Vom Sternenhimmel über Breitenbenden an die Weltspitze: Die Physikerin Prof. Dr. Martina Havenith-Newen wurde in Mechernich geboren, machte am Gymnasium der Stadt Abitur und zählt heute zu den prägenden Wissenschaftlerinnen der Ruhr-Universität Bochum – Fortsetzung der Serie „Ihre Wiege stand in Mechernich“
Mechernich-Breitenbenden/Bochum - Manchmal beginnt eine große wissenschaftliche Laufbahn nicht im Labor, sondern in einer Buchhandlung. Bei Prof. Dr. Martina Havenith-Newen war es die Buchhandlung Abel in der Mechernicher Turmhofstraße, auf halbem Wege zwischen Gymnasium am Turmhof und Alter Kirche. Immer dann, wenn ihre Mutter Einkäufe in der Stadt erledigte, kam das Mädchen aus Breitenbenden mit – und verschwand zwischen Auslagen und Bücherregalen.

„Mein Taschengeld habe ich in populärwissenschaftliche Bücher zum Thema Astronomie und Naturwissenschaften investiert“, erinnert sich die international renommierte Physikerin im Gespräch mit der Mechernicher Agentur ProfiPress. Heinz Habers „Gefangen in Raum und Zeit“ gehörte dazu, ebenso Hoimar von Ditfurths „Im Anfang war der Wasserstoff“. Bücher, die damals in einem Mädchen aus einem kleinen Mechernicher Ortsteil eine Sehnsucht weckten, die weit über den Garten hinter dem Elternhaus.
Dort und zu Hause in Breitenbenden konnte man damals noch mit bloßem Auge die einzelnen Sterne am Himmel erkennen. Martina Havenith schaute hinauf und träumte davon, Astronautin zu werden, ein filmreifes Bild: das Kind der Eifel, der Nachthimmel über dem Haus, Bücher über das Weltall auf dem Nachttisch – und eine Frage, die sie schon damals bewegt: Wie funktioniert die Welt?

Der Traum vom Weltraum
Aus dem Traum vom Weltraum wurde ein Weg in die Wissenschaft. Aus der Astronomie wurden Laser, Moleküle, Lösungsmittel und spektroskopische Verfahren. Und aus dem Mädchen, das in der Mechernicher Buchhandlung Abel populärwissenschaftliche Bücher kaufte, wurde eine der profiliertesten Forscherinnen Deutschlands.
Geboren wurde Martina Havenith am 13. April 1963 in Mechernich. Sie wuchs mit ihrem Bruder Wolfgang in Breitenbenden auf. Ihr Elternhaus gab ihr ein Zuhause, aus dem der Blick offenbar früh hinaus in die Welt ging.
Ihre Schulzeit begann an der Katholischen Grundschule Mechernich. Danach besuchte sie das neusprachliche Gymnasium der Stadt Mechernich, das heutige Gymnasium Am Turmhof, und legte dort 1981 das Abitur ab. Noch im selben Jahr begann sie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn ein Studium der Physik und Mathematik. Ihr Ziel war zunächst die Astronomie. Doch im Laufe der Jahre rückten andere Dinge in den Mittelpunkt: Licht, Moleküle, Schwingungen, Wechselwirkungen.

In Bonn absolvierte sie ihr Physikstudium, promovierte 1990 summa cum laude und habilitierte sich später in Experimentalphysik. Entscheidend wurde ein Auslandsjahr an der University of California in Berkeley. Von 1987 bis 1988 arbeitete sie dort, nahe San Francisco – und erlebte Wissenschaft anders als zuvor.
Im Podcast „Think. Try. Transform.“ schildert sie diesen Schritt mit entwaffnender Offenheit. Sie sei nach dem Diplom nach Berkeley gegangen, sagt sie, damals noch gar nicht mit dem Ziel, Professorin zu werden. Es sei eher Abenteuerlust gewesen. Sie komme aus einem „ganz kleinen Dorf“, Bonn sei schon groß gewesen, aber sie habe „noch mehr in die Welt hinaus“ gewollt.
In Berkeley lernte sie nach eigenem Bekunden den Spaß an der Wissenschaft, den Enthusiasmus, das amerikanische „Mach doch einfach“. Dort wurde ihr die Frage gestellt, warum sie eigentlich nicht Professorin werden wolle. Für eine junge Frau aus Deutschland war das damals keineswegs selbstverständlich. Weibliche Vorbilder gab es in der Physik kaum. Professorin zu werden – das war kein naheliegender Lebensentwurf. Aber Berkeley drehte die Perspektive.

Wenn Strukturen nicht passen
Nach Stationen in Bonn und weiteren internationalen Forschungsaufenthalten kam Martina Havenith 1998 an die Ruhr-Universität Bochum. Dort wurde sie Professorin für Physikalische Chemie II. Bochum wurde ihr wissenschaftlicher Standort, das Ruhrgebiet ihre zweite Heimat – und zugleich ein Raum, in dem sie Strukturen veränderte.
Eine Schlüsselszene hat sie selbst immer wieder erzählt. Es war die Zeit, in der sie die Universität eigentlich verlassen wollte. Mehrere Rufe lagen vor, andere Hochschulen warben um sie. Der damalige Rektor der Ruhr-Universität, Prof. Dr. Elmar Weiler, wollte sie aber halten. Dabei fiel ein Satz, der für Havenith-Newen zum Wendepunkt wurde: Wenn die Menschen nicht zu den Strukturen passten, könne man auch die Strukturen ändern.
Dieser Satz wurde zum Startsignal für etwas Großes. Havenith-Newen blieb. Sie suchte Mitstreiter, entwickelte Ideen und entwarf auf einer inzwischen fast legendären Zugfahrt ein Forschungsthema, das damals noch niemand in dieser Form besetzt hatte: Solvation Science, die Wissenschaft von der Rolle der Lösungsmittel.

Was spröde klingt, ist in Wahrheit eine Forschungsfrage von enormer Bedeutung. Lösungsmittel, vor allem Wasser, sind in Chemie und Biologie nicht bloße Kulisse. Sie sind nicht nur der Hintergrund, vor dem Reaktionen stattfinden. Sie greifen ein, steuern, beschleunigen, bremsen, verändern. Havenith-Newen wollte verstehen, was auf molekularer Ebene geschieht, wenn Stoffe miteinander reagieren, wenn Proteine Klumpen bilden im Gehirn wie bei Alzheimer, wenn Wasser nicht nur Umgebung, sondern Mitspieler ist.
Sie selbst hat dafür ein schönes Bild gefunden: In der Wissenschaft habe man lange auf die eigentlichen „Protagonisten“ geschaut, etwa auf Proteine. Das Lösungsmittel sei eher wie die Menge am roten Teppich gewesen, die applaudiert, während die Schauspieler im Mittelpunkt stehen. Sie aber wollte den Blick auf diese Menge richten – und herausfinden, welche Rolle sie wirklich spielt.
RESOLV – ein neues Feld entsteht
Aus dieser Idee entstand an der Ruhr-Universität Bochum der Exzellenzcluster RESOLV, „Ruhr Explores Solvation“. Seit 2012 prägt Martina Havenith-Newen diesen Forschungsverbund als Initiatorin und Sprecherin. RESOLV brachte nicht nur Fördermittel und internationale Sichtbarkeit ins Ruhrgebiet, sondern half dabei, ein neues Forschungsfeld zu etablieren.

Der Cluster verbindet Chemie, Physik, Biologie und Ingenieurwissenschaften. Forschende untersuchen, wie Lösungsmittel chemische Prozesse beeinflussen, wie Wasser biologische Vorgänge steuert und wie man solche Prozesse mit modernen Laser- und Terahertz-Methoden sichtbar machen kann. Es geht darum, Vorgänge nicht nur makroskopisch zu beschreiben, sondern ihnen mikroskopisch zuzusehen – „möglichst live, möglichst präzise, möglichst nah am Molekül“, so Professor Dr. Martina Havenith-Newen.
Damit wurde aus einer Idee im Zug ein wissenschaftliches Großprojekt. Und aus der Forscherin Martina Havenith-Newen wurde zunehmend auch eine Forschungsmanagerin, Strukturentwicklerin und Ermöglicherin. Sie gehört zu jenen Persönlichkeiten, die nicht nur selbst forschen, sondern Bedingungen schaffen, unter denen andere exzellent forschen können.
Im Podcast spricht sie über diese Verantwortung mit großer Klarheit. Ein Cluster bekomme nur dann Geld, wenn Gutachter sicher seien, dass er keine bloße „Beutegemeinschaft“ sei. Es gehe nicht darum, Fördermittel einzusammeln und nebeneinanderher zu arbeiten. Es gehe darum, ein Team zu formen, das mehr als die Summe seiner Teile ist.

Besonders deutlich wird das in der Nachwuchsförderung. Doktorandinnen und Doktoranden erhalten Möglichkeiten zu Auslandsaufenthalten, Konferenzen, Summer Schools und zusätzlichem Coaching. Junge Forschende sollen nicht allein gelassen werden, sondern Räume bekommen.
Auch für Wissenschaftlerinnen hat Havenith-Newen konkrete Strukturen geschaffen. Schwangere Doktorandinnen, Postdocs oder junge Professorinnen sollen nicht aus dem Labor gedrängt werden oder ihre Projekte verlieren, sondern Unterstützung erhalten. Wer Verantwortung trägt, soll Strukturen so bauen, dass Menschen wachsen können.
Das ist vielleicht eine der stärksten Linien in ihrem Lebensweg: Sie hat selbst erlebt, dass andere ihr Türen öffneten. Daraus wurde bei ihr keine bequeme Dankbarkeit, sondern ein Auftrag. Sie sagt sinngemäß: Vor hundert Jahren hätte eine Frau wie sie noch gar nicht studieren dürfen. Also müsse man heute neue Strukturen schaffen.

Die Eifel im Gepäck
Ihre Karriere führte Martina Havenith-Newen von Mechernich nach Bonn, Berkeley, Nijmegen, Oxford, Illinois, Yale, Zürich und Bochum. Sie wurde Mitglied bedeutender wissenschaftlicher Akademien, erhielt renommierte Auszeichnungen, darunter den Bennigsen-Foerder-Preis, einen ERC Advanced Grant, die Mitgliedschaft in der Deutschen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und der Academia Europaea, das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst sowie die Ehrenplakette der Stadt Bochum. 2023 wurde sie als erste Preisträgerin mit dem Business Award Ruhr ausgezeichnet.
Doch der Ursprung dieser Laufbahn bleibt erzählbar. Und er liegt nicht in einer abstrakten Begabung, sondern in einem sehr konkreten Lebensraum: Mechernich, Breitenbenden, die Buchhandlung Abel, der Garten hinter dem Haus, der freie Blick in den Sternenhimmel. Martina Havenith-Newen ist keine Prominente im lauten Sinne. Sie ist keine Bühnenfigur, kein Fernsehgesicht, kein Mensch der Schlagzeilen. Ihre Öffentlichkeit ist die der Wissenschaft: Konferenzen, Labore, Forschungsbauten, Gremien, Exzellenzcluster. Und doch ist ihre Geschichte von großer erzählerischer Kraft.

Sie zeigt, was entstehen kann, wenn ein Kind Fragen stellt und Bücher findet. Wenn Begabung auf Förderung trifft. Martina Havenith-Newen ist ihren Träumen gefolgt, wie sie selbst sagt. Heute sieht sie mit Freude, dass ihre beiden Töchter dies ebenfalls tun. Vielleicht ist das die Quintessenz ihrer Geschichte: Wissenschaft als Weitergabe von Mut.
pp/Agentur ProfiPress
10/16/2026

