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Manfred Lang

05/18/2026

Ein Wunderkind mit Haltung

Ihre Wiege stand in Mechernich: Tony Eick zwischen Bleiberg, Bühne und Exil - Gebürtige Mechernicherin prägte Kunst und Sozialkritik – und zahlte im „Dritten Reich“ den Preis dafür

Ihre Wiege stand in Mechernich: Tony Eick zwischen Bleiberg, Bühne und Exil - Gebürtige Mechernicherin prägte Kunst und Sozialkritik – und zahlte im „Dritten Reich“ den Preis dafür

Mechernich/Feldkirch – „Vor meinem geistigen Auge tauchen sie wieder auf, die heimatlichen Berge der Eifel …“ – mit diesen poetischen Worten beginnt Tony Eick 1905 ihre „Skizzen aus einer Bergwerksgegend“. Es sind nicht nur Erinnerungen, es ist ein Bekenntnis. Denn die Landschaft ihrer Kindheit war mehr als Kulisse: Sie war Ursprung, Antrieb – und Wunde zugleich.

Geboren am 12. Juli 1885 als Clara Antonia Hubertina Emilie Eick in Mechernich, wuchs sie in unmittelbarer Nähe des Bleibergwerks auf. Die sozialen Gegensätze dieser Welt prägten das Mädchen früh. Während ihr Vater als Rechnungsführer eine vergleichsweise gesicherte Stellung innehatte, lebten die einfachen Bergleute unter harten Bedingungen. Krankheiten bedeuteten oft den ökonomischen Absturz.

Tony Eick war ein Phänomen. Schon als Kind zeigte sie außergewöhnliche musikalische Begabung. Mit neun Jahren erhielt sie Klavierunterricht, bald darauf trat sie öffentlich auf. Als Sängerin, Rezitatorin und Musikerin eroberte die in Mechernich geborene und aufgewachsene Künstlerin, die mit dem Bonner Schriftsteller Hans Eschelbach verheiratet war, die Bühnen des Kaiserreichs. Repro: pp/Agentur ProfiPress
Tony Eick war ein Phänomen. Schon als Kind zeigte sie außergewöhnliche musikalische Begabung. Mit neun Jahren erhielt sie Klavierunterricht, bald darauf trat sie öffentlich auf. Als Sängerin, Rezitatorin und Musikerin eroberte die in Mechernich geborene und aufgewachsene Künstlerin, die mit dem Bonner Schriftsteller Hans Eschelbach verheiratet war, die Bühnen des Kaiserreichs. Repro: pp/Agentur ProfiPress

Diese Erfahrungen brannten sich dem Mädchen ein. Noch als Jugendliche begann Tony Eick, gegen diese Missstände anzuschreiben. Zeitungsartikel aus ihrer Feder prangerten die sozialen Verhältnisse an – sehr zum Missfallen der Werksleitung und nicht ohne Folgen für den Vater. Es war ein früher Ausdruck dessen, was ihr Leben bestimmen sollte: Kunst als Haltung.

Doch Tony Eick war mehr als eine kritische Stimme. Sie war ein Phänomen. Schon als Kind zeigte sie außergewöhnliche musikalische Begabung. Mit neun Jahren erhielt sie Klavierunterricht, bald darauf trat sie öffentlich auf. Als Sängerin, Rezitatorin und Musikerin eroberte sie die Bühnen des Kaiserreichs.

„Sympathische Stimme“

Die Presse überschlug sich. Die „Hamburger Nachrichten“ rühmten die 15-Jährige für ihre „glockenreine, sympathische Stimme“, die sowohl der Ballade als auch dem schlichten Volkslied gerecht werde. Ähnlich euphorisch äußerten sich nach Konzertabenden von Tony Eick die „Schlesische Morgenzeitung“ in Breslau („Mit ihrer jugendfrischen, anmutigen Erscheinung gewann sie sofort die Herzen aller Zuhörer“), die „Leipziger Neueste Nachrichten“ („Stunden seltenen Genusses“), die „Neue Vogtländer Zeitung“ in Plauen oder die „Württembergische Zeitung“ in Stuttgart. Die gebürtige Mechernicherin wurde als „Wunderkind“ gefeiert.

Die Personenstandsurkunde Nummer 192 der Gemeinde Mechernich von 1885 wurde am 13. Juli in der Bürgermeisterei in Roggendorf ausgestellt. Da erschien der „Schichtmeistergehülfe Carl Alfred Eick, wohnhaft zu Mechernich, katholischer Religion“ und zeigte die Geburt einer Tochter an, die am Tag zuvor in der elterlichen Wohnung von Eicks Frau Clara Carolina Hubertina, geborene Lückerath, zur Welt gebracht worden war. Die spätere Tony Eick bekam in ihrer Geburtsurkunde gleich vier Vornamen, nämlich Clara, Antonia, Hubertina und Emilie. Foto: Stephan Meyer/Stadtarchiv Mechernich/pp/Agentur ProfiPress
Die Personenstandsurkunde Nummer 192 der Gemeinde Mechernich von 1885 wurde am 13. Juli in der Bürgermeisterei in Roggendorf ausgestellt. Da erschien der „Schichtmeistergehülfe Carl Alfred Eick, wohnhaft zu Mechernich, katholischer Religion“ und zeigte die Geburt einer Tochter an, die am Tag zuvor in der elterlichen Wohnung von Eicks Frau Clara Carolina Hubertina, geborene Lückerath, zur Welt gebracht worden war. Die spätere Tony Eick bekam in ihrer Geburtsurkunde gleich vier Vornamen, nämlich Clara, Antonia, Hubertina und Emilie. Foto: Stephan Meyer/Stadtarchiv Mechernich/pp/Agentur ProfiPress

Die Personenstandsurkunde Nummer 192 der Gemeinde Mechernich von 1885 wurde am 13. Juli in der Bürgermeisterei in Roggendorf ausgestellt. Da erschien der „Schichtmeistergehülfe Carl Alfred Eick, wohnhaft zu Mechernich, katholischer Religion“ und zeigte die Geburt einer Tochter an, die am Tag zuvor in der elterlichen Wohnung von Eicks Frau Clara Carolina Hubertina, geborene Lückerath, zur Welt gebracht worden war. Die spätere Tony Eick bekam in ihrer Geburtsurkunde gleich vier Vornamen, nämlich Clara, Antonia, Hubertina und Emilie.

Im Eifelvereinsblatt 10 von 1907 wird das „Eifellied“ des zu der Zeit in Bad Godesberg lebenden „Fräulein Tony Eicks“ abgedruckt. Repro: Stephan Meyer/Stadtarchiv Mechernich/pp/Agentur ProfiPress
Im Eifelvereinsblatt 10 von 1907 wird das „Eifellied“ des zu der Zeit in Bad Godesberg lebenden „Fräulein Tony Eicks“ abgedruckt. Repro: Stephan Meyer/Stadtarchiv Mechernich/pp/Agentur ProfiPress

Die sozialen Verhältnisse der Arbeiter am Bleiberg prägten das Mädchen ebenso wie der frühe Tod der Mutter. Klothilde Wiskirchen schrieb im Euskirchener Kreisjahrbuch 1986 in einem Aufsatz über ihre Halbschwester Tony Eick: „Gerade der Vater war, weil seine Güte bei den Arbeitern bekannt war, häufig Ansprechpartner und Anlaufstelle für deren Sorgen und Klagen. Zumal in finanziellen Nöten und bei Härtefällen, wie zum Beispiel bei der Erkrankung eines Arbeitnehmers, der zunächst einmal drei Tage lang keine Unterstützung erhielt, ehe ihm ein bescheidenes Krankengeld zustand.“

Tournee ins Zarenreich

Tony Eicks Tourneen führten sie durch Deutschland – und sogar bis ins zaristische Russland. Doch anders als viele früh Gefeierte blieb sie nicht bei der Rolle der Virtuosin stehen. Sie griff eine fast vergessene Kunstform wieder auf: den Volksgesang zur Laute – und gab ihr neue Strahlkraft. Damit verband sie künstlerische Tradition mit zeitgenössischem Ausdruck – ein Balanceakt, der ihr Publikum faszinierte.

Parallel zur Bühnenkarriere entwickelte sich eine literarische Sensibilität. Die Epoche des Naturalismus, die um 1900 soziale Wirklichkeiten in den Mittelpunkt rückte, fand in ihr eine wache Beobachterin. Was bei Gerhart Hauptmann oder Henrik Ibsen dramatisch gestaltet wurde, hatte Tony Eick selbst erlebt.

„Sonnige Stunden im Gartender Dichtkunst“: 451 Seiten umfasste die 1912 von Tony Eick herausgegebene „Mustersammlung moderner Dichtungen für Schule und Haus“. Repro: pp/Agentur ProfiPress
„Sonnige Stunden im Gartender Dichtkunst“: 451 Seiten umfasste die 1912 von Tony Eick herausgegebene „Mustersammlung moderner Dichtungen für Schule und Haus“. Repro: pp/Agentur ProfiPress

Ihre Texte kreisten um soziale Gegensätze, um das Leben der Arbeiter, um Gerechtigkeit. Sie schrieb nicht aus der Distanz – sie schrieb aus Erfahrung. Diese Nähe zum realen Leben machte sie auch für den Schriftsteller Hans Eschelbach interessant. Seine Begegnung mit ihr – vermutlich in Mechernich oder Köln – wurde zum Ausgangspunkt literarischer Verarbeitung. In seinem Roman „Maria Rex“ (1930) spiegelt sich Tony Eicks Jugend ebenso wie die Figur ihres Vaters, der als Rex literarisch verewigt wurde.

Tony Eick griff eine fast vergessene Kunstform wieder auf: den Volksgesang zur Laute – und gab ihr neue Ausdruckskraft. Damit verband sie künstlerische Tradition mit zeitgenössischem Geschmack – ein Balanceakt, der ihr Publikum offensichtlich faszinierte. Repro: Hans-Helmut Wiskirchen/Privatbesitz

Die Verbindung zu Eschelbach blieb nicht literarisch. Zwischen der jungen Künstlerin und dem deutlich älteren Autor entwickelte sich eine Beziehung, die erst später in eine Ehe mündete – für ihn die zweite. Gemeinsam gingen sie eine enge künstlerische Symbiose ein. Tony Eick wurde Muse, Mitdenkerin, organisatorische Kraft.

Liebe und Literatur

Im von Eschelbach gegründeten Veritas-Verlag in Bonn hielt sie ihm den Rücken frei und prägte indirekt sein Werk. Eschelbach bekannte später, keine Zeile geschrieben zu haben, die nicht durch ihre Hände gegangen war.

Die gebürtige Mechernicherin blieb nach dem Krieg im Alpenraum und  kehrte nur gelegentlich ins Rheinland und die Eifel zurück. Tony Eick starb am 25. April 1965 in Bregenz. Ihre letzte Ruhe fand sie neben ihrem Mann in Götzis. Der Bonner Schriftsteller erhielt ein Ehrengrab seiner Vaterstadt, wurde aber nie umgebettet. Repro: Hans-Helmut Wiskirchen/Privatbesitz

Ihr eigenes literarisches Werk blieb schmal – überliefert ist vor allem das Epos „Judas“. Doch ihre Wirkung entfaltete sich stärker im Zusammenspiel von Kunstformen: Musik, Vortrag, Literatur.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich die Lage dramatisch. Eschelbachs katholisch geprägtes Werk geriet ins Visier, seine regimekritischen Äußerungen führten zu Verhören. Auch Tony Eick blieb nicht verschont. Haus und Verlag wurden durchsucht, schließlich beschlagnahmt. Die künstlerische Existenz geriet unter Druck. 1941 zog sich das Paar nach Vorarlberg zurück – ein Rückzug, der zugleich Schutz und Exil bedeutete.

Letzte Ruhe in Götzis

Im österreichischen Fraxern entstand Eschelbachs letzter großer Roman über Michelangelo. Nach seinem Tod 1948 war es Tony Eick, die das Werk vollendete und veröffentlichte – ein letzter gemeinsamer Akt über den Tod hinaus. Sie blieb im Alpenraum, kehrte nur gelegentlich ins Rheinland zurück. Am 25. April 1965 starb sie in Bregenz. Ihre letzte Ruhe fand sie neben ihrem Mann in Götzis.

Die künstlerische Linie setzte sich fort. Ihre Tochter, bekannt als Tony van Eyck, wurde eine erfolgreiche Schauspielerin auf Theater- und Filmbühnen. Auch sie begann als Wunderkind – ein Echo der Mutter. Auch sie betätigte sich schriftstellerisch und veröffentlichte 1955 im Langen-Müller-Verlag den Roman „Ein Mann namens Miller“. Tony van Eyck hatte wie ihre Mutter als Wunderkind gegolten.

Noch bekannter als ihre Eltern Tony Eick und Hans Eschelbach wurde die einzige Tochter, die sich auf Anraten Max Reinhardts Tony van Eyck nannte und in den 30er bis 50er Jahren als Theater- und Filmschauspielerin agierte. Auch sie betätigte sich schriftstellerisch und veröffentlichte 1955 im Langen-Müller-Verlag den Roman „Ein Mann namens Miller“. Tony van Eyck hatte wie ihre Mutter als Wunderkind gegolten. Schon als Neunjährige stand sie in Kinderrollen im Stuttgarter Landestheater auf der Bühne. Mit 15 holte sie Max Reinhardt an das Deutsche Theater nach Berlin. Repro: pp/Agentur ProfiPress
Noch bekannter als ihre Eltern Tony Eick und Hans Eschelbach wurde die einzige Tochter, die sich auf Anraten Max Reinhardts Tony van Eyck nannte und in den 30er bis 50er Jahren als Theater- und Filmschauspielerin agierte. Auch sie betätigte sich schriftstellerisch und veröffentlichte 1955 im Langen-Müller-Verlag den Roman „Ein Mann namens Miller“. Tony van Eyck hatte wie ihre Mutter als Wunderkind gegolten. Schon als Neunjährige stand sie in Kinderrollen im Stuttgarter Landestheater auf der Bühne. Mit 15 holte sie Max Reinhardt an das Deutsche Theater nach Berlin. Repro: pp/Agentur ProfiPress

Schon als Neunjährige stand sie in Kinderrollen im Stuttgarter Landestheater auf der Bühne. Mit 15 holte sie Max Reinhardt an das Deutsche Theater nach Berlin. Als 17-Jährige wurde sie dort 1927 fristlos entlassen, nachdem sie vier Tage unentschuldigt der Bühne ferngeblieben war. Die Lasten des Erwerbs, des Berufs, des prominenten Daseins hatten sie die Nerven verlieren lassen.

Ihre Mutter Tony Eick war vieles: Musikerin, Dichterin, Vortragende, Malerin. Doch vielleicht beschreibt sie ein anderer Begriff besser: Zeitzeugin mit Stimme. Sie verband Kunst mit sozialem Bewusstsein, Talent mit Haltung, Herkunft mit Wirkung. Ihre Wiege stand in Mechernich – aber ihr Blick reichte weit darüber hinaus. Und genau darin liegt ihre Bedeutung für die Region: Nicht nur als berühmte Tochter der Stadt, sondern als eine, die ihre Herkunft nie verleugnete – sondern ihr Ausdruck verlieh.

pp/Agentur ProfiPress