Vor 30 Jahren berichtete der „Spiegel“ über „Gifthölle Mechernich“ - Müllsickerwassereintrag unter der Deponie im Tagebau Virginia von „illegalen Höhlenforschern“ entdeckt – Heute zeigt die Kreisverwaltung Euskirchen offensiv, was alles getan wurde, um dem Problem beizukommen und wie Sickerwasser mittlerweile gefasst, gereinigt und überwacht wird – Manche Fragen bleiben eine Daueraufgabe
Mechernich – In gewisser Weise war der Bleibergtagebau „Virginia“ schon ein Fass ohne Boden, als Regierungspräsident Dr. Franz-Josef Antwerpes ihn Anfang der achtziger Jahre zur zentralen Mülldeponie für weite Teile des Rheinlands erkor und die Kreisverwaltung Euskirchen anwies, diese für damalige Verhältnisse gigantische Kippe einzurichten. Sie sollte Hunderte sogenannter „Bürgermeisterdeponien“ in den Dörfern ersetzen.

Experten sind sich sicher: „Sowas wie in Mechernich wäre in späteren Jahrzehnten nicht mehr genehmigt worden.“ Denn am Grund des Tagebaus ist keineswegs „Schicht im Schacht“, auch darunter liegen noch insgesamt vier Bergwerkssohlen, auf denen vor Schließung der Bleimine „Op Spandau“ 1957 im Untertagebau Erz gefördert und Grundwasser abgeführt wurde.

Heute darf Hausmüll nicht mehr deponiert, sondern muss verbrannt werden. Die Folie, mit der die Deponie damals vor Inbetriebnahme abgedichtet wurde, war nur 2,5 Millimeter dick und nach Angaben des Unternehmers, der sie verlegte, an vielen Stellen schon zerrissen, ehe der erste Müll ankam – eine Behauptung, die der Kreis Euskirchen mit Nachdruck zurückweist. Die Verlegung sei damals von einer Fachfirma kontrolliert worden
1996 schreckte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ bundesweit, vor allem aber die Menschen um den Mechernicher Bleiberg auf, die gerade erst den „Bleibelastungsskandal“ der siebziger und achtziger Jahre verdaut hatten. Der Bericht schilderte austretendes Müllsickerwasser in alten Bergwerksstollen, auf das selbst ernannte „Höhlenforscher“ gestoßen waren.

Es war die Rede von DDT, Dioxin und hochkomplexen organischen AOX-Verbindungen, Schwermetallen, Chlorverbindungen und einer angeblich nicht nur „geringfügigen Undichtigkeit“, wie der damalige NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement den Umweltskandal herunterzuspielen versuchte. Journalisten und Kameraleute stiegen mit den „Höhlenforschern“ untertage, um sich ein Bild zu machen. Der heutige Deponieleiter Michael Weber erinnert sich an einen Spiegel-TV-Beitrag unter dem Titel „Gifthölle Mechernich“.
Vom Skandal zum moderaten Ton
Fast drei Jahrzehnte später ist der Ton ein anderer. Das Thema ist nicht verschwunden, aber die Kreisverwaltung tut seit Jahrzehnten das Menschenmögliche, um es in den Griff zu bekommen. Und: „Wir gehen offensiv damit um. Wir haben nichts zu verbergen“, so Achim Blindert, der stellvertretende Chef der Kreisverwaltung in einem Gespräch mit der Mechernicher Presseagentur „ProfiPress“. Der Kreis Euskirchen hatte sie zu einem Gespräch und zur fachlichen Einordnung eingeladen.

Mit am Tisch saßen Deponieleiter Michael Weber, der allgemeine Vertreter des Landrats Achim Blindert und Kreispressereferent Wolfgang Andres sowie der studentische Praktikant Tristan Eggert. Ihre Botschaft lautet nicht: Es war nie etwas. Ihre Botschaft lautet: Es wurde seitdem sehr viel getan.
Die damalige Schadstelle lag nach Angaben Michael Webers in der Rotkaulstrecke, an einem der tiefsten Punkte des Systems. Dort trat das Sickerwasser aus dem Deponiekörper in den alten Grubenbereich ein. Genau dort habe die Kreisverwaltung ihre technische Antwort angesetzt. Nach ersten Maßnahmen zum Auffangen des Sickerwassers seien um das Jahr 2000 herum unter Tage Auffangbehälter, Pumpen und Leitungen installiert worden. Der Kreis arbeitete dabei mit der Deutschen Montan Technologie, DMT, zusammen, heute Teil von TÜV Nord. Die DMT verfügte über bergbauliches Know-how und alte Grubenunterlagen.

Zunächst musste der Zugang überhaupt gesichert werden. Der Schacht Virginia liegt außerhalb des Müllkörpers. Von dort können Personen in die oberen Sohlen des alten Bergwerks und wieder hoch befördert werden. Nach Darstellung des Kreises wurde ein Pumpen- und Wetterschacht mit „Befahreinrichtung“, Förderturm und technischer Ausstattung errichtet und der alte Schacht massiv ausgebaut. Aber auch schon vorher konnte der kritische Bereich unter dem Tagebau mit Hilfe eines Mobilkrans befahren werden.
Die Präsentation, die Michael Weber für das Redaktionsgespräch mit „ProfiPress“ zusammengestellt hatte, nennt eine ganze Reihe von Maßnahmen: 2001 Schachtaufwältigung und Schachtsanierung mit Einbau der Befahrungsmöglichkeit, 2004 Sicherung von Grubenbauen und Freispiegelleitung, 2006 Sicherungsausbau der Ladestrecke und Standort des Sickerwasserbehälters, 2009 Sanierung und Erneuerung der Bewetterung sowie 2017 die Verdämmung von drei einsturzgefährdeten ehemaligen Bleierz-Abbaukammern mit rund 3500 Kubikmetern „Mixan“, einem für die Verfüllung von Hohlräumen unter Tage entwickelten Spezialbeton.

In der Nähe des Schachts Virginia auf der Ladestrecke stehen weiterhin drei jeweils sechs Kubikmeter fassende Auffangbehälter. Heute müsse aber nur noch vergleichsweise geringfügig gepumpt werden. Den aktuellen Zulauf gibt der Kreis mit etwa 2,5 Liter pro Minute an. Eine zweite Pumpe stehe als Notpumpe bereit. Das Sickerwasser gelangt über eine Freispiegelleitung von der Rotkaulstrecke bis zu den zentralen Auffangbehältern in der Ladestrecke. Von dort aus wird es zur Sickerwasserreinigungsanlage gepumpt und nach einer biologischen und mechanischen Reinigungsstufe über eine Aktivkohleanlage der Kläranlage Mechernich zugeführt.
„Wir fangen hundert Prozent ab“
Michael Weber formuliert den heutigen Anspruch unmissverständlich: „Wir fangen 100 Prozent ab.“ Und noch einmal: „Alles, was austritt, fangen wir ab.“ Das klingt nach einem starken Statement, das durch die Messergebnisse von Proben untermauert werden soll, die der Kreis regelmäßig entnimmt. Auch die 13 Kontrollpunkte, die rings um den Deponiekörper abgeteuft wurden, zeigten keinerlei Auffälligkeiten in der Qualität des Grundwassers. Regelmäßig würden 30 bis 50 unterschiedliche Parameter untersucht.

Von Kontrollbrunnen, die laut Presseberichten in den 90er Jahren Richtung rheinische Tiefebene abgesenkt werden sollten, ist den Behörden nichts bekannt. Die pH-Werte des Rohsickerwassers an den eigenen deponienahen Kontrollpunkten schwanken im schwach basischen Bereich zwischen 7,9 und 8,3. Seit Beginn der Stilllegungsphase 2005 sei eine tendenzielle Abnahme der CSB-, TOC- und BSB5-Konzentrationen zu erkennen. CSB steht für chemischen Sauerstoffbedarf, TOC für den gesamten organisch gebundenen Kohlenstoff, BSB5 für den biochemischen Sauerstoffbedarf innerhalb von fünf Tagen. Alle drei Werte beschreiben auf unterschiedliche Weise organische Belastungen beziehungsweise Abbaubarkeit.
Besonders sensibel ist der Wert AOX, also adsorbierbare organisch gebundene Halogene. „Der Spiegel“ hatte 1996 gerade bei solchen Stoffen Alarm geschlagen. Nach heutiger Darstellung der Kreisverwaltung schwanken AOX-Werte bereits im Rohsickerwasser im Bereich des Anforderungswertes für gereinigtes Sickerwasser von 0,5 Milligramm pro Liter und seien damit vergleichsweise gering. Die letzten AOX-Werte im Jahresbericht 2025 hätten konstant bei 0,5 Milligramm pro Liter gelegen, sogar beim Eintrag, also vor der eigentlichen Reinigung, betont Deponiechef Michael Weber.

Auch bei Schwermetallen würden die Anforderungswerte grundsätzlich eingehalten. Allerdings gebe es geogen bedingte Standortbelastungen, die bei einzelnen Parametern wie Blei und Cadmium punktuell zu Überschreitungen führen könnten. Das ist im Mechernicher Bleiberg kein Nebenaspekt. Wo über Jahrhunderte Bleierz abgebaut wurde, ist die Unterscheidung zwischen deponiebedingter Belastung und natürlicher beziehungsweise bergbaulich bedingter Hintergrundbelastung fachlich entscheidend.
„Achillesferse“ Burgfeyer Stollen
Ein weiterer kritischer Punkt für die Zukunft des Mechernicher Bleibergs ist neben dem Sickerwasser der ursprüngliche Wasserhaushalt des Bleibergs. Der Burgfeyer Stollen, in älteren Unterlagen auch als zentraler Wasserlösungsstollen beschrieben, führt seit dem 19. Jahrhundert Wasser aus dem Bergwerk ab. Nach Angaben aus der Präsentation wurde er zwischen 1807 und 1870 „aufgefahren“, also gebaut. Er ist etwa 7,5 Kilometer lang und führt 21 Kubikmeter Wasser pro Minute Richtung Mündungsloch in Burgfey ab, die dort in den Veybach fließen.

Alte Bergleute sagen sinngemäß: Wenn dieser Stollen eines Tages mechanisch versagen sollte, also einbrechen und verstopfen, dann werde Mechernich „nasse Füße“ bekommen. Das ist zwar kein behördlich bestätigtes Szenario, aber ein Hinweis darauf, dass der alte Bergbaustollen nach wie vor mit 1,2 Millionen Litern Wasser pro Stunde unter der Kernstadt verläuft und nicht nur Historie ist, sondern bis heute Teil des Wasserhaushalts.
Nach Angaben des Kreises im aktuellen Redaktionsgesprächs mit der Agentur ProfiPress ist der Burgfeyer Stollen vom Schacht Virginia aus in beide Richtungen nicht mehr durchgängig, sondern jeweils nur noch auf einer Länge von etwa 300 Meter ng begehbar. Danach nicht mehr. Die dritte und vierte Sohle stehen ohnehin unter Wasser. Einen vollständigen Überblick über den gesamten Verlauf kann sich derzeit offenbar niemand mehr zu Fuß verschaffen.

Achim Blindert sagte im Gespräch, ihm sei kein konkreter Plan für den mechanischen Bruch des Burgfeyer Stollens bekannt. Michael Weber geht davon aus, dass sich das Wasser im Fall eines Bruchs einen Weg durch andere Stollen Richtung Burgfey bahnt. Man will sich mit dem Bergamt darüber ins Benehmen setzen. Denn zwischen „kein Plan bekannt“ und „kein Risiko“ besteht ein Unterschied.
Der Mechernicher Bleiberg ist seit Jahrhunderten ein durchlöcherter Untergrund. Bereits Kelten und Römer sollen dort nach Erz gesucht haben. Später folgten mittelalterlicher Eigenlöhner, das waren Familienbetriebe, oft Landwirte im Nebenerwerb, dann Großkonzessionäre, Bergbaugesellschaften, der Bergwerks-Aktienverein, die Gewerkschaft Mechernicher Werke und schließlich die halbstaatliche Aktiengesellschaft Preussag, deren „Erbe“ witzigerweise der Reisekonzern TUI sei.

1957 wurde der Bergbau als unrentabel eingestellt, nachdem „Spandau“, wie das Bergwerk im Volksmund heißt, nach dem Zweiten Weltkrieg mit Millionenaufwand zur modernsten Bleimine Europas ausgebaut worden war. Zwei Jahre später stand die Bundewehr auf dem Gelände und teufte die damals größte militärische Untertageanlage ab, die bis heute in Betrieb ist. 1980/81 wurde im ehemaligen Tagebau „Virginia“ eine Großmülldeponie eröffnet.
Wer heute unter dieser ehemaligen Zentraldeponie Mechernich steht, befindet sich nicht nur in einem alten Bergwerk, sondern in einer komplexen Geschichte. Über ihm liegt der unten mit Folie und oben mit einer Drainagematte eingepackte Müllkörper, unter ihm und um ihn herum verlaufen alte Strecken des Untertage-Bleibergbaus.

Außerdem allerlei Leitungen, Pumpen, Auffangbehälter, Spritzbeton, Kabel, Lampen und Bewetterungstechnik. Dieses komplexe Equipment zeigt nach Meinung der Experten: Dieser Ort ist kein vergessenes Loch im Berg, sondern ein technischer Sonderfall, der seit Jahrzehnten überwacht und beherrscht werden muss.
Viertelmilliarde Nachsorge
Für die sogenannte „Nachsorge“ habe der Kreis noch 200 Millionen Euro von ursprünglich einer Viertelmilliarde auf der hohen Kante liegen, so Achim Blindert: „Gott sei Dank war der Kreis so clever, den Müllanlieferern diese Nachsorgekosten auf die Müllgebühren zu schlagen.“

Kümmern wird man sich um den „Müllkörper“ noch viele Jahrzehnte nach Schließung der Deponie im Jahre 2005, die seither nur noch als Müllumschlagplatz dient für Abfälle, die in der Hauptsache zu Müllverbrennungsanlagen transportiert werden. Die ehemalige Deponie firmiert heute unter „Abfallwirtschaftszentrum“.
Das Gasmotorenkraftwerk, das 21 Jahre nach Deponieschließung abgesaugtes Deponiegas zu 600 kW elektrischer Energie verwertet – in Spitzenzeiten 4,2 Megawatt/h – läuft noch bis Ende 2029. Wie lange die Müllsickerwasserkläranlage noch benötigt wird, die mit hochmodernen Aktivkohlefiltern Schwermetall und Gifte aus der unter der Deponie austretenden Brühe isoliert, kann man noch nicht voraussagen.

Beruhigend sei allerdings, das sie sich bewährt habe, so Deponiechef Michael Weber: „Das Wasser, das die Anlage heute in Richtung kommunaler Kläranlage Burgfey verlässt, ist nicht mehr belastet als normales Abwasser aus der Kanalisation.“ Um dieses 1996 tatsächlich in Schächte, Sohlen, Strecken, Wasserlösungsstollen und einen insgesamt durchlöcherten Untergrund austretende Sickerwasser überhaupt zu fassen, brauchte es Deponietechnik, die alles andere als einfach ist.
Der Müllkörper selbst erstreckt sich über etwa 950 mal 350 Meter und reicht bis zu 75 Meter tief in den ehemaligen Tagebau. Nach seiner Stilllegung wurde er abgedeckt, unter anderem mit einer kunststoffbewehrten Folie und Drainageschichten.

„Dennoch arbeitet der Körper weiter“, so Michael Weber: „Er setzt sich, sackt nach, verändert sich.“ Und zwar nach Darstellung des Kreises noch etwa zehn Jahre. Danach soll der Standort weiter profiliert, mit Mutterboden abgedeckt und schrittweise stärker als Energiestandort genutzt werden. Erste Photovoltaikflächen gibt es bereits.
Dass die Sickerwasserproblematik in den 1990er Jahren überhaupt öffentlich sichtbar wurde, hatte wesentlich mit sogenannten Höhlenforschern zu tun. Sie drangen damals über lange Wege in alte Grubenbaue vor und dokumentierten, was unter der Deponie austrat: dunkles, schleimiges, übelriechendes Sickerwasser.

Im Rückblick spricht der Kreis über diese frühen Entdecker nicht abfällig. Im Gegenteil: Sie hätten auf ein reales Problem aufmerksam gemacht. Anders bewertet werden heutige illegale Untertage-Touren von Abenteuerlustigen, die in alten Stollen Graffiti hinterlassen oder dort feiern. Achim Blindert warnt ausdrücklich vor solchen Unternehmungen. In alten Grubenbauen könne Sauerstoffmangel auftreten, im Bergbau „schlechte Wetter“ genannt. Wer ohne Messgeräte, Fachkenntnis und Notausrüstung einsteige, bringe sich in Lebensgefahr.
pp/Agentur ProfiPress
10/05/2026

