berufsschul- und Religionslehrer Walter Malmes nahmen knapp 35 Mechernicher Firmlinge und Katecheten mit auf einen eindrucksvollen Rundgang durch die nationalsozialistische Schulungshochburg.

„Wir verstehen uns gar nicht so sehr als Veranstaltung gegen Rechts“, so Georg Toporowsky zu den Mechernicher Firmlingen, „sondern um Euch in der Mitte der Gesellschaft zu stärken.“ AfD, unverbesserliche und neue Nazis werde die demokratische Gesellschaft schon verkraften, wenn sich genügend Kraft aus der Mitte gegen Verführbarkeit und Intoleranz erhöben, so der Theologe.

Walter Malmes  (65) erzählte sehr viel aus seinem Leben und dem seiner Familie und forderte die Mechernicher Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf, in ihren eigenen Familien das Gespräch über die familiäre Vergangenheit zu suchen: „Geschichte ist immer biographisch“, so Malmes: „Meine Geschichte ist eine andere als Eure.“

Sein Vater sei in der Hitlerjugend gewesen und sei auch noch in den Kriegsdienst eingezogen worden. Möglicherweise zur Verdrängung der eigenen Erlebnisse hätten sein Vater und seine Mutter nach dem Krieg in Aachen eine Karnevalsgesellschaft gegründet.

Andere Familienangehörige im deutsch-belgischen Grenzgebiet hätten vom Tode bedrohte jüdische und halbjüdische Kinder versteckt gehalten. „Das waren nicht alles politisch überzeugte Widerstandskämpfer, sondern einfache Leute, die sich gesagt haben: So, jetzt ist Schluss. Wenn kleine unschuldige Kinder umgebracht werden sollen, dann machen wir nicht mehr mit.“

Walter Malmes (65) erzählte den jungen Christen aus Mechernich sehr viel aus seinem Leben und dem seiner Familie und forderte die Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf, in ihren eigenen Familien das Gespräch über die familiäre Vergangenheit zu suchen: „Geschichte ist immer biographisch“, so Malmes: „Meine Geschichte ist eine andere als Eure.“ Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

 

Gretchenfrage lautet:

Unikat oder uniform?

 

„In Berlin hätten 7000 Juden das Dritte Reich versteckt überlebt, so Malmes: „Um einen Juden zu verstecken brauchte ich 20 Mitwisser und »Täter«“, so der Aachener: „Die Verstecke mussten oft gewechselt und die Versteckten versorgt werden.“

Er und Georg Toporowsky kitzelten die „Gretchenfrage“ aus den Seminarteilnehmern förmlich heraus: Ist jeder Mensch ein von Gott mit Namen gerufenes einmaliges und individuell sich vom anderen unterscheidendes Unikat? Oder sollen Menschen sich gleichen wie ein Ei dem anderen oder die am Sportplatz Vogelsang in Stein gehauenen oder im Schwimmbad als Mosaik dargestellten uniformen Typen, gleich blond, gleich groß, gleich blauäugig, gleich dreinschauend und in die gleiche Richtung über alle Widerstände hinwegmarschierend?

Walter Malmes lieferte viele und griffige Beispiele für die religiöse Dimension der Naziideologie und ihrer Kulte. Am Fackelträger hoch über dem Urftsee hätten Junker und Lehrer die Mittwinter-Sonnenwende als Pendant zum christlichen Weihnachtsfest gefeiert. Hier das Christkind als Licht, das in die Welt kam, und zwar zuerst zu den Armen und Bedeutungslosen. Dort der NS-Herrenmensch, der die Fackel der Bewegung zur uniform gleichen Elite trägt.

Die Pervertierung der Religion ging in Vogelsang so weit, dass die Christenheit und in Sonderheit die Katholische Kirche als Wurzel allen Übels betrachtet wurden: Die „nordische Rasse“ soll ihre ursprüngliche Überlegenheit angeblich wegen „Verhätschelung“ alles Schwachen, Kranken und Behinderten eingebüßt haben.

 

„Wir verstehen uns gar nicht so sehr als Veranstaltung gegen Rechts“, so Georg Toporowsky zu den Mechernicher Firmlingen, „sondern um Euch in der Mitte der Gesellschaft zu stärken.“ AfD, unverbesserliche und neue Nazis werde die demokratische Gesellschaft schon verkraften, wenn sich genügend Kraft aus der Mitte gegen Verführbarkeit und Intoleranz erhöben, so der Theologe. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

„Blond wie Hitler, schlank wie

Göring, groß wie Goebbels“

 

„Der deutsche Mensch“, wie ihn Gott in grauer Vorzeit im germanischen Idealtypus geschaffen haben soll, stand im Fokus der braunen Bonzen, die oft selbst einem vorgeblich germanischen Ideal ganz und gar nicht entsprachen. „Blond wir Hitler, schlank wie Göring und groß wie Göbbels“ war eine volkstümliche Verballhornung der utopischen nationalsozialistischen Rassenideale.

In Vogelsang wurde dieser „deutsche Mensch“ in Gestalt einer dreieinhalb Meter hohen Figur in einem altarähnlichen Rum unter dem Turm der „Ordensburg“ verehrt. Dort ließen sich Ehepaare bei so genannten „deutschen Hochzeiten“ ganz von Führer und System vereinnahmen.

Die Junker in Vogelsang bekamen das Recht des Stärkeren eingehämmert, so Toporowsky und Malmes – Mitleid zu zeigen galt als unverzeihliche Schwäche: „Wer nicht in der Lage war, im Boxunterricht auf Vogelsang einen hoffnungslos unterlegenen Gegner zu vermöbeln, musste nach Hause fahren.“

Walter Malmes erklärt den Mechernichern die heidnischen Kamindarstellungen im Lehrerzimmer und späteren Offizierscasinos. Foto: ml/pp/Agentur ProfiPress

„Gottlos, schamlos, gewissenlos“ nannte Sophie Scholl in den Nazi-Ordensburgen geschulte „Jung-Herren“. Manche, die in Vogelsang ausgebildet wurden, haben im Osten 25.000 Menschen umgebracht. Rücksichtslosigkeit galt als Tugend, Nächstenliebe als Schwäche. Adolf Hitler und Konsorten schufen im vermeintlich christlichen Abendland verkehrte Welten. Elemente ihrer kruden Vorstellungen haben sich bis heute gehalten.

Die Nazis wollten gleichschalten, gleichmachen, sich die Menschen als Eigentum zu eigen machen – und ausrotten, was nicht ins selbstgewählte utopische Schema passte. Im Ambiente der Ordensburg lehrte man junge Männer zudem, nach Einheitsschablone zu bestimmen, wer zu den „Herrenmenschen“ und wer zu den „Untermenschen“ gehört, wer als „Volksschädling“ umgebracht und wessen „unwertes“ Leben wegen einer Behinderung ausgelöscht werden sollte.

Firmung ist „Königssalbung“

für lauter wertvolle Menschen

 

Der christliche Gegenentwurf, den „Seelsorge im Nationalpark Eifel + Vogelsang“ unter dem Slogan „Aufwind spüren“ den Menschen vermittelt, lautet: „Du bist ein wertvoller Mensch“. Das erfahren bei Georg Toporowsky und Kollegen nicht nur Firmgruppen, sondern es gibt viele Angebote und Konstellationen für alle möglichen Zielgruppen.

Die Nationalpark-Seelsorger vermitteln Nähe zur Natur, zu sich selbst, zu Gott. „Kirche soll den Menschen gut tun“, erklärt der Pastoralreferent den Mechernicher Firmlingen. Und bringt die nahende Firmung mit Diözesanbischof Dr. Helmut Dieser am 15. Dezember in St. Johannes Baptist in Mechernich ins Gespräch: „In der Chrisam-Salbung der Firmung teilt Gott Euch mit: »Du bist wichtig«, »Du bist König, so wie Du bist.« Deshalb die Königssalbung.“

In der Kapelle von „Seelsorge im Nationalpark Eifel + Vogelsang“ erfuhren die Mechernich, dass Sophie Scholl („Die weiße Rose“) die Nazijunker „gottlos, schamlos, gewissenlos“ genannte hatte. Manche in den Nazi-Ordensburgen wie Vogelsang geschulten „Jung-Herren“ haben im Osten 25.000 Menschen umgebracht. Rücksichtslosigkeit galt als Tugend, Nächstenliebe als Schwäche. Adolf Hitler und Konsorten schufen im vermeintlich christlichen Abendland verkehrte Welten. Elemente ihrer kruden Vorstellungen haben sich bis heute gehalten. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Wer noch Zweifel hatte, mit seinen ganz persönlichen Defiziten dennoch perfekt zu sein, dem half am Ende der Kurzfilm „Butterfly Circus“, der seinen Akteuren aus zerrissenen Lebensverhältnissen neue Perspektiven, Freude und Lebensmut vermittelt. Star ist der Australier Nick Vujicic, der ohne Arme und Beine auf die Welt kam.

Im Film wird er in einem Jahrmarkt-Panoptikum des frühen 20. Jahrhunderts zur Schau gestellt. Dann kommt er zum „Butterfly Circus“, lernt laufen, schwimmen und wird schließlich ein gefeierter Artist. Auslöser ist die Ermutigung des Zirkusdirektors, der dem Arm- und Beinlosen versichert: „Du bist wunderbar.“ Hinter diesem Zirkusdirektor glaubten die Mechernicher Firmlinge niemand anderen als Gott selbst zu erkennen . . .

pp/Agentur ProfiPress