Sechs neue Stolpersteine in Kommern erinnern an die ermordeten jüdischen Familien Kahn und Frohwein – Ur-Urgroßneffe Robbin Goss reiste mit zweijährigem Sohn an – 30 Gesamtschülerinnen und Schüler setzten am Anne-Frank-Baum ein bewegendes Zeichen gegen das Vergessen
Mechernich-Kommern – „Vier Matratzen, zwei Tische, ein Küchenschrank, eine Kommode, ein Elektroherd …“ Es sind ganz alltägliche Dinge, die Gisela Freier im herbstlichen Sonnenschein vor dem Haus Nummer 12 an der Kommerner Gielsgasse aufzählt. Dinge, die vor 84 Jahren einer jüdischen Familie gehört haben: dem verwitweten Metzger Louis Frohwein und seinen vier Kindern, Jenny, Sibylla, Erna und Julius. Während der Vater ins KZ deportiert wurde, Tochter Erna auf der Flucht war und die restlichen Kinder auf rätselhafte Weise verschwanden, wurde das, was von ihrem Leben übrig war, penibel aufgelistet. – Und im Anschluss öffentlich versteigert. Die Nachbarn konnten günstig zugreifen, auch wenn der Besitz längst nicht mehr vollständig war. Wertvollere Gegenstände wie Porzellan, Fahrräder und Waschmaschinen hatte sich bereits die örtliche NSDAP-Gruppe gesichert ...

Die penibel geführten Listen, aus denen Gisela Freier vom „Arbeitskreis „Forschen – Gedenken – Handeln“ am Samstagnachmittag vor dem kleinen weißen Haus vorlas: sie existieren noch heute. „Was ein großes Glück ist“, wie sie betonte. „Denn es bedeutet ja, dass der Plan nicht aufgegangen ist, die Menschen, die hier lebten, vollständig auszulöschen.“
Ur-Ur-Enkel zum ersten Mal in Kommern
Damit dieses Wissen auch in Zukunft nicht verloren geht, erinnern nun sechs weitere Stolpersteine in Herzen Kommerns an Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden. Zwei Steine gelten dem Ehepaar Bernhard und Bertha Kahn, vier weitere Louis Frohwein und seinen drei verschwundenen Kindern. Der Arbeitskreis „Forschen – Gedenken – Handeln“, der sich seit rund 25 Jahren mit der Geschichte der jüdischen Bevölkerung beschäftigt, hatte zu der Gedenkveranstaltung eingeladen. Und viele waren gefolgt – darunter auch ein junger Familienvater, für den das Gedenken eine ganz besondere persönliche Bedeutung hat: Robbin Goss. Der gebürtige US-Amerikaner lebt seit elf Jahren in Hamburg und war mit seinem zweijährigen Sohn Arthur aus Norddeutschland nach Kommern gekommen. Robbin Goss ist der Ur-Ur-Enkel von Jakob Horn, einstmals Besitzer eines Euskirchener Möbelhauses, der ebenfalls deportiert und getötet wurde und der in Kommern eine Schwester hatte.

Horns Schwester war Bertha Kahn, die kurzzeitig in der Kommerner Mühlengasse lebte und gemeinsam mit ihrem Ehemann Bernhard von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Auf die Stolpersteinverlegung zu Ehren seiner Ur-Ur-Großtante aufmerksam gemacht hatte den US-Amerikaner mit deutschem Pass die Euskirchener Stadtarchivarin Sabine Dünnwald, die Goss noch von der Stolperstein-Verlegung in Euskirchen kannte, und in Kommern ebenfalls zugegen war.

So standen mit Robbin Goss und Söhnchen Arthur gleich zwei Generationen einer Familie an jenem Ort, an dem einst ihre Vorfahren gelebt hatten. „Ein seltsames Gefühl. Aber ja, es ist sehr hübsch hier“, sagte Robbin Goss, der zwar mit einer Hamburgerin verheiratet ist und auch schon lange in Deutschland lebt. Aber zum aller ersten Mal in Kommern war. „Interessant zu sehen, wo ein Teil meiner Familie herkommt. Wirklich viel wusste ich bisher nicht darüber. Mein Urgroßvater Kurt hat nie viel erzählt. Meine Mutter war die erste, die sich mit diesem Kapitel unserer Familiengeschichte auseinandergesetzt hat. Und mich interessiert das alles auch sehr.“
Die Steine gehören mitten ins Dorf
Vor dem Haus von Robbin Goss‘ Ur-Urgroßtante in der Mühlengasse verlas Wolfgang Freier die Rede des kurzfristig verhinderten Michael Fingel: In dieser sprach sich der Mechernicher Bürgermeister klar dagegen aus, Stolpersteine an den Ortsrand zu verbannen, wie jüngst im sächsischen Heidenau gefordert. „Im Gegenteil“, betonte Fingel ausdrücklich: „Sie gehören mitten in unsere Dörfer und Städte. Dorthin, wo die verfolgten und ermordeten Menschen lebten. Und uns immer wieder an sie erinnern.“

Rainer Schulz, der die Stolpersteine beim Initiator des Erinnerungsprojekts, dem Künstler Gunter Demnig, bestellt hatte, erinnerte im Anschluss an das Schicksal des Mechernicher Ehepaars Kahn: Bernhard Kahn hatte als selbstständiger Uhrmachermeister ein eigenes Geschäft im Kernort betrieben. Im Zuge der nationalsozialistischen Judenverfolgung wurden er und seine Frau Bertha enteignet und waren gezwungen, bei ihrer Tochter in Kommern unterzukommen. 1942 wurde das Ehepaar deportiert und im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet.

Nur wenige Schritte weiter, in der Gielsgasse 12, stand das Schicksal der Familie Frohwein im Mittelpunkt. Louis Frohwein wurde ebenfalls 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet. Seine Kinder Jenny, Sibylla und Julius wurden in Richtung Osten verschleppt, wo sich ihre Spur verliert. Hier machte Gisela Freier mit ihrem Blick in die historischen Akten eine besonders erschütternde Seite der Judenverfolgung sichtbar.

Musikalisch begleitete der Liedermacher und Sänger Uwe Reetz die Gedenkveranstaltung. An jeder Station griff er zur Gitarre und verlieh den nachdenklichen Momenten mit Liedern wie „Tears in Heaven“ von Eric Clapton, „Von guten Mächten“ und John Lennons „Imagine“ mit mal sanfter, mal druckvoller Stimme einen ergreifenden Rahmen.
Weiße Steine für ermordete Kinder
Besonders bewegend wurde es auch auf der Wiese des jüdischen Friedhofs am Prinzenweg. Dort steht seit 2022 eine junge Kastanie, die ein Nachfahre jenes Baumes in Amsterdam ist, den Anne Frank von ihrem Versteck im Hinterhaus aus sehen konnte und oft in ihrem Tagebuch erwähnte. Eine neue Informationstafel macht diese besondere Verbindung nun auch für Friedhofsbesucher sichtbar. Über einen QR-Code können nähere Infos auch mit dem Smartphone abgerufen werden.

Doch es blieb nicht bei der Enthüllung: 30 Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Mechernich, die sich gemeinsam mit ihrer Geschichtslehrerin Eva Bruns in der AG „Schule ohne Rassismus“ und unterstützt von Arbeitskreis-Mitglied Elke Höver mit dem Schicksal Anne Franks beschäftigt hatten, gestalteten ein eindrucksvolles Gedenken. Sie lasen Passagen aus Anne Franks Tagebuch. Anschließend nannten sie die Namen jüdischer Kinder aus Kommern und Mechernich, die von den Nationalsozialisten ermordet worden waren. Für jedes einzelne Kind legten sie einen weißen Stein mit dessen Namen unter der Kastanie ab. Stein um Stein entstand so ein stilles Denkmal.

Rainer Schulz dankte zum Abschluss allen Menschen, die sich an dem Gedenken beteiligt hatten, insbesondere dem Musiker Uwe Reetz, der seit Jahren stets zur Stelle sei, sowie bei den Mitarbeitern des Mechernicher Bauhofs, dessen Mitarbeiter den Arbeitskreis erneut bei der Verlegung der Steine und beim Errichten der Tafel unterstützt hatten.

pp/Agentur ProfiPress
10/12/2026

