Philipp Schumacher (1798–1854) leistete mit neuen, unorthodoxen Ideen Beispielhaftes im Sozial- und Schulwesen am Bleiberg, obwohl er seinen Geburtsort nie verließ – Vierte Folge einer Serie über berühmte Söhne und Töchter der Stadt
Mechernich – „Philipp Schumachers Wiege stand am Bleiberg. Im Gegensatz zu den meisten berühmten Mechernichern, die irgendwo in der Welt ein Stück Zeitgeschichte mitschrieben, tat Schumacher das zu Hause. Unspektakulär, aber nachhaltig: durch soziales Engagement als überzeugter Christ, als Helfer verelendeter Arbeiterfamilien“: So begann im Jahre 2002 eine Personengeschichte im „Kölner Stadt-Anzeiger“.
Philipp Schumacher war Anfang des 19. Jahrhunderts Dorfschullehrer am Bleiberg, das wurde er schon mit 17 Jahren, und als er starb, war er erst 55. Die Gemeinde errichtete dem jung Verstorbenen 1854 ein Ehrengrab im Schatten der 1000-jährigen Johanniskirche. Noch heute erinnert eine vor Jahren vom örtlichen Steinmetz Georg Simons generalüberholte Gedenktafel an der Ostseite der Alten Kirche an Philipp Schumacher. Die Straße zwischen Kier und Alter Kirche wurde nach ihm benannt.
Wie kommt es, dass ausgerechnet ein Dorfschulmeister 200 Jahre nach seinem Tod in Mechernich noch ein Begriff ist? Schumacher war nicht nur Lehrer, sondern auch eine Art Sozialarbeiter, Wirtschaftsförderer und Krisenmanager.

Pädagogen ohne Ansehen
Das preußische Schulwesen war zu der Zeit „ungeordnet“, wie der Regionalhistoriker Anton Könen seinerzeit attestierte. Als Lehrmittel standen nicht überall Bücher zur Verfügung. Oft wurden Zeitungen oder alte Prozessakten gelesen. Gelehrt wurden Religion, Lesen, Schreiben und Rechnen, sehr selten Geographie und Naturkunde, noch seltener Geschichte. 1842 wurde der Turnunterricht eingeführt, 1861 „weibliche Handarbeiten“.
Die Lehrer genossen keine große gesellschaftliche Reputation, das Schulgeld mussten sie von den Eltern ihrer Schüler selbst eintreiben, was Abhängigkeiten nach sich zog. Mittags wurden sie reihum in den Häusern der Familien beköstigt. Die meisten hatten einen Zweitberuf – als Gemeindesekretäre, Boten oder Landvermesser. Die meisten Lehrer waren gleichzeitig auch Küster und Organisten in den hiesigen Kirchen.
Es gab auch Nebentätigkeiten, die dem Ansehen des jungen preußischen Lehrkörpers im Rheinland schadeten, wie der Mechernicher Lehrer U. Richter in einem Aufsatz Anfang des 20. Jahrhunderts berichtete: „Wie sollte auch die Bevölkerung den als Respektsperson achten, der ihre Schuhe flickte, ihnen den Bart rasierte, Branntwein verkaufte und auf der Kirmes zum Tanz aufspielte?“
Dagegen erwarb der in seinem Heimatort Mechernich angetretene Lehrer Philipp Schumacher wertvollere Verdienste: Er unterrichtete seine Schüler – Jahrzehnte, bevor die Schulpflicht eingeführt wurde – auch in anderen Fächern als Religion, Lesen, Schreiben und Rechnen. Er bildete sie in praktischen Arbeiten aus. Heute würde man das als berufsorientierten Unterricht, projektbasiertes Lernen oder soziale Pädagogik bezeichnen.

Nähen, stricken, stopfen
Nicht nur der weibliche Teil der Schülerschaft, auch die Jungen mussten im Winter nähen, stricken und stopfen. Im Frühling, Sommer und Herbst lernte man in der von Schumacher gegründeten Baumschule alle anfallenden Arbeiten – mitsamt der hohen Kunst des Obstbaumveredelns und des Baumschnitts. Das hatte nicht nur erzieherischen Wert, sondern entwickelte sich zum überlebenswichtigen Wirtschaftsfaktor für die zu der Zeit verelendenden Arbeiterfamilien am Bleiberg.
„Op Spandau“ gingen nämlich in der nachnapoleonischen Ära die Grubenlampen und Schmelzöfen aus, unter und über Tage standen alle Räder still. Die Knappen und Arbeiter verdienten nichts mehr, eine soziale Absicherung gab es bis zu den Sozialgesetzen unter Bismarck nicht. Viele suchten neue Arbeit im Ruhrgebiet oder in der Wallonie.
Schumacher und seine Schulkinder griffen zur Selbsthilfe, so gut ihnen das möglich war. Sie verkauften über 1000 veredelte Obstbäume in den Raum Euskirchen und ins Vorgebirge. Die Reichsgrafen zur Lippe, Mitbesitzerin von stillgelegten Bergwerkseinrichtungen in Mechernich, halfen beim Aufbau einer Vermarktungskette für Mechernicher Handwerksartikel in Köln.
Der Mechernicher Heimatforscher Hubert Roggendorf zählte in einem Aufsatz über Philipp Schumacher Beispiele auf: „Von Januar 1831 bis Juli 1832 arbeiteten 82 Mädchen 312 Paar Strümpfe, 229 Paar Handschuhe, 66 Paar Armstulpen, 20 Hosenträger, vier Mützen, 87 Pelzhäubchen und einen Tabaksbeutel. 42 Knaben lieferten 15 Paar Strümpfe, 134 Paar Handschuhe, drei Paar Armstulpen, 20 Hosenträger, acht Mützen und 111 Tabaksbeutel ab.“ Mit den Einnahmen half Schumacher, Notzeiten in den Familien zu überbrücken.

Bleisand tötet Seidenspinner
Der Lehrer versuchte sogar, eine Seidenraupenzucht aufzubauen und pflanzte dazu 1840 hundert Maulbeerbäume im Pastoratsgarten an. Sie wuchsen tatsächlich, aber die Seidenraupen gingen durch den in Mechernich damals ständig umherwehenden Blei-Quarzsand ein.
Philipp Schumacher wurde am 19. März 1798 als ältestes von acht Kindern des Schöffen und Kirchmeisters Theodor Schumacher und seiner Gattin Cäcilia Axer in Mechernich geboren und auf den Namen Philippus getauft. Der zu der Zeit an St. Johannes Baptist amtierende Pfarrer Lux nahm den begabten Zehnjährigen unter seine Fittiche. E0r übertrug dessen weitere Bildung dem bekannten Münstereifeler Gymnasialdirektor und Heimatforscher Jakob Katzvey.
Der erkannte Schumachers Begabung zum Pädagogen. Er ließ ihn in einem Lehrgang in Brühl zum Lehrer ausbilden und sorgte dafür, dass dem erst 17-Jährigen im August 1815 der Unterricht an der einklassigen Schule seines damals nur 600 Einwohner zählenden Heimatortes Mechernich übertragen wurde.
Dass sich erst die „Bergschadenskasse“ und später die Bergwerksbetreiber direkt an der Finanzierung des Schulwesens beteiligten, war hauptsächlich Schumachers Verdienst. Seine in Mechernich eingeführten Neuerungen hatten Einfluss auf das gesamte rheinische Schulwesen. Philipp Schumacher wurde von der Regierung „belobigt“. Handarbeitsunterricht wurde nach seinem Tode Pflichtfach in Preußen. Auch das von den Eltern zu entrichtende Schulgeld wurde in Preußen schließlich abgeschafft.
pp/Agentur ProfiPress
07/01/2026

