„Nach der Ernte“ im LVR-Freilichtmuseum Kommern ließ eine vergangene Arbeitswelt wieder lebendig werden – Zugtiere, alte Traktoren, Dreschflegel, Handwerk und Bauernmarkt lockten Familien aus dem ganzen Rheinland und den benachbarten Ländern
Mechernich-Kommern – Zwei mächtige Ochsen stehen eingespannt vor dem Pflug. Gemächlich, aber mit einer Kraft, die keine Motorhaube braucht. Kinder hängen am Holzzaun, Erwachsene zücken die Handys. Ein paar hundert Meter weiter knattert alte Landtechnik, an anderer Stelle schwingen ein Dreschflegel im Takt auf die Getreidegarben nieder, und aus einer historischen Bauernküche zieht der Duft von eingekochtem Zuckerrübensirup hinaus in den Hof.

So muss man sich in geballter Form das Dorfleben nach dem Einfahren der Heu- und Getreideernte im frühen Herbst vorstellen, wie es Jahr für Jahr am dritten Wochenende im September im Rheinischen Freilichtmuseum Kommern unter dem Titel „Nach der Ernte“ vor Tausenden Besuchern zelebriert wird.

Die ganz großen Publikumswellen früherer Jahre mögen etwas abgeebbt sein. Doch von Bedeutungsverlust kann bei der traditionsreichen Veranstaltung auf dem Kahlenbusch noch keine Rede sein. Noch immer kommen die Menschen aus dem ganzen Rheinland, aus Belgien, den Niederlanden und Luxemburg, um zu erleben, wie Landwirtschaft funktionierte, bevor GPS im Traktorcockpit, Hydraulik vorn und hinten und computergesteuerte Großmaschinen auf die Äcker kamen.

Und das Entscheidende dabei: Im Freilichtmuseum steht das alte Gerät nicht bloß sauber geputzt hinter Absperrkordeln. Es arbeitet, das heißt es wird gearbeitet, und zwar von Menschen und Tieren in einer Weise, wie sie seit der Jungzeitzeit bis ins frühe 20. Jahrhundert gang und gäbe war und funktionierte.
Mit Kennerblick statt GPS
Pferde und Ochsen ziehen Pflug und Egge über den Boden, schwere Kaltblüter bewegen Erntewagen, Esel tragen ihre Lasten durch die Dörfer. Von kundigen „Fuhrleuten“ mit Augenmaß und Kennerblick gelenkte Tiere, selbst Kühe, demonstrieren jene Zugkraft, auf die Landwirtschaft und Forstwirtschaft über Jahrhunderte angewiesen waren. Dass Arbeitspferde beim Holzrücken mancherorts sogar eine kleine Renaissance erleben, hat handfeste Gründe: Wo schwere Maschinen den Waldboden verdichten, bewegt sich ein Pferd vergleichsweise schonend durch den Bestand.

Das Museum hatte für den 19. und 20. September schwere Kaltblüter unter anderem aus dem Rheinland und Westfalen sowie aus Belgien und Luxemburg angekündigt. Auf dem Programm standen Pflügen, Eggen, Holzrücken und der Transport von Getreidewagen – Arbeiten also, die einst zum selbstverständlichen Jahreslauf eines Bauernhofes gehörten.

Auch Esel, Kühe und andere Nutztiere gehörten zum lebendigen Museumsbild. Und wer durch einen alten Stall in den Hof hinaussah, konnte für einen Augenblick tatsächlich vergessen, dass draußen das 21. Jahrhundert wartete.

Der Reiz liegt gerade im Nebeneinander der Epochen. Denn wenige Schritte von den Zugtieren entfernt standen ihre späteren Konkurrenten in Reih und Glied: Hanomag, Deutz und andere Ackerschlepper aus den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren. Beim Trecker-Corso wurden die Veteranen nicht nur ausgestellt, sondern durch das Museum bewegt und fachkundig erläutert. Der offizielle Ablauf sah neben einem Korso von Mensch und Tier auch einen Geschicklichkeitswettbewerb der Kaltblutpferde und den Traktoren-Korso vor.

Damit erzählte „Nach der Ernte“ zugleich von einem gewaltigen Umbruch. Innerhalb weniger Jahrzehnte verschwanden viele Zugtiere aus der Landwirtschaft, Maschinen übernahmen ihre Arbeit, Höfe wurden größer und immer weniger Menschen bewirtschafteten immer größere Flächen.

Der langjährige Museumslandwirt Karl-Heinz Hucklenbroich brachte diesen Wandel auf eine eindrucksvolle Größenordnung: Ein Hof von 100 Hektar sei früher von etwa 30 Menschen bewirtschaftet worden; heute kämen auf 300 Hektar häufig gerade einmal zwei Arbeitskräfte.
Vom Dreschflegel zum Bulldog
Doch Ernte bedeutete früher keineswegs Feierabend, sobald das Getreide vom Feld war. Im Gegenteil: Jetzt musste das Eingebrachte gedroschen, gereinigt, verarbeitet, konserviert und winterfest gemacht werden.

In der Baugruppe Eifel droschen Mitarbeiter und Helfer mit dem Flegel. Danach half die Windfege, Korn von Spreu und anderen leichten Bestandteilen zu trennen. An anderer Stelle arbeitete ein historischer Dreschkasten, über breite Treibriemen von einer Kraftquelle angetrieben. Die Museumshauswirtschafterinnen Brigitte Richartz und Ursula Opielka demonstrierten in der Baugruppe Niederrhein, wie Obst eingemacht und Zuckerrübensirup eingedickt wird.

An Marktständen wurden Handarbeiten, Imkereiprodukte, selbstgeräucherte Würste und Schinken angeboten, zahlreiche Imbissmöglichkeiten sorgten dafür, dass niemand hungern musste – unter anderem mit den traditionellen fettgebackenen Apfelpfannkuchen.





pp/Agentur ProfiPress
09/21/2026

