Erinnerung an die „Kristallnacht“

Über 100 Mechernicher zeigten sich betroffen, traurig und solidarisch mit ihren vertriebenen, verfolgten und ermordeten früheren Mitbürgern jüdischen Glaubens – Kirchen und Schulen engagierten sich – Gisela Freier war das letzte Mal vor ihrer Pensionierung mit dabei – Helmut Weber war Augenzeuge der Plünderungen und Zerstörungen am Textilkaufhaus von Lenny und Lina Kaufmann in der Turmhofstraße

Dieser Schüler zeigt eine Zeichnung von der unversehrten Fassade des Textilkaufhauses von Jenny und Lina Kaufmann in der Turmhofstraße. Eine andere Zeichnung, die die Mechernicher Hauptschüler mit sich führten, zeigte das am 10. November 1938 von Nazis, Bauern und Westwallarbeitern zerstörte Kaufhaus. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Mechernich – „Kaum hundert Meter von hier entfernt hat die Mechernicher Synagoge gestanden“, sagte Ralph Wiegand, der Pastor der Freien Evangelischen Gemeinde, am Samstag beim Erinnerungsgang an die Reichspogromnacht 1938 in Mechernich. Daran beteiligten sich Mechernicher unterschiedlicher Konfessionen, darunter einmal mehr besonders viele Schüler. 

Über 100 Teilnehmer dieses Schweigemarsches mit mehreren Stationen und Besinnungsgelegenheiten machten im strömenden Regen Halt unter den Vordächern an der freien evangelischen Kirche in der Nesselrode-Straße. Wiegand gemahnte die Teilnehmer daran, dass der christliche Glaube auf dem jüdischen fußt und Jesus selbst Jude war.

Von der freien evangelischen Kirche ging es zum früheren Standort des israelischen Bethauses an der Linde. Dort hatte die Synagoge bis zum 10. November 1938 gestanden, an dem sie vom örtlichen Nazipöbel mit Unterstützung Harzheimer Bauern und einiger Westwallarbeiter geschändet wurde.

1925 war die jüdische Gemeinde von Mechernich mit 93 Mitgliedern eine der drei größeren jüdischen Ansiedlungen im Altkreis Schleiden. Bürgermeister Johannes Zander ließ die schwer beschädigte Synagoge übrigens später auf Kosten der jüdischen Gemeinde vollends abreißen.

Die Ausschreitungen gegen jüdische Mitbürger und deren Besitz fanden in Mechernich nicht während der von den Nazis so genannten „Reichskristallnacht“ statt, sondern erst am darauffolgenden Tag. Eine Provinzposse, wenn es nicht so traurig wäre: „In Mechernich fand die Pogromnacht sozusagen mit 24 Stunden Verspätung statt, weil die örtlichen Nazibonzen den 9. November 1938 bei einem Trinkgelange im Hotel Greve zugebracht hatten, und telefonisch für die Gauleitung nicht erreichbar waren,“ so Franz Josef Kremer vom Pfarrgemeinderat der katholischen Zentrumsgemeinde St. Johannes Baptist.

Kremer und Wiegand begleiteten den Gedenkzug ebenso wie der evangelische Pfarrer Michael Stöhr und Berti Jannes vom katholischen Kirchengemeindeverband. Auch Helmut Weber von der örtlichen Communio in Christo wirkte mit – und zwar als Augenzeuge der Ausschreitungen im und am Modegeschäft der Schwestern Jenny und Lina Kaufmann in der Turmhofstraße.

Das Textilkaufhaus der beiden Schwestern jüdischen Glaubens war  ebenfalls mit Hilfe der Harzheimer Schlepper niedergerissen worden, erinnerte sich Helmut Weber, der als Junge mit über die Trümmer geklettert war, um Hab und Gut der Schwestern Kaufmann zu bergen und diesen zu übergeben.

Mechernicher Hauptschüler um Gisela Freier hatten Ansichten des Kaufhauses Kaufmann vor und nach der Zerstörung durch die Nazis gezeichnet und als großformatige Bildtafeln mit zum Pogrommarsch gebracht. Dort erzählten die Schülerinnen und Schüler sowie Helmut Weber von den Vorkommnissen während der Pogromnacht 1938. 

Am aktivsten waren einmal mehr die Mechernicher Schulen bei dieser kollektiven Erinnerungsfeier an die Gräueltaten an Deutschen jüdischen Glaubens. Auch die Aktivistinnen und Aktivisten der Hauptschule Mechernich um ihre Lehrerin Gisela Freier waren wieder mit von der Partie.

Sie interessieren sich seit Jahren für die Geschichte der Juden in Mechernich und Kommern, haben umfangreiche Dokumentationen ausgearbeitet und sich an den Stolpersteinaktionen vor den früheren Wohnhäusern vertriebener, verfolgter und ermordeter Mechernicher und Kommerner beteiligt. Für Gisela Freier, eine der Initiatorinnen des Mechernicher Gedenkmarsches, war es die letzte Beteiligung vor ihrer Pensionierung aus dem Schuldienst.

An dem Erinnerungsmarsch durch Mechernich beteiligten sich einmal mehr auch Gymnasium am Turmhof und Realschule im Feytal. Die Realschüler hängten sich und anderen Zugteilnehmer nummerierte Schilder um den Hals. Und zwar aus Solidarität mit denen, denen Unrechtsregime wie in Nazideutschland, aber auch heute noch immer in vielen Ländern der Welt, ihre persönliche Identität rauben, ihre Namen wegnehmen und sie zu Nummern machen.

Die gewalttätigen Ausschreitungen um die „Reichskristallnacht“ waren der grausame Auftakt zur Verfolgung, Internierung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung in Europa, der auch die meisten Mechernicher Juden zum Opfer gefallen sind. Aber nicht nur Juden, sondern auch Christen wie der Bäckermeister Andreas Girkens, nach dem eine Straße in Mechernich benannt ist, wurden Opfer des Terrors – weil ihnen ein allzu enger Umgang mit ihren jüdischen Nachbarn vorgeworfen wurde.

pp/Agentur ProfiPress