Rotkreuz-Museum vogelsang ip eröffnete am Weltrotkreuztag die Saison – Fokus: Zivil-militärische Zusammenarbeit, Bevölkerungsschutz und Gesundheitsversorgung
Schleiden-Vogelsang – „Verbunden in Menschlichkeit“: Mit diesem Gruß der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung begann im Rotkreuz-Museum vogelsang ip die Saisoneröffnung am Weltrotkreuztag, 8. Mai – dem Geburtstag von Henry Dunant, Begründer der Rotkreuzbewegung.

Unter dem Titel „Das Rote Kreuz und seine besondere Rolle in Zeiten des Wandels“ hatten der DRK-Kreisverband Euskirchen und das Rotkreuz-Museum vogelsang ip ins Humanitarium im Dr.-Rudolf-Seiters-Haus eingeladen. Im Mittelpunkt standen die sicherheitspolitischen Veränderungen, die neue geopolitische Lage und die Frage, wie zivile Hilfsorganisationen, staatliche Akteure und Bundeswehr in Krisen- und Katastrophenszenarien zusammenarbeiten können, ohne die Grundsätze des Roten Kreuzes aus den Augen zu verlieren.
Helfen liegt in „Genen“
Schon in den Begrüßungen wurde deutlich: Vogelsang ist für das Rote Kreuz nicht nur Ausstellungsort, sondern Lern-, Erinnerungs- und Diskussionsraum. Dr. Michael Dreuw, Vizepräsident des DRK-Landesverbandes Nordrhein, erinnerte an die vergangene Saisoneröffnung mit dem damaligen Ehrengast Dr. Rudolf Seiters und an Zeitzeugenberichte zur Prager Botschaft. Zugleich richtete er einen besonderen Gruß an Rolf Zimmermann, den prägenden Kopf des Museums, der aus Krankheitsgründen leider nicht teilnehmen konnte. Der volle Saal wünschte ihm mit Applaus gute Genesung.

Dreuw schlug den Bogen von der Geschichte in die Gegenwart. Das Museum erinnere daran, woher die Bewegung komme. Zugleich sei es „ein Ort der Verantwortung für die Zukunft“. Die Welt werde komplexer, Lagen würden hybrider, schneller und unübersichtlicher. Gerade deshalb seien Organisationen wie das Rote Kreuz unverzichtbar. „Wir müssen uns verändern, ohne uns selbst zu verlieren“, lautete eine zentrale Botschaft des Abends.

Karl-Werner Zimmermann, Vorsitzender des DRK-Kreisverbandes Euskirchen, unterstrich die besondere Bedeutung. An diesem historischen Ort gehe es um Werte, die bis auf Henry Dunant und die Schlacht von Solferino zurückreichten: Hilfe für Menschen, unabhängig davon, zu welcher Seite sie gehörten. „In den Genen eines Rotkreuzlers liegt der Wunsch, jedem zu helfen“, sagte Zimmermann. Gerade deshalb könne es in besonderen Situationen aber auch notwendig sein, einen Einsatz nicht anzunehmen – nämlich dann, wenn sonst die eigenen Grundsätze gefährdet würden.
Verwundeten und Kranke
Wie herausfordernd diese Abwägungen sind, machte Rechtsanwalt Michael Sieland, Landeskonventionsbeauftragter des DRK-Landesverbandes Nordrhein, in seinem Vortrag „Das Rote Kreuz in der zivil-militärischen Zusammenarbeit“ deutlich. Sieland erläuterte, dass das humanitäre Völkerrecht, die Genfer Abkommen und die sieben Grundsätze der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung (Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Neutralität, Unabhängigkeit, Freiwilligkeit, Einheit und Universalität) nicht schmückendes Beiwerk seien, sondern konkrete Handlungsgrundlage.

Sieland führte beispielsweise aus, dass Neutralität kein abstraktes Prinzip sei. Sie sei vielmehr ein Werkzeug, das Hilfe überhaupt erst möglich mache. Nur wenn alle Konfliktparteien dem Roten Kreuz vertrauten, könne es Verwundete bergen, Kriegsgefangene besuchen, Zivilisten aus Kampfzonen evakuieren oder humanitäre Hilfe in hochgefährlichen Gebieten leisten. Beispiele aus der Ukraine, Gaza und internationalen Einsätzen machten deutlich: Neutralität schützt nicht nur die Opfer, sondern auch die Helfenden.

Dabei stellte Sieland klar, wo aus Sicht des Roten Kreuzes Grenzen verlaufen. Die Unterstützung des Sanitätsdienstes der Bundeswehr sei historisch, völkerrechtlich und im DRK-Gesetz verankert. Sie knüpfe an den Ursprung der Bewegung an: Verwundeten und Kranken in Kriegszeiten zu helfen. Eine allgemeine Unterstützung kämpfender Truppen („Kombattanten“) oder militärischer Logistik, etwa im Rahmen des sogenannten „Host Nation Support“, komme für das DRK hingegen nicht in Betracht. Denn das könne als Beitrag zu militärischen Handlungen verstanden werden und damit die Neutralität gefährden. Diese Unterscheidung beschäftigte auch die anschließende Diskussion.
Mehr Austausch und Zivilschutz
Dr. med. Martin-Christoph Henes, Oberstarzt im Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr, ergänzte die Perspektive des Sanitätsdienstes. Sein Thema: „Ist das deutsche Gesundheitssystem auf Krise vorbereitet? Das DRK in der Unterstützung des Sanitätsdienstes der Bundeswehr“. Henes beschrieb ein Szenario, das viele im Saal nachdenklich machte: Im Fall eines größeren Konflikts an der NATO-Ostflanke gehe es nicht allein um militärische Verwundete. Deutschland müsse auch mit Flüchtlingsbewegungen, Cyberangriffen, Terroranschlägen und einer massiven Belastung des Gesundheitswesens rechnen.

Genannt wurde die Größenordnung von bis zu 1.000 Patienten pro Tag über einen längeren Zeitraum – nicht als kurzfristige Großschadenslage, sondern als dauerhafte Belastung. Ein Teil dieser Patienten wäre intensivpflichtig, hinzu kämen psychische Belastungen und psychiatrischer Versorgungsbedarf. Große Kliniken müssten ihre Abläufe umstellen, planbare Eingriffe verschieben, Stationen anders nutzen und Personal neu priorisieren. Zugleich könnten Fachkräfte durch militärische Verpflichtungen fehlen.
Genau an diesem Punkt wurde der Abend besonders konkret. Vertreterinnen und Vertreter aus Gesundheitswesen, Hilfsorganisationen, Politik und Verwaltung diskutierten über fehlende rechtliche Grundlagen, unterschiedliche Zuständigkeiten und Kommunikationslücken. Ein Vertreter großer LVR-Kliniken fragte unter anderem, wie sich seine Einrichtungen vorbereiten müssten. Aus dem Bereich ambulanter Pflege kam die Frage, wie Pflegefachkräfte auf zusätzliche Aufgaben vorbereitet werden könnten. Kommunalpolitisch wurde gefragt, worauf Städte und Gemeinden jetzt achten sollten.

Die Antworten: Es brauche gemeinsame Lagebilder, verbindliche Kommunikationswege, ressortübergreifende Arbeitskreise und mehr Übung. Zugleich müsse die Bevölkerung stärker in den Blick rücken. Denn während viel über militärische Anforderungen gesprochen werde, dürfe der Zivilschutz nicht vernachlässigt werden. Was passiert, wenn Strom, Wasser oder Kommunikation ausfallen? Was, wenn Helfende zugleich Einsatzkräfte und selbst Betroffene sind? Wer hilft älteren Menschen, Pflegebedürftigen oder Familien, wenn Systeme überlastet sind?
Sieland plädierte dafür, Resilienz auf kommunaler Ebene zu stärken. Selbsthilfefähigkeit sei kein Panikthema, sondern das Gegenteil: Wer weiß, was er tun kann, bleibt handlungsfähig. Erste-Hilfe-Kurse mit Selbsthilfeanteil, Pflegeunterstützungskräfte und klare lokale Strukturen wurden als wichtige Bausteine genannt. Henes brachte es am Ende pragmatisch auf den Punkt: Angesichts des großen Bedarfs sei es letztlich zweitrangig, ob sich Menschen bei Feuerwehr, THW, Rotem Kreuz, Maltesern, Johannitern oder anderswo engagierten. Hauptsache, sie helfen.
„Faul auf dem Sofa sitzen“ keine Option
Auch Simon Jägersküpper, Geschäftsführer des Rotkreuz-Museums vogelsang ip und Kreiskonventionsbeauftragter des DRK-Kreisverbandes Euskirchen, griff diesen Gedanken zum Abschluss auf. „Faul auf dem Sofa sitzen“ zu bleiben, sei keine Option. Man müsse miteinander reden, voneinander lernen und ins Handeln kommen. Der Abend habe genau dazu beigetragen: Menschen aus unterschiedlichen Bereichen kamen ins Gespräch, stellten Fragen, widersprachen, ergänzten und suchten nach gemeinsamen Wegen.

So wurde die Saisoneröffnung am Weltrotkreuztag ein Abend über eine Welt im Wandel – und über eine Bewegung, deren Ursprung fast 170 Jahre zurückliegt, ihre Grundsätze aber aktueller wirken denn je. Oder, wie es Michael Sieland formuliert: Das humanitäre Völkerrecht ist „DNA, Rückgrat und Schutzschild“ der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung.
pp/Agentur ProfiPress
05/18/2026

