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Manfred Lang

08/07/2026

Gedächtnis eines Dorfes kehrt heim

Brigitte und Jacques Pützer, Konrad Beul und Hans-Josef Breuer vom Bergbuirer Vereinsbund „De Hommele“ (v.l.) mit historischen Unterlagen aus dem Nachlass des Bergbuirer Dorfchronisten Wilhelm Schmitz alias „Klöre Tünn“. Zwei handgeschriebene Bände zur Ortsgeschichte und Mundart Bergbuirs kehren nun in den Geburtsort von Schmitz zurück. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Vereinsbund „De Hommele“ in Bergbuir (Stadt Mechernich) bereitet 100-jähriges Bestehen vor – Im Haus des Hellenthaler Regionalhistorikers Jacques Pützer finden Konrad Beul und Hans-Josef Breuer verlorene Spuren ihrer eigenen Dorfgeschichte wieder

Mechernich-Bergbuir/Hellenthal - Wer das Wohnhaus von Brigitte und Jacques Pützer auf der Schanz im Hellenthaler Neubaugebiet hoch über der Olef betritt, glaubt zunächst, sich in einem gewöhnlichen Einfamilienhaus der siebziger Jahre zu befinden. Doch schon wenige Schritte hinter der Haustür beginnt eine Zeitreise.

Gemälde, historische Karten und Grafiken schmücken die Wände. Bücherregale reichen bis unter die Decke. In ihnen stehen Chroniken, Familienbücher, Firmen- und Ortsgeschichte dicht an dicht. Dazwischen stapeln sich säuberlich beschriftete Archivkästen, Mappen und Aktenordner. Auf Tischen liegen Pergamenturkunden, vergilbte Briefe und Dokumente, deren Geschichte bis ins Mittelalter zurückreicht.

Es ist kein Museum. Es ist auch kein Archiv im klassischen Sinn. Es ist das begehbare Gedächtnis einer ganzen Region, besonders des Schleidener Tales. Einen Teil seiner Schätze hat Jacques Pützer bereits als Dauerleihgabe an Bürgermeister Ingo Pfennings und Stadtarchivarin Nicole Gutmann von Schleiden übergeben. Jetzt trug der Sammler und Heimatforscher mit dazu bei, mit Bergbuir einem Dorf einen bedeutenden Teil seines geschichtlichen Gedächtnisses zurückzugeben.     

Jacques Pützer, dessen familiäre Wurzeln in die Eifel, nach Belgien und in die Niederlande reichen, ist kein Liebhaber von Antiquitäten im klassischen Sinne. Er sammelt Zusammenhänge. Seit Jahrzehnten trägt der Hellenthaler Spuren der Vergangenheit zusammen, ordnet sie, verknüpft sie miteinander und macht aus zahllosen Fragmenten wieder Geschichte. Dabei arbeitet er eng mit offiziellen Stellen und mit dem Geschichtsforum Schleiden e.V. zusammen.

Brigitte und Jacques Pützer, Konrad Beul und Hans-Josef Breuer vom Bergbuirer Vereinsbund „De Hommele“ (v.l.) mit historischen Unterlagen aus dem Nachlass des Bergbuirer Dorfchronisten Wilhelm Schmitz alias „Klöre Tünn“. Zwei handgeschriebene Bände zur Ortsgeschichte und Mundart Bergbuirs kehren nun in den Geburtsort von Schmitz zurück. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Brigitte und Jacques Pützer, Konrad Beul und Hans-Josef Breuer vom Bergbuirer Vereinsbund „De Hommele“ (v.l.) mit historischen Unterlagen aus dem Nachlass des Bergbuirer Dorfchronisten Wilhelm Schmitz alias „Klöre Tünn“. Zwei handgeschriebene Bände zur Ortsgeschichte und Mundart Bergbuirs kehren nun in den Geburtsort von Schmitz zurück. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Panzermine als Wärmflasche

Pützer öffnet Schranktüren, zieht Schubladen auf und greift scheinbar beiläufig nach den Dingen. Doch beiläufig ist nichts in seiner wohlgeordneten historischen Sammlung. Fast jedes Stück erzählt eine Geschichte. Eine zur Wärmflasche umfunktionierte Panzermine aus dem Zweiten Weltkrieg liegt neben „Schlotterfässern“ aus der Landwirtschaft, einem Volksempfänger und Nachkriegsradioapparaten.

Daneben hängen Einberufungsbescheide, Militärpapiere, Ordensurkunden und Erinnerungsfotografien. Schmuckstücke aus keltischer Zeit, steinzeitliche Faustkeile, römische Öllampen, römische Dachziegel und altes Werkzeug berichten aus Jahrtausenden menschlicher Besiedlung.

Patronenhülsen und Waffenteile erinnern an die Schrecken der Kriege, alte Tonflaschen an das Heilstein-Wasser aus den Hängen oberhalb von Einruhr, dessen wundertätige Wirkung in früheren Zeiten gepriesen wurde. Es ist eine Sammlung, die sich jeder Systematik zu entziehen scheint – bis Jacques Pützer zu erzählen beginnt. Dann wird aus jedem einzelnen Gegenstand ein Kapitel sorgfältig recherchierter Eifeler Regionalgeschichte.

An diesem Nachmittag empfängt er besonderen Besuch. Konrad Beul und Hans-Josef Breuer vom Bergbuirer Vereinsbund „De Hommele“ sind gemeinsam mit dem Lokaljournalisten und Autor Manfred Lang nach Hellenthal gekommen. Vermittelt wurde die Begegnung durch Langs früheren Stadt-Anzeiger-Redakteurskollegen, den Regionalhistoriker Franz-Albert Heinen.

Schon nach wenigen Minuten ist klar, dass es an diesem Tisch nicht um einen gewöhnlichen Archivankauf geht. Es geht um die Erinnerung eines ganzen Dorfes. Der Vereinsbund „De Hommele“, der im Jahr 2029 sein 100-jähriges Bestehen feiern will, bereitet bereits heute ein Jubiläumsprogramm vor, das sich über das gesamte Festjahr erstrecken soll. Ein fünfköpfiges Organisationsteam arbeitet daran.

Dass sich dabei auch die Geschichte des Dorfes in besonderer Weise wiederfinden soll, versteht sich fast von selbst. Schließlich ist Bergbuir seit jeher ein besonderer Ort im Stadtgebiet Mechernich, unmittelbar an der Grenze zu den Nachbarstädten Heimbach (Kreis Düren) und Schleiden.

Jacques Pützer, Konrad Beul und Hans-Josef Breuer (v.l.) beugen sich über die Ahnentafel derer von Harff (Burg Dreiborn). Das Dokument stammt aus dem Nachlass von Wilhelm Schmitz und wurde von Jacques Pützer als Dauerleihgabe an das Stadtarchiv Schleiden weitervermittelt. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Jacques Pützer, Konrad Beul und Hans-Josef Breuer (v.l.) beugen sich über die Ahnentafel derer von Harff (Burg Dreiborn). Das Dokument stammt aus dem Nachlass von Wilhelm Schmitz und wurde von Jacques Pützer als Dauerleihgabe an das Stadtarchiv Schleiden weitervermittelt. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

„Vereinsbund ist wie die SED“

Während andere Dörfer zahlreiche eigenständige Vereine besitzen, bündelt Bergbuir seit 1929 nahezu das gesamte kulturelle und gesellschaftliche Leben unter einem Dach. Brauchtum, Theater, Tambourcorps, Karneval, Tischtennis, Junggesellen und weitere Gruppen gehören demselben Vereinsbund an.

Der frühere Vorsitzende Konrad Beul verglich diese außergewöhnliche Organisationsform einmal augenzwinkernd mit der Sozialistischen Einheitspartei (SED) der DDR – allerdings ausschließlich im organisatorischen Sinne: ein Verein, viele Abteilungen. Hinter dem Scherz steckt bis heute ein außergewöhnliches Gemeinschaftsgefühl. „Außerdem machen wir uns auf diese Art nicht gegenseitig Mitglieder abspenstig. Jeder kann in der Abteilung und an dem Projekt mitwirken, das ihm zusagt“, bekräftigten Beul, der heute Chef der Theaterabteilung ist, und Vereinsbund-Hauptkassierer Hans-Josef Breuer bei ihrem Besuch in Hellenthal.     

Seit vielen Jahren beschäftigt die Bergbuirer nebenbei noch ein anderes Thema: Wo ist das Archiv ihres Dorfchronisten geblieben? Wilhelm Schmitz, der im Ort auch lange nach seinem Fortzug und Tod noch immer unter seinem Hausnamen „Klöre Dünn“ bekannt ist, hatte nach dem Zweiten Weltkrieg mit großer Leidenschaft Fotos gesammelt, Familiengeschichten aufgezeichnet, die Entwicklung seines Heimatortes dokumentiert und sogar die Bergbuirer Mundart in handgeschriebenen Büchern festgehalten. Nach seinem Tod verlor sich die Spur eines großen Teils seines Archivs.

Lediglich ein Band blieb im Besitz der Brauchtumsabteilung des Vereinsbundes. Marion Breuer bewahrt ihn bis heute sorgfältig auf. Die übrigen Unterlagen galten lange Zeit als verschollen. Ihre Spur verlor sich, obwohl der Sammler und Lokalhistoriker Klaus-Peter Hoß aus Bleibuir mit Wilhelm Schmitz lange Zeit in Kontakt gestanden hatte, als dieser verstarb.

Tatsächlich hatten seine Aufzeichnungen und Dokumente längst einen neuen Hüter gefunden. Über die persönliche Bekanntschaft mit der Lebensgefährtin von Wilhelm Schmitz gelangte der Nachlass in die Hände von Jacques Pützer. Der erkannte den historischen Wert der Sammlung sofort, ergänzte sie durch eigene Forschungen und bewahrte sie über Jahre hinweg in seinem privaten Geschichtsarchiv auf. Über seine umfangreichen Sammlungen berichtete auch die Stadt Schleiden unter der Überschrift „Ein Schatz aus Pergament und Tinte“.

Historische Karten, Urkunden, Alltagsgegenstände, Bergbau- und Kriegserinnerungen: Die Sammlung von Jacques Pützer ist kein Museum im klassischen Sinn, sondern ein begehbares Gedächtnis der Region. Foto: Privat/pp/Agentur ProfiPress
Historische Karten, Urkunden, Alltagsgegenstände, Bergbau- und Kriegserinnerungen: Die Sammlung von Jacques Pützer ist kein Museum im klassischen Sinn, sondern ein begehbares Gedächtnis der Region. Foto: Privat/pp/Agentur ProfiPress

Nun schließen sich die Kreise

Während Pützer Band für Band aus dem Regal nimmt, hören seine Gäste aufmerksam zu. Immer neue Geschichten kommen ans Licht. Da ist die Liste jener fünfzehn Bergbuirer Männer, die mit Napoleons Armeen in den Krieg zogen und nie wieder in ihre Heimat zurückkehrten.

Da sind Hinweise auf alte Hofstellen, auf verschwundene Flurnamen, auf Familien, deren Namen bis heute das Dorf prägen. Immer wieder entstehen Gespräche, werden Erinnerungen ausgetauscht, ergänzen sich die Kenntnisse des Historikers und der Bergbuirer Heimatfreunde. Konrad Beul entdeckt dabei sogar Spuren der eigenen Familiengeschichte – und das Bild eines seiner Vorfahren, Jahrgang 1810, in der Uniform der Straßburger Husaren, ebenfalls ein Stück aus dem Nachlass von Wilhelm Schmitz.

Die Besucher sind an diesem Nachmittag weniger Käufer als Zuhörer. Sie atmen Geschichte. Schließlich wechseln zwei reich bebilderte, von Wilhelm Schmitz handgeschriebene Bände über die Ortsgeschichte und die Bergbuirer Mundart den Besitzer. Es sind weit mehr als alte Bücher. Es sind Mosaiksteine der Identität eines Dorfes.

In seinem privaten Geschichtsarchiv auf der Schanz in Hellenthal hat Jacques Pützer zahllose Zeugnisse der Eifeler Alltags- und Regionalgeschichte zusammengetragen – von Hausrat und Werkzeugen über Keramik bis zu Gerätschaften aus Landwirtschaft, Handwerk und häuslichem Leben. Foto: Privat/pp/Agentur ProfiPress
In seinem privaten Geschichtsarchiv auf der Schanz in Hellenthal hat Jacques Pützer zahllose Zeugnisse der Eifeler Alltags- und Regionalgeschichte zusammengetragen – von Hausrat und Werkzeugen über Keramik bis zu Gerätschaften aus Landwirtschaft, Handwerk und häuslichem Leben. Foto: Privat/pp/Agentur ProfiPress

Alles digital für die Nachwelt

Mit der Übergabe verbindet Jacques Pützer allerdings einen Wunsch. Die Dokumente sollen nicht wieder in einer Schublade verschwinden. Sie sollen wissenschaftlich erschlossen, digitalisiert und möglichst allen Interessierten zugänglich gemacht werden – vor allem der jungen Generation. Hans-Josef Breuer sagt dies ohne Zögern zu: „Wir sind bereits dabei, alles, was wir besitzen, zu digitalisieren. Die Originale bleiben selbstverständlich geschützt, gearbeitet werden soll künftig mit digitalen Kopien.“

Auch künftig will Jacques Pützer den Vereinsbund begleiten und beraten. Gemeinsam sollen weitere Spuren der Dorfgeschichte zusammengetragen werden. Dabei geht es längst nicht mehr nur um das Jubiläum im Jahr 2029. Es geht darum, dass die Geschichte Bergbuirs weitererzählt wird.

Als sich die Haustür hinter den Gästen wieder schließt, tragen Konrad Beul und Hans-Josef Breuer nicht nur zwei kostbare Chronikbände von Wilhelm Schmitz nach Hause. Sie nehmen das beruhigende Gefühl mit, einen Mitstreiter für ihr Jubiläum und ihr Dorf gefunden zu haben. Und vielleicht noch etwas Wertvolleres: Das Gedächtnis ihres Dorfes ist wieder ein Stück vollständiger geworden.

pp/Agentur ProfiPress