Weilerswister Shantychor „Blaue Jungs“ feierte sein 30-jähriges Bestehen mit einem Benefizkonzert zugunsten der Hilfsgruppe Eifel – Rund 450 Besucher gingen musikalisch auf große Fahrt
Weilerswist/Mechernich/Kall – Wenn Weilerswist schon von Natur aus keinen Hafen besitzt, dann sehnt man sich alle Weltmeere und die dazugehörigen Reeden einfach singend herbei. Genau das tut der örtliche Shantychor „Blaue Jungs“ seit 30 Jahren.
Vergangenen Samstag feierte das über 30köpfige Ensemble sein Jubiläum mit 450 Gästen zugunsten der Hilfsgruppe Eifel für tumor- und leukämiekranke Kinder. Das Benefizkonzert wurde zu einer musikalischen Weltreise unter der Schirmherrschaft von Landrat Markus Ramers und unter Mitwirkung seines Vorgängers Günter Rosenke, der als Gitarrist bei den „Blauen Jungs“ mitmacht.

Die Moderation hatte der Mechernicher Autor Manfred „Manni“ Lang, auch Hilfsgruppenchef Willi und seine Frau Kathi Greuel sowie Silvia und Erwin Haep aus Mechernich-Lückerath waren als Vertreter des Spendenempfängers mit von der Partie sowie der ehemalige stellvertretende Landrat und Caritaschef Bruno Grobelny, der lange mitsang und heute Ehrenmitglied der „Blauen Jungs“ ist.
Schon der Auftakt machte deutlich, dass dieser Nachmittag weit mehr werden sollte als ein gewöhnliches Chorkonzert. Moderator Manfred Lang nahm das Publikum mit auf große Fahrt. Die Route klang ebenso kühn wie unterhaltsam: Von Erft und Swist ging es über Hamburg und die Nordsee, vorbei an Helgoland, durch den Ärmelkanal, über die Biskaya, nach Hawaii, Madagaskar und bis zur Hudson Bay – selbstverständlich mit sicherer Rückkehr in den Heimathafen Weilerswist.

„Wir starten an Erft und Swist und sollen trotzdem gegen 20 Uhr wieder hier sein“, kündigte Lang augenzwinkernd an: „Das schafft normalerweise nur die Deutsche Bahn – aber nicht an einem Tag.“ Die musikalische Navigation übernahm zunächst Ralf Miottel, der während des Konzertes auch mehrfach als Solist in Aktion trat. Das Ensemble begann seine imaginäre Reise mit maritimen Klassikern wie „Kleine Möwe flieg nach Helgoland“, „Seemann, lass das Träumen“, „Wellerman“, „Rolling Home“ und vielen weiteren Shantys.
Vom Traum zur Tradition
Dass aus einer „Schnapsidee“ beim verregneten Weilerswister Feuerwehrfest vor mehr als 30 Jahren einmal einer der bekanntesten Shantychöre der Region werden würde, hätten sich die elf Gründungsmitglieder wohl selbst kaum träumen lassen. Heute gehören die „Blauen Jungs“ längst zu den festen Größen im kulturellen Leben weit über Weilerswist hinaus.
Vorsitzender René Bertram erinnerte mit Humor daran, dass vielleicht bald sogar die berühmte „Alexander von Humboldt“ in Weilerswist festmachen könnte. Schließlich werde – so sein augenzwinkernder Hinweis – die Fahrrinne von Erft und Swist demnächst erweitert.

Ganz so weit ist es zwar noch nicht. Doch die Beziehung der „Blauen Jungs“ zu dem legendären Segelschiff ist keineswegs erfunden. Auf dem Segelschulschiff gleichen Namens segelten die meisten Sänger als echte Seekadetten mit, wie Peter Kraus dem Publikum berichtete.
„Wir haben damals echte Matrosenarbeit verrichtet“, erzählte Kraus. Neben den täglichen Arbeiten an Bord gehörten auch Nachtwachen dazu – vier Stunden Schlaf, vier Stunden Wachdienst. Diese Erfahrung habe den Chor nicht nur zusammengeschweißt, sondern den Liedern eine ganz neue Glaubwürdigkeit verliehen. Der emotionale Höhepunkt sei gewesen, als die Sänger mit voller Stimme in den Kieler Hafen einliefen: „Da hatten sogar die Matrosen an Deck Tränen in den Augen.“

Einen Glanzpunkt im Konzert setzte die Kölner Sängerin Kristina Linden, die den Chor bei zwei Klassikern der Seefahrer- und Soldatenromantik unterstützte. Mit Hans Albers' „Goodbye, Johnny“ und dem unvergänglichen „Lili Marleen“ nahm sie das Publikum mit in eine Zeit, als Fernweh, Sehnsucht und Heimkehr noch in Liedern erzählt wurden. Ihre warme, ausdrucksstarke Stimme fügte sich harmonisch in den Klangkörper der „Blauen Jungs“ ein und sorgte für zwei der stimmungsvollsten Momente des Jubiläumskonzerts.
Schirmherr Markus Ramers
Landrat Markus Ramers, den Vorgänger Günter Rosenke als Schirmherrn angeheuert hatte, bekannte, dass dieser Termin der schönste Abschluss vor seinem Familienurlaub sei: „Wie könnte man besser in Ferienstimmung kommen, als mit den Seemannsliedern der »Blauen Jungs«?", fragte der Landrat rhetorisch. Zwar habe er manches seemännische Fachwort vorsichtshalber auf seinem Spickzettel notiert, doch eines stehe fest: Der Chor verstehe es seit drei Jahrzehnten, maritime Atmosphäre bis in den Kreis Euskirchen zu tragen.
Dass das Jubiläum gleichzeitig einem guten Zweck diente, verlieh dem Nachmittag zusätzliche Bedeutung. Sämtliche Überschüsse kommen der Hilfsgruppe Eifel zugute, deren Vorsitzender Willi Greuel den Sängern herzlich dankte. Es waren aber nicht nur die Lieder, sondern vor allem die Menschen, die diesen Nachmittag prägten.

Zu ihnen gehörte Josef Hergarten aus Euskirchen. Der 1935 geborene Mundharmonikaspieler ist seit 2004 Mitglied der „Blauen Jungs“. Für seine langjährige Treue und seinen unermüdlichen Einsatz wurde der inzwischen 90-Jährige unter langanhaltendem Applaus zum Ehrenmitglied des Chores ernannt. Vorsitzender René Bertram überreichte ihm die Ehrenurkunde und würdigte ihn als Vorbild für Zusammenhalt, Verlässlichkeit und Kameradschaft.
Zu den Gratulanten gehörte außerdem Carola Cuti, die im Auftrag der Arbeiterwohlfahrt Weilerswist einen reich gefüllten Präsentkorb überreichte. Seit vielen Jahren gestaltet der Shantychor regelmäßig Veranstaltungen der AWO musikalisch mit. Das Geschenk war deshalb Ausdruck einer gewachsenen Freundschaft und herzlicher Verbundenheit.

Dass Gemeinschaft bei den „Blauen Jungs“ großgeschrieben wird, zeigte sich auch an anderer Stelle. Mit auf der Bühne stand der frühere Euskirchener Landrat Günter Rosenke, der inzwischen selbst zur Männergruppe gehört und damit eine Verbindung fortsetzt, die ihn seit vielen Jahren mit den Weilerswister Sängern verbindet.
Drei Jahrzehnte voller Herzblut
Mit humorvollen Geschichten, historischen Rückblicken und jeder Menge Seemannsgarn führte Moderator Manfred „Manni“ Lang das Publikum immer wieder durch die inzwischen 30-jährige Vereinsgeschichte. Dabei wurde deutlich, dass die „Blauen Jungs“ weit mehr sind als ein Gesangverein. Sie sind eine Gemeinschaft, die Musik, Freundschaft und soziales Engagement miteinander verbindet.
Als nach mehr als drei Stunden die letzten Takte verklungen waren, war das Publikum zwar wieder sicher im Heimathafen Weilerswist angekommen. Die große Reise über Nordsee, Biskaya, Hawaii und Hudson Bay hatte zwar nur musikalisch stattgefunden. Die Begeisterung der Besucher aber war ebenso echt wie der langanhaltende Schlussapplaus und mehrere Zugaben.
Nach drei Jahrzehnten gilt deshalb mehr denn je: Wenn Weilerswist keinen Zugang zum Meer besitzt, dann holen die „Blauen Jungs“ das Meer eben nach Weilerswist.
pp/Agentur ProfiPress
07/23/2026

