100-jähriger Holocaust-Überlebender und Arzt Dr. Leon Weintraub erzählte Schülerinnen und Schülern in der Aula des Mechernicher Schulzentrums per Livestream aus Stockholm von Verfolgung, Überleben und Hoffnung
Mechernich/Stockholm - „Wir sind als Menschen zur Welt gekommen. Lasst uns gemeinsam in Frieden leben und freundlich zueinander sein.“ Es war eine einfache Botschaft, die Dr. Leon Weintraub den Schülerinnen und Schülern von fünf Schulen des Kreises Euskirchen in der Aula des Mechernicher Schulzentrums mit auf den Weg gab. Und gerade deshalb wog sie an diesem Vormittag besonders schwer.
Denn der Mann, der per Livestream aus Stockholm zugeschaltet war, ist 100 Jahre alt. Er hat das Ghetto Litzmannstadt, Auschwitz-Birkenau und weitere Konzentrationslager des Nazi-Regimes überlebt. Er hat seine Mutter und seine Schwester verloren, Hunger, Folter, Zwangsarbeit, Todesmärsche und unvorstellbare Grausamkeit erlebt. Und er spricht dennoch nicht mit Bitterkeit, sondern mit großer Klarheit über Menschlichkeit, Verantwortung und die Hoffnung auf Frieden.
Eingeladen worden war Weintraub von der Mechernicher Arbeitsgruppe „Forschen-Gedenken-Handeln“ um Rainer Schulz, Gisela und Wolfgang Freier sowie Elke Höver und der Gesamtschule Mechernich um Lehrerin Eva Bruns, mit der die Gruppe seit rund einem Jahr „gut zusammenarbeitet“. Schulz begrüßte den Zeitzeugen und die jungen Zuhörerinnen und Zuhörer. Es sei eine große Ehre, dass Weintraub trotz seines hohen Alters aus seinem Leben erzähle: „Gerade für uns und für die junge Generation ist es wichtig, die Geschichten der Menschen zu hören, die diese Zeit selbst erlebt haben.“ Sie erinnerten daran, wohin Hass, Ausgrenzung und Intoleranz führen können – und wie wichtig es sei, für Respekt, Demokratie und Menschlichkeit einzustehen.

Eine glückliche Kindheit – bis der Krieg kam
Leon Weintraub wurde am 1. Januar 1926 im polnischen Łódź geboren. Er wuchs mit vier Schwestern in einfachen Verhältnissen auf. Sein Vater starb früh, die Mutter musste die Familie mit harter Arbeit durchbringen. Dennoch erinnerte sich Weintraub auch an eine schöne, sorglose Kindheit. Die Schule sei für ihn eine „Oase“ gewesen, Bildung der Schlüssel zu einem besseren Leben.
Dann kam der 1. September 1939. Die deutsche Wehrmacht überfiel Polen. Weintraub war 13 Jahre alt, als die Soldaten propagandistisch choreografiert in seine Heimatstadt einmarschierten. Noch fast 90 Jahre später erinnerte er sich an die nahezu endlos scheinenden Kolonnen, an das Schmettern der Stiefel und an die kalkulierte Angst, die von den Soldaten ausging.
Nach der Besetzung von Łódź, von den Nazis in Litzmannstadt umbenannt, verschärfte sich die Unterdrückung der jüdischen Bevölkerung immer weiter. Wertgegenstände mussten abgegeben werden, Verbote bestimmten den Alltag. 1940 wurde die Familie in das Ghetto Litzmannstadt gezwungen. Für die Menschen dort begann ein Leben auf engstem Raum, geprägt von Hunger, Angst und Zwangsarbeit.
Weintraub arbeitete bereits als Jugendlicher in einer Fabrik, unter anderem an elektrischen Anlagen und Leitungen. Ein Laib Brot pro Kopf und Woche, dazu eine dünne Suppe während langer Arbeitstage – mehr gab es oft nicht. Wer dem Stacheldraht zu nahe kam, riskierte erschossen zu werden.
Besonders tief habe sich ihm der September 1942 eingeprägt. Alte Menschen, Kranke und Kinder wurden aus dem Ghetto deportiert. Weintraub berichtete von den verzweifelten Schreien der Mütter, denen ihre Kinder aus den Armen gerissen wurden. „Diese Stimmen klingen immer noch in meinen Ohren“, sagte er. Von rund 80 Angehörigen seiner großen Familie lebten nach dem Krieg nur noch 16.

Der letzte Blick auf die Mutter
Im Sommer 1944 wurde das Ghetto aufgelöst. Den Menschen sei erzählt worden, sie würden an einen sicheren Ort gebracht, berichtete Weintraub. Tatsächlich wurden sie in Güterwagen gepfercht und in das berüchtigte Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert.
Dort sah er seine Mutter zum letzten Mal. An der Rampe wurden Familien getrennt, Menschen nach „arbeitsfähig“ (Leben) und „nicht arbeitsfähig“ (Tod) selektiert. Auch wenn sie eigentlich hätte überleben sollen, war es wohl ihre Schwester, deren Hand seine Mutter nicht losließ und ihr sozusagen in den Tod folgte. Weintraub schilderte den elektrischen Zaun, den Rauch über dem Lager und den Geruch verbrannten Fleisches. Er war allein, kannte in dieser Hölle niemanden.
Dass er überlebte, verdankte er einer Mischung aus Mut, Zufall und dem Wissen, das er sich bei der Zwangsarbeit angeeignet hatte. Unbemerkt schloss er sich schließlich einer Gruppe von Häftlingen an, die zur Arbeit „nach draußen“ abkommandiert wurde. Reflexartig hatte er sich in der Gruppe Männer versteckt. Ohne Tätowierung mit einer Nummer auf dem Arm wäre das ein sicheres Todesurteil gewesen – wenn sie ihn erwischt hätten. Ohne diese Entscheidung, sagte er rückblickend, würde er heute nicht in Stockholm leben und mit jungen Menschen sprechen können. Denn nur kurze Zeit später sei sein Block geräumt und alle darin getötet worden.
Es folgten die Konzentrationslager Groß-Rosen und Flossenbürg sowie das Außenkommando Offenburg des KZ Natzweiler-Struthof. Weintraub wurde wegen seiner Kenntnisse als Elektriker eingesetzt. Aber auch dort waren Gewalt, Willkür und Tod allgegenwärtig. Er berichtete von Häftlingen, die vor aller Augen misshandelt oder erschossen wurden.
Anfang 1945 wurde er auf Todesmärsche getrieben. Die waren nur dazu da, die Gefangenen so lange durch Eiseskälte laufen zu lassen, bis sie erfroren oder vor Erschöpfung starben. Doch in den letzten Kriegstagen gelang ihm gemeinsam mit anderen Häftlingen die Flucht. Schwer krank und völlig entkräftet erlebte er die Befreiung. Drei seiner vier Schwestern fand er später wieder. Sie hatten das KZ Bergen-Belsen überlebt, wo Anne Frank gestorben ist.

Arzt werden, anderen helfen
Nach dem Krieg fasste Leon Weintraub einen klaren Entschluss: Er wollte seine Bildung fortsetzen und Arzt werden. 1946 begann er in Göttingen Medizin zu studieren – in Deutsch. Einer Sprache, die er erst lernen musste, nach Jahren der Verfolgung und Entbehrung. „Bitte lassen sie es mich doch versuchen!“
Und tatsächlich: Er setzte sich durch, wurde Gynäkologe und Geburtshelfer. Dann gründete er eine Familie und arbeitete in Warschau als Oberarzt – „die glücklichste Zeit“ seines Lebens. Doch auch dort wurde er schließlich wieder mit aufkeimendem Antisemitismus in der UdSSR konfrontiert. 1969 verlor er in Polen seine Stelle und wanderte mit seiner Familie nach Schweden aus. Stockholm wurde seine neue Heimat, in der er bis heute ein friedliches Leben führen konnte. Seinen Beruf verstand er als bewusste Antwort auf das Erlebte: Menschen helfen, ins Leben zu kommen.
Warum er mit 100 Jahren noch immer vor jungen Menschen spreche? Weintraub nannte die Erinnerung an die Ermordeten als eine innere Verpflichtung. Das Geschehene sei gründlich dokumentiert – und werde dennoch von manchen Menschen geleugnet oder verharmlost. Gerade deshalb müsse man widersprechen, wenn Menschen wieder in Gruppen eingeteilt und gegeneinander ausgespielt würden. Als konkretes Beispiel warnte er vor der AfD in Deutschland, die so agiere: „Es gibt nur einen Menschen: Homo sapiens.“

Direkte Fragen, ehrliche Antworten
Nach seinem Vortrag nutzten die Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit zu einem persönlichen Austausch. David wollte wissen, was Weintraub geholfen habe, diese Zeit zu überstehen. Eine eindeutige Antwort gebe es darauf nicht, sagte der 100-Jährige. Vielleicht seien es gute Gene seiner Eltern und sein Charakter gewesen. Vielleicht auch die Fähigkeit, sich innerlich abzukapseln und zu verdrängen. „Wir erwarteten das Schlimmste, aber nicht das Unvorstellbare“, erklärte er.
Auf die Frage, ob es trotz all des Grauens Menschen gegeben habe, die ihn an Menschlichkeit glauben ließen, antwortete Weintraub mit einem Appell gegen Nationalismus und Überheblichkeit. Patriotismus sei etwas anderes, als sich über andere Menschen zu stellen. Zum Glück gebe es viele vernünftige und denkende Menschen, die sich für Versöhnung und Frieden einsetzten.
Finn fragte, wie sich das Kriegsende angefühlt habe. Der erste Gedanke sei gewesen: „Wir sind keine Gefangenen mehr.“ Doch der Körper sei völlig erschöpft gewesen, das Denken habe nur langsam zurückgefunden. Es habe Zeit gebraucht, wieder in ein normales Leben zu finden – und schließlich auch anderen Menschen helfen zu können.
Emily wollte wissen, welche Schritte für das Weitermachen nötig gewesen seien. Weintraub antwortete mit einem Bild: Scheuklappen aufsetzen und das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Für ihn sei dieses Ziel gewesen, Arzt zu werden und sich Wissen anzueignen.
Die letzte Frage stellte Melina. Was würde er seinem jüngeren Ich sagen? Weintraub antwortete mit einer Botschaft, die den Raum weit über den Bildschirm hinaus erfüllte: Unter jeder Haut sei das menschliche Gewebe gleich. „Wir sind als Menschen geboren“, sagte er. Es sei absurd, sich in Gruppen als Feinde zu begegnen. „Lasst uns in Frieden leben und freundlich zueinander sein.“
Rainer Schulz dankte dem Zeitzeugen sichtlich bewegt: „Ihre Geschichte hat uns tief beeindruckt. Durch Ihre Worte haben Sie Geschichte für uns greifbar gemacht und uns wichtige Werte wie Menschlichkeit, Toleranz und Verantwortung vermittelt.“ Kurzerhand lud Weintraub Schulz auf einen Besuch bei sich in Stockholm ein. Der bestätigte kurzerhand, „das könnte in diesem Jahr noch gut passieren…“
Auch Gisela und Wolfgang Freier von der Arbeitsgruppe „Forschen-Gedenken-Handeln“ zeigten sich berührt. Gisela Freier sagte: „Mir kamen immer wieder die Tränen.“ Besonders wichtig sei gewesen, dass die Schülerinnen und Schüler so aufmerksam mitgegangen seien: „Hoffentlich ist die Botschaft angekommen.“ Und Wolfgang Freier betonte: „Er strahlt eine Menschenfreundlichkeit aus – das ist einfach fantastisch.“
pp/Agentur ProfiPress
07/09/2026

