Wonach suchen Sie

Manfred Lang

09/21/2026

Als Ochsen noch PS machten

„Nach der Ernte“ im LVR-Freilichtmuseum Kommern ließ eine vergangene Arbeitswelt wieder lebendig werden – Zugtiere, alte Traktoren, Dreschflegel, Handwerk und Bauernmarkt lockten Familien aus dem ganzen Rheinland und den benachbarten Ländern

„Nach der Ernte“ im LVR-Freilichtmuseum Kommern ließ eine vergangene Arbeitswelt wieder lebendig werden – Zugtiere, alte Traktoren, Dreschflegel, Handwerk und Bauernmarkt lockten Familien aus dem ganzen Rheinland und den benachbarten Ländern

Mechernich-Kommern – Zwei mächtige Ochsen stehen eingespannt vor dem Pflug. Gemächlich, aber mit einer Kraft, die keine Motorhaube braucht. Kinder hängen am Holzzaun, Erwachsene zücken die Handys. Ein paar hundert Meter weiter knattert alte Landtechnik, an anderer Stelle schwingen ein Dreschflegel im Takt auf die Getreidegarben nieder, und aus einer historischen Bauernküche zieht der Duft von eingekochtem Zuckerrübensirup hinaus in den Hof.

Publikumsmagnet auf vier Beinen: Das Ochsengespann zog beim „Tag nach der Ernte“ im LVR-Freilichtmuseum Kommern zahlreiche große und kleine Zuschauer an. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Publikumsmagnet auf vier Beinen: Das Ochsengespann zog beim „Tag nach der Ernte“ im LVR-Freilichtmuseum Kommern zahlreiche große und kleine Zuschauer an. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

So muss man sich in geballter Form das Dorfleben nach dem Einfahren der Heu- und Getreideernte im frühen Herbst vorstellen, wie es Jahr für Jahr am dritten Wochenende im September im Rheinischen Freilichtmuseum Kommern unter dem Titel „Nach der Ernte“ vor Tausenden Besuchern zelebriert wird.

Ein Bild wie aus vergangenen Tagen: Schwere Pferde ziehen einen hoch mit Garben beladenen Erntewagen durch die historische Museumslandschaft. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Ein Bild wie aus vergangenen Tagen: Schwere Pferde ziehen einen hoch mit Garben beladenen Erntewagen durch die historische Museumslandschaft. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Die ganz großen Publikumswellen früherer Jahre mögen etwas abgeebbt sein. Doch von Bedeutungsverlust kann bei der traditionsreichen Veranstaltung auf dem Kahlenbusch noch keine Rede sein. Noch immer kommen die Menschen aus dem ganzen Rheinland, aus Belgien, den Niederlanden und Luxemburg, um zu erleben, wie Landwirtschaft funktionierte, bevor GPS im Traktorcockpit, Hydraulik vorn und hinten und computergesteuerte Großmaschinen auf die Äcker kamen.

Vom Korn zur Spreu: Mit Dreschflegeln wurde das Getreide aus den Ähren geschlagen, anschließend half die Windfege beim Reinigen des Korns. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Vom Korn zur Spreu: Mit Dreschflegeln wurde das Getreide aus den Ähren geschlagen, anschließend half die Windfege beim Reinigen des Korns. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Und das Entscheidende dabei: Im Freilichtmuseum steht das alte Gerät nicht bloß sauber geputzt hinter Absperrkordeln. Es arbeitet, das heißt es wird gearbeitet, und zwar von Menschen und Tieren in einer Weise, wie sie seit der Jungzeitzeit bis ins frühe 20. Jahrhundert gang und gäbe war und funktionierte.

Mit Kennerblick statt GPS

Pferde und Ochsen ziehen Pflug und Egge über den Boden, schwere Kaltblüter bewegen Erntewagen, Esel tragen ihre Lasten durch die Dörfer. Von kundigen „Fuhrleuten“ mit Augenmaß und Kennerblick gelenkte Tiere, selbst Kühe, demonstrieren jene Zugkraft, auf die Landwirtschaft und Forstwirtschaft über Jahrhunderte angewiesen waren. Dass Arbeitspferde beim Holzrücken mancherorts sogar eine kleine Renaissance erleben, hat handfeste Gründe: Wo schwere Maschinen den Waldboden verdichten, bewegt sich ein Pferd vergleichsweise schonend durch den Bestand.

Vom Zugtier zur Motorkraft: Historische Traktoren aus mehreren Jahrzehnten veranschaulichten den technischen Umbruch in der Landwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Vom Zugtier zur Motorkraft: Historische Traktoren aus mehreren Jahrzehnten veranschaulichten den technischen Umbruch in der Landwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Das Museum hatte für den 19. und 20. September schwere Kaltblüter unter anderem aus dem Rheinland und Westfalen sowie aus Belgien und Luxemburg angekündigt. Auf dem Programm standen Pflügen, Eggen, Holzrücken und der Transport von Getreidewagen – Arbeiten also, die einst zum selbstverständlichen Jahreslauf eines Bauernhofes gehörten.

Alte Technik in Aktion: Auch ein historisches mobiles Sägewerk wurde beim „Tag nach der Ernte“ vorgeführt und demonstrierte frühere Formen der Holzverarbeitung. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Alte Technik in Aktion: Auch ein historisches mobiles Sägewerk wurde beim „Tag nach der Ernte“ vorgeführt und demonstrierte frühere Formen der Holzverarbeitung. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Auch Esel, Kühe und andere Nutztiere gehörten zum lebendigen Museumsbild. Und wer durch einen alten Stall in den Hof hinaussah, konnte für einen Augenblick tatsächlich vergessen, dass draußen das 21. Jahrhundert wartete.

Wie man früher für den Winter vorsorgte, zeigten die Hauswirtschafterinnen Brigitte Richartz und Ursula Opielka in einer historischen Küche am Niederrhein: Obst wurde verarbeitet, Zuckerrübensirup eingekocht und haltbar gemacht. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Wie man früher für den Winter vorsorgte, zeigten die Hauswirtschafterinnen Brigitte Richartz und Ursula Opielka in einer historischen Küche am Niederrhein: Obst wurde verarbeitet, Zuckerrübensirup eingekocht und haltbar gemacht. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Der Reiz liegt gerade im Nebeneinander der Epochen. Denn wenige Schritte von den Zugtieren entfernt standen ihre späteren Konkurrenten in Reih und Glied: Hanomag, Deutz und andere Ackerschlepper aus den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren. Beim Trecker-Corso wurden die Veteranen nicht nur ausgestellt, sondern durch das Museum bewegt und fachkundig erläutert. Der offizielle Ablauf sah neben einem Korso von Mensch und Tier auch einen Geschicklichkeitswettbewerb der Kaltblutpferde und den Traktoren-Korso vor.

Pflügen wie zu Großvaters Zeiten: Zwei kräftige Ochsen zeigen, wie schwere Feldarbeit lange vor der Motorisierung der Landwirtschaft bewältigt wurde, im Hintergrund ein Kaltblutpferdegespann. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Pflügen wie zu Großvaters Zeiten: Zwei kräftige Ochsen zeigen, wie schwere Feldarbeit lange vor der Motorisierung der Landwirtschaft bewältigt wurde, im Hintergrund ein Kaltblutpferdegespann. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Damit erzählte „Nach der Ernte“ zugleich von einem gewaltigen Umbruch. Innerhalb weniger Jahrzehnte verschwanden viele Zugtiere aus der Landwirtschaft, Maschinen übernahmen ihre Arbeit, Höfe wurden größer und immer weniger Menschen bewirtschafteten immer größere Flächen.

„Der Ernte sei Dank“: Eine Informationstafel erinnerte an die religiöse und weltliche Bedeutung von Ernte und Erntedank in der bäuerlichen Gesellschaft. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
„Der Ernte sei Dank“: Eine Informationstafel erinnerte an die religiöse und weltliche Bedeutung von Ernte und Erntedank in der bäuerlichen Gesellschaft. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Der langjährige Museumslandwirt Karl-Heinz Hucklenbroich brachte diesen Wandel auf eine eindrucksvolle Größenordnung: Ein Hof von 100 Hektar sei früher von etwa 30 Menschen bewirtschaftet worden; heute kämen auf 300 Hektar häufig gerade einmal zwei Arbeitskräfte.

Vom Dreschflegel zum Bulldog

Doch Ernte bedeutete früher keineswegs Feierabend, sobald das Getreide vom Feld war. Im Gegenteil: Jetzt musste das Eingebrachte gedroschen, gereinigt, verarbeitet, konserviert und winterfest gemacht werden.

Arbeitspause am historischen Stall: Schwere Kaltblüter gehörten einst zu den wichtigsten Helfern auf den Bauernhöfen und im Wald. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Arbeitspause am historischen Stall: Schwere Kaltblüter gehörten einst zu den wichtigsten Helfern auf den Bauernhöfen und im Wald. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

In der Baugruppe Eifel droschen Mitarbeiter und Helfer mit dem Flegel. Danach half die Windfege, Korn von Spreu und anderen leichten Bestandteilen zu trennen. An anderer Stelle arbeitete ein historischer Dreschkasten, über breite Treibriemen von einer Kraftquelle angetrieben. Die Museumshauswirtschafterinnen Brigitte Richartz und Ursula Opielka demonstrierten in der Baugruppe Niederrhein, wie Obst eingemacht und Zuckerrübensirup eingedickt wird.

Gläser, Topf, Schöpfkelle und Einmachgläser: Vorratshaltung war früher keine Liebhaberei, sondern eine wichtige Voraussetzung, um gut durch den Winter zu kommen. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Gläser, Topf, Schöpfkelle und Einmachgläser: Vorratshaltung war früher keine Liebhaberei, sondern eine wichtige Voraussetzung, um gut durch den Winter zu kommen. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

An Marktständen wurden Handarbeiten, Imkereiprodukte, selbstgeräucherte Würste und Schinken angeboten, zahlreiche Imbissmöglichkeiten sorgten dafür, dass niemand hungern musste – unter anderem mit den traditionellen fettgebackenen Apfelpfannkuchen.

Auch Esel waren beim „Tag nach der Ernte“ unterwegs und gehörten besonders für Familien mit Kindern zu den beliebten tierischen Attraktionen. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Auch Esel waren beim „Tag nach der Ernte“ unterwegs und gehörten besonders für Familien mit Kindern zu den beliebten tierischen Attraktionen. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Vorwitziger Blick über den Zaun: Auch die Nutztiere der historischen Höfe tragen zum besonderen Charme des LVR-Freilichtmuseums Kommern bei. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Vorwitziger Blick über den Zaun: Auch die Nutztiere der historischen Höfe tragen zum besonderen Charme des LVR-Freilichtmuseums Kommern bei. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Altes Handwerk zum Zuschauen: Korbflechter zeigten, wie aus Weidenruten mit Geschick und Erfahrung haltbare Gebrauchsgegenstände entstehen. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Altes Handwerk zum Zuschauen: Korbflechter zeigten, wie aus Weidenruten mit Geschick und Erfahrung haltbare Gebrauchsgegenstände entstehen. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Handgemachtes statt Massenware: Auf dem Markt boten Aussteller vielerlei kunsthandwerkliche und selbst gefertigte Waren an. Auch für Essen und Trinken war reichlich gesorgt. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Handgemachtes statt Massenware: Auf dem Markt boten Aussteller vielerlei kunsthandwerkliche und selbst gefertigte Waren an. Auch für Essen und Trinken war reichlich gesorgt. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Bummeln, probieren und einkaufen: Der Markt mit regionalen Produkten, Handarbeiten und kulinarischen Angeboten war auch diesmal ein wichtiger Bestandteil des „Tags nach der Ernte“ im Rheinischen Freilichtmuseum. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Bummeln, probieren und einkaufen: Der Markt mit regionalen Produkten, Handarbeiten und kulinarischen Angeboten war auch diesmal ein wichtiger Bestandteil des „Tags nach der Ernte“ im Rheinischen Freilichtmuseum. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

pp/Agentur ProfiPress