Eine Lobby für Kinder

Mechernicher Kinderschutzambulanz zieht nach rund einem Jahr Bilanz – 24-Stunden-Anlaufstelle für misshandelte Kinder – Enge Zusammenarbeit mit dem Jugendamt und anderen Institutionen 

Auf Einladung des Mechernicher Kinderschutzbundes um die Vorsitzenden Ingrid Abramowski (links) und Ernst Gerstlauer stellte die Chefärztin Stephanie Zippel die Arbeit des Mechernicher Kinderschutzzentrums vor. Foto: Alice Gempfer/pp/Agentur ProfiPress

 Mechernich – Auf Initiative von Dr. Stephanie Zippel wurde im Mechernicher Kreiskrankenhaus vor gut einem Jahr ein Kinderschutzzentrum gegründet sowie eine entsprechende Ambulanz installiert. Dr. Zippel ist Chefärztin für Neuropädiatrie (Kinderneurologie), den Kinderschutz bezeichnet sie als ihr „Steckenpferd“. Ihrem Engagement ist es zu verdanken, dass die Mechernicher Klinik freiwillig die (unbezahlte) Zusatzaufgabe übernommen hat, eine Kinderschutzambulanz einzurichten.

Auf Einladung des Mechernicher Kinderschutzbundes um die Vorsitzenden Ingrid Abramowski und Ernst Gerstlauer stellte die Klinikärztin, die selbst auch Mitglied im Kinderschutzbund Mechernich ist, jetzt die Arbeit des Mechernicher Kinderschutzzentrums vor.

Dort können misshandelte Kinder und/ oder deren Helfer Tag und Nacht Ansprechpartner finden. Es geht dabei um Kinder und Jugendliche, bei denen der Verdacht auf Kindesmisshandlung, Vernachlässigung oder Missbrauch besteht. Die Betroffenen können durch besonders geschultes Personal ambulant oder stationär behandelt werden. Die besondere Schulung der Mitarbeiter ist ein wichtiger Faktor, wie die Expertin erläuterte. Zum einen gilt das natürlich für den sensiblen Umgang mit den Kindern selbst. 

Besondere Bedeutung kommt aber auch der standardisierten, beweissichernden und gerichtsverwertbaren Dokumentation  zu, weil andernfalls vor Gericht etwa nicht erwirkt werden kann, dass ein Kind aus der Familie genommen wird. Voraussetzung dafür ist eine gleichermaßen sensible wie auch nach rechtlichen Aspekten korrekte Befragung der Betroffenen. Dr. Zippel: „Das erfordert ein Hohes Maß an Professionalität und auch Erfahrung.“ Hinzu komme, dass von der Diagnose der Ärzte viel abhänge – schließlich könnte sowohl eine Unter- als auch eine Überdiagnose verheerende Konsequenzen für das Kind selbst und/oder die Familie haben. 

Das Kern-Team des Kinderschutzzentrums besteht aus acht bis zehn Klinikmitarbeitern. Das Team ist eingebunden in ein tragfähiges Netzwerk von internen wie externen Experten. Über das Sozialpädiatrische Zentrum etwa werden unter anderem Psychologen zu Rate gezogen, auch die diversen Fachabteilungen des Kreiskrankenhauses sind teils involviert, etwa die Chirurgie oder – in schlimmen Fällen – auch die Intensivstation. In engem Kontakt steht das Kinderschutzzentrum auch mit dem Jugendamt es Kreises Euskirchen, die Zusammenarbeit beschreibt  Dr. Zippel als „hervorragend“. 

Insgesamt, so berichtet Dr. Zippel, wurden in den vergangenen 17 Monaten 93 Kinder in der Mechernicher Kinderschutzambulanz untersucht, 87 wegen des dringenden Verdachts auf Misshandlung. 20 der Kinder wurden stationär, 67 ambulant behandelt. 

Viele der Kinder, die in der Kinderschutzambulanz betreut werden, wurden dem Jugendamt wegen des Verdachts auf Kindesmisshandlung gemeldet, etwa durch Lehrer oder Kita-Mitarbeiter, die aufmerksam geworden waren. Andere werden wegen unerklärlicher Verletzungen von ihren Eltern gebracht oder die Kinder melden sich selbst, weil sie Gewalt erfahren mussten. Schließlich gibt es auch Kinder, die im Rahmen eines stationären Aufenthaltes auffällig werden. 

Sorge bereitet Dr. Zippel auch die Zunahme von Kindern und Jugendlichen von zwölf bis 18 Jahren, die stark alkoholisiert aufgenommen werden. Insbesondere die Karnevalstage, so Dr. Zippel, seien diesbezüglich „ein Alptraum“. Aber auch zu anderen Zeiten werde jede Woche rund ein Kind eingeliefert, das aufgrund von Alkoholmissbrauch schwer komatös sei – also auch etwa auf Schmerzreiz keinerlei Reaktionen. Die Fachfrau hofft auf verstärkte Präventionsarbeit und –projekte auch durch das Kinderschutzzentrum selbst. 

In Deutschland ist die Einrichtung eines Kinderschutzzentrums  eine freiwillige Leistung der Krankenhäuser. Dr. Zippel würde es begrüßen, wenn ähnlich wie etwa in der Schweiz, wo Kinderkliniken verpflichtet sind, eine Kinderschutzambulanz einzurichten, die Schutzzentren auch hier bald gesetzlich verankert würden.

pp/Agentur ProfiPress