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Das „dritte Richtfest“

Kommerner LVR-Freilichtmuseum feierte 50-jähriges Richtfest – Jubiläum des „Bauesch Hauses“ – Gebäude musste 1958 einer Straßenerweiterung weichen – Letzte Bodenbacher Bewohnerinnen zu Besuch – Zimmermann Helmut Schmitz erneuerte den Richtspruch

Zum Jubiläum übergab der Bodenbacher Ortsbürgermeister Günter Rätz eine Urkunde an Museumsleiter Dr. Josef Mangold. Foto: Franz-Josef Vogt/pp/Agentur ProfiPress

Mechernich-Kommern – „Es sind die Geschichten, die ein Haus erhalten“, ist sich Dr. Josef Mangold, Leiter des LVR-Freilichtmuseums in Mechernich-Kommern, sicher. An diese Geschichten aus früheren Zeiten erinnerten sich nun viele Besucher des „Bauesch Hauses“, das seit 1962 im Kommerner Museum steht. Aus diesem Anlass feierten Museumsmitarbeiter und Mitarbeiterinnen gemeinsam mit vielen Besuchern den 50. Jahrestag des Richtfestes. Ein Großteil der Gäste kannte das Haus bereits von seinem ursprünglichen Standort her, denn das Freilichtmuseum hatte bei freiem Eintritt alle Bewohner Bodenbachs zur Feier eingeladen. Im kleinen Dörfchen Bodenbach zwischen Adenau und Daun stand das Haus einst, bevor es 1958 der Erweiterung einer Straße weichen musste und ein neues Zuhause am Kommerner Kahlenbusch fand.

Rund 35 Gäste aus Bodenbach, das aktuell 227 Einwohner zählt, hatten die Einladung angenommen und feierten „das dritte Richtfest“, wie Mangold die Feierlichkeiten nannte. Und auch drei Frauen, die zwar nicht mehr in Bodenbach wohnen, aber mit dem Haus tief verwurzelt sind, waren gekommen. Die Schwestern Apollonia, Hedwig und Hildegard wurden unter dem Mädchennamen Rätz in 1950er Jahren im „Bauesch Haus“ geboren und verlebten dort ihre ersten Lebensjahre. Sie waren drei der sechs Kinder des letzten Besitzers des Hauses von Anton Rätz, genannt Toni, und seiner Frau Anna. Und so wollte Dr. Mangold den Nachmittag „mehr als eine Art Familienfeier“ verstanden wissen. Diese Worte wählte bereits Dr. Adelhard Zippelius, der ehemalige Leiter des Freilichtmuseums, 1962 zum Richtfest des „Haus Bauesch“ im Museum. Und auch der Richtspruch war der gleiche wie vor 50 Jahren – leicht aktualisiert und sehr unterhaltsam vorgetragen von Zimmermann Helmut Schmitz, der dem Haus zum Schluss traditionsgemäß sein Bierglas opferte.

Zwar musste das „Bauesch Haus“ nicht mehr wie 1962 aufgebaut werden, doch gewerkelt wurde im Vorfeld der Feier dennoch an ihm. Das Fachwerk wurde ausgebessert und neu gestrichen und am Feiertag selbst konnten die Besucher Lehmbauer Ralf Stöcker und seinem Sohn Malte dabei zuschauen, wie sie die Wetterseite des Hauses mit Stroh und Lehm beschichteten. Von dieser Lehmstrohwand würde das Regenwasser gut abgeleitet, erfuhren die Zuschauer.

Bei den Bodenbachern selbst wurden viele Erinnerungen an das Haus wach. Zum damaligen Bild, berichteten sie, habe auch Josef Rätz, genannt „Jussep“, gehört, der auf seinen Stock gestützt vor dem Haus die vorbeikommenden Schulkinder frotzelte. Andere erinnerten sich an zerrissene Strümpfe, die sie vom Mäuerchen am Haus davontrugen. Beflügelt wurden die Erinnerungen durch einen dreiminütigen Schwarzweiß-Film, den die Gattin von Dr. Zippelius, Hanna Maria, von den Abbauarbeiten des „Bauesch Hauses“ gedreht hatte. Für die drei Schwestern war dies ein emotionaler Moment. Sie werden übrigens auch weiterhin im Haus zu sehen sein: Hildegard Schramm, geborene Rätz, hatte Dr. Mangold ein Familienfoto überlassen, das die vier Geschwister mit Mutter und Oma vor einer Einrichtung der 50er Jahre im Haus zeigt. Das Foto wurde in eine neue Infotafel im Haus integriert.

Ein genaues Baujahr ist nicht überliefert. Gerhard Eitzen, Hausforscher des Freilichtmuseums, schätzt den Bau auf etwa 1680. Besonders an dem Haus ist der zur Straßenseite liegende Giebel. Da er von Stockwerk zu Stockwerk breiter wird, gibt das Haus den Anschein, es sei ein damals moderner Stockwerkbau. „Aber das ist ein Fake, wie man heute sagen würde. Denn diese Stockwerkelemente sind nur vorgetäuscht“, erklärte Dr. Mangold. „Dahinter steht ein ganz klassischer Ständerbau, bei dem die Hölzer, die Ständer, vom Boden bis zum Dach, aus einem einzigen Stück bestehen.“ Eine Seltenheit sei die große, geräumige Räucherkammer mit Türe im Rauchabzug des Obergeschosses.

Noch heute ist das „Bauesch Haus“ in Bodenbach präsent. Denn auch das neue Haus der Familie Rätz, das nach dem Abbau des Fachwerkhauses außerhalb von Bodenbach entstand, wurde und wird „Bauesch Haus“ genannt. Und immer noch heißt die Stelle, wo das ursprüngliche Haus einst stand, „Bauesch Eck“. Die Ecke war bei den Dorfbewohnern bekannt dafür, dass sich dort öfter Autos festfuhren. Noch heute, so erzählte der Ortsbürgermeister Günter Rätz, sei das „Bauesch Eck“ Treffpunkt der Bodenbacher Jugend und Startpunkt für die Fronleichnamsprozession und die Kinder beim Rasseln. Auch einen neuen Anhaltspunkt für die Namensherkunft konnte Dr. Mangold von den Bodenbachern erfahren. Da das Haus auch „Bauesch Jussep“ genannt wurde, liegt nahe, dass der Name vom „Bauern Josef“ stammte, denn Josef Rätz betrieb eine kleine Landwirtschaft. Zur Erinnerung an das Jubiläum überreichte Ortsbürgermeister Günter Rätz Museumsleiter Dr. Mangold eine Urkunde, in der die Bodenbacher dem Museum gratulierten.