Helene Kreuser gründete die Kreuserstiftung Mechernich mit ihrem Mann Carl, schoss immer wieder Geld nach, behielt aber auch das Sagen – Bei ihr regte sich im Angesicht von Industrialisierung und Ausbeutung das soziale Gewissen, bevor es Sozialgesetze in Preußen gab – Vorbildlicher als der Marxismus war am Mechernicher Bleiberg der „Katholische Bergmannsverein der Pfarre Mechernich unter dem Schutz des Heiligen Johannes des Täufers und der Heiligen Barbara“
Mechernich – Bei den Namen so genannter „großer“ Mechernicher der Vergangenheit überwiegen die Namen der Industrie- und Bergbaubarone, die in Erinnerung geblieben sind und nach denen in der Stadt Industrie-Schornsteine („Langer Emil“, „Kurzer Karl“), Waisenhäuser und Altenheime („Kreuser-Stift“) und ganze Straßenzüge („Emil-Kreuser-Straße“) benannt wurden.
Aber selbst bei den Frauen der Bergbaudynastie Kreuser blieb die Geschichtsschreibung ungerecht. Dabei haben Emmy und Julie Kreuser, aber auch die Communio-Ordensschwester Elisabeth Molinari, die von Kreusers abstammt, deutliche Spuren am Bleiberg hinterlassen, allen voran Helene Kreuser (1849–1914), von der in dieser Folge unserer Reihe „Ihre Wiege stand in Mechernich“ die Rede sein soll.

Großer Reichtum, tiefe Armut
Geboren am 9. Juli 1849 in Kommern, wuchs Helene Kreuser in einer Familie auf, die vom Bergbau profitierte und dessen Entwicklung maßgeblich mitprägte. Die Kreusers gehörten zu den treibenden Kräften hinter dem Mechernicher Bergwerks-Actien-Verein, der den Bleierzabbau industrialisierte und der Familie zu großem Reichtum und der Region zu raschem Wachstum verhalf.
Innerhalb weniger Jahrzehnte verwandelte sich Mechernich von einem Dorf mit knapp 400 Einwohnern in einen prosperierenden Industriestandort mit Tausenden Beschäftigten im Bergwerk und seinen Nebenbetrieben sowie über 4000 Einwohnern. Mechernich war die „Boomtown“ der Eifel, doch der Fortschritt hatte seinen Preis.
„Die Bevölkerung wuchs schneller, als Wohnraum, Infrastruktur und soziale Sicherung zur Verfügung standen“, schreibt Dr. Gabriele Rünger, die Herausgeberin des Buches „Frauen – zwischen Fremd- und Selbstbestimmung“ in der Reihe „Geschichte im Kreis Euskirchen, Jg. 32“, im Jahre 2019 in einem Portrait über Helene Kreuser.
Armut, Krankheit und Invalidität waren allgegenwärtig – vor allem unter den Bergarbeitern und ihren Familien. Sozialgesetze sollte es erst nach der Reichsgründung 1871 unter Bismarck geben. Vorerst war es neben der am Marxismus orientierten Arbeiterbewegung unter anderem die katholische Kirche, die sich der vom nackten Elend bedrohten Arbeiterschaft annahm.
Den Anstoß kirchlichen Engagements hatte der Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1811-1877) gegeben. Noch im Jahr des Erscheinens von Kettelers richtungsweisender Schrift „Die Arbeiterfrage und das Christentum“ wurde am Bleiberg der „Katholische Bergmannsverein der Pfarre Mechernich unter dem Schutz des Heiligen Johannes des Täufers und der Heiligen Barbara“ gegründet.
Wöchentlich 1,50 Mark im Krankheitsfall und 16,50 Mark als Zuschuss zu den Beerdigungskosten zahlte dieser Katholische Bergmannsverein an seine Mitglieder oder deren Hinterbliebene. 1,50 Mark die Woche im Krankheitsfall, das war nicht viel, aber man konnte dafür drei achtpfündige Consum-Brote in der 1873 gegründeten bergwerkseigenen „Consum-Anstalt“ kaufen und damit selbst eine vielköpfige Familie notfalls vor dem Verhungern retten.

Raubbau an reichen Erzpartien
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war am Bleiberg nicht nur unter sozialen Gesichtspunkten von Ausbeutung geprägt. Ursache enormer Gewinne der Bergwerksbetreiber waren neben günstigen Bleipreisen vor allem ein maßloser Raubbau an reichen Erzpartien, wobei man die bleiärmeren Formationen einfach stehen ließ und eine vorsorgliche Aus- und Vorrichtung neuer Feldteile und Sohlen versäumte.
Auf dem Höhepunkt wurden täglich fast 40 000 Tonnen Glasurerze von einer Belegschaft von 4500 Mann erbeutet. Die Aktionäre des von den Gebrüdern Kreuser dominierten „Mechernicher Bergwerks-Actien-Vereins“ konnten sich die Hände reiben. Zwischen 1868 und 1891 zahlte die Aktiengesellschaft jährlich regelmäßig zwischen acht und 18 Prozent Dividende.
Erstaunlich ist, dass selbst die Unternehmergattin Helene Kreuser die Schattenseiten von Bergbau und Ausbeutung am Mechernicher Bleiberg in mehrfacher Hinsicht früh erkannte. „Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Bergwerksdirektor Carl Kreuser jr., entwickelte sie die Idee, eine Wohltätigkeitsanstalt zu gründen, die genau dort ansetzen wollte, wo staatliche Hilfe fehlte“, schreibt Dr. Gabriele Rünger.
Doch als das Projekt konkret wurde, war sie auf sich gestellt. Carl Kreuser starb im August 1884, ein Jahr vor der geplanten Eröffnung. „Was folgte, war alles andere als selbstverständlich für die damalige Zeit: Die 36-jährige Witwe übernahm die Verantwortung – und führte das Vorhaben konsequent zu Ende.“
Am 8. Oktober 1885 öffnete das Kreuserstift in der Weierstraße seine Tore. „Der neoromanische Bau mit seinen Nebengebäuden und weitläufigen Gartenanlagen war mehr als ein architektonisches Zeichen – er war Ausdruck eines neuen sozialen Denkens“, heißt es im von Gabriele Rünger herausgegebenen Buch „Frauen“.

Ein ganzes soziales System
Dort fanden Waisen ein Zuhause, alte und kranke Berginvaliden Pflege, Kinder Betreuung und Mädchen Ausbildung. Eine Krankenstation gehörte ebenso zum Konzept wie eine Suppenküche für Bedürftige. Rünger: „Was Helene Kreuser schuf, war kein einfaches Heim, sondern ein umfassendes Fürsorgesystem – lange bevor sich der Sozialstaat solcher Aufgaben annahm.“
Zwar übertrug Helne Kreuser Pflege und Hauswirtschaft Ordensschwestern der Franziskanerinnen aus Salzkotten, doch die Leitung behielt sie selbst in der Hand. Aufnahme und Entlassung der Bewohner erfolgten in Abstimmung mit ihr persönlich. Organisatorische Entscheidungen traf sie selbst. Eigene Räume im Kreuserstift, das später als Gebäude ein Teil des Kreiskrankenhauses Mechernich wurde und noch heute steht, sicherten ihre Präsenz vor Ort. Für Gabriele Rünger „ein klares Zeichen dafür, dass sie nicht nur als Stifterin“ erkannt werden wollte, sondern „als verantwortliche Gestalterin“.
Auch finanziell setzte Helene Kreuser Maßstäbe: „1897 wandelte sie die Einrichtung in eine Stiftung um und brachte gemeinsam mit ihrer Schwester ein Vermögen von bis zu 700.000 Goldmark ein – eine Summe, die die langfristige Existenz der Einrichtung sichern sollte. Zwar wurde formal ein Vorstand eingesetzt, doch Helene Kreuser stellte unmissverständlich klar, dass die eigentliche Verantwortung erst nach ihrem Tod übergehen solle. Bis dahin bestimmte sie selbst die Geschicke der Stiftung.“
Ihr Engagement fällt in eine Zeit, in der die soziale Absicherung noch in den Anfängen steckte. Die Stiftung Kreuser wurde so in Mechernich zu einem, wichtigen sozialen Baustein aus privater Verantwortung. Helene Kreuser handelte dabei weitsichtig, sie verband Fürsorge und Struktur, Hilfe und Organisation.
Das ist Pragmatismus und sie tat dies in einer „Epoche, in der Frauen nur selten öffentlich Verantwortung übernahmen“, konstatiert Gabriele Rünger: „Als Witwe eines Industriellen hätte sie sich ins Private zurückziehen können. Stattdessen entschied sie sich, das soziale Gewissen der Region mitzugestalten.“
Als sie 1914 in Bonn starb, hinterließ Helne Kreuser am heimatlichen Bleiberg mehr als ein Gebäude: „Sie hinterließ ein funktionierendes System der Hilfe, das über Jahrzehnte Bestand haben sollte. Das Kreuserstift wurde erweitert, angepasst, weitergeführt – und besteht bis heute in veränderter Form fort.“

Boom wie an Ruhr und Wupper
Eine andere journalistische Interpretation von Helenes Leben und Wirken beginnt mit den Worten: „In den Jahren zwischen 1843 und 1885 explodierten die Einwohnerzahlen in Mechernich, Roggendorf und Strempt. Hatte Mechernich im Jahr 1843 noch 630 Bewohner, so zählte man im Jahr der Gründung der »Stiftung Carl Kreuser jr.« (1885) 4042. Roggendorf wuchs von einem kleinen Dorf mit 170 Menschen zu einem Ort, in dem im absoluten Boomjahr der Bleibergwerke (1871) 932 Menschen wohnten, und im Dorf Strempt waren es im Jahr des Höchststandes 1283 Personen.
Eine ähnlich rasante Bevölkerungszunahme konnte man in diesem Zeitraum nur im Ruhrgebiet und im Tal der Wupper verzeichnen, alle drei Orte als Folge der Industriellen Revolution. Zu verdanken war der Boom in Mechernich der Bleierzgewinnung am Bleiberg. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entdeckte man, dass sich aus den im Bleibach abgesetzten Pochwerksabgängen hochwertiges Erz gewinnen ließ, das sogenannte „Wasch- oder Bacherz“.
Am Bleibach entlang entstanden fast 150 Waschmulden, an denen Blei ausgewaschen wurde. Mit dem Handel des Erzes verdiente der Großvater von Helene und Carl Kreuser neben der Landwirtschaft so viel Geld, dass er im Jahr 1850 Teilhaber und zwei Jahre später Eigentümer des von den Grafen zur Lippe gegründeten Meinertzhagenschen Bleibergwerks wurde.
Seine vier Söhne wurden Teilhaber der „Bergwerksgesellschaft von Meinertzhagen und Gebrüder Kreuser“, die dann ab 1861 zu einer Aktiengesellschaft, dem „Mechernicher Bergwerks-Actien-Verein“ wurde. Die vier Brüder revolutionierten den Bleierzabbau in Mechernich, indem sie den ersten Tagebau ins Leben riefen und so die Erzgewinnung in großem Maße steigerten.
Der Erzbau schuf etwa 3000 Arbeitsplätze in Mechernich und Umgebung. Doch die sozialen Einrichtungen hielten nicht Schritt. Infolgedessen waren die Wohnverhältnisse unerquicklich und konnten durch die Wohnungsbaumaßnahmen des Bergwerks kaum verbessert werden.
Carl Kreuser jr., der 1837 in Kommern geboren wurde, war nach absolviertem Studium der Rechte in Heidelberg, Berlin und Bonn sowie verschiedenen Tätigkeiten als Stellvertreter der Staatsanwaltschaft und Friedensrichter in Mechernich und als Appellationsgerichtsrat in Köln seit 1880 verheiratet mit seiner Cousine Anna Helene Kreuser.
Im Oktober 1885 wurde der Grundstein für die Stiftung gelegt. Das im neugotischen Stil errichtete Gebäude mit Nebengebäuden wurde nach den Plänen des Kölner Architekten Richard Abel erbaut. Die Stiftung war eine Verwahrschule, eine Bewahranstalt für ältere und kranke Arbeiter und Arbeiterinnen, eine Schule für Arbeitsscheue sowie eine Ausbildungsstätte für verwaiste Kinder. Bewahr-, Handarbeitsunterricht und Arbeitserziehung standen dabei im Mittelpunkt.
Die Stiftung entwickelte sich zu einem bedeutenden sozialen Werk. Helene Kreuser kümmerte sich persönlich um Verwaltung, Finanzen und den Ausbau der Einrichtung – bis zu ihrem Tod 1914 in Bonn. Immer wieder wurden Fehlbeträge aus dem Privatvermögen der Stifterin ausgeglichen. In Sitzungen des Kuratoriums wurde wiederholt festgestellt, dass Helene Kreuser erhebliche Mittel zuschoss, um den Betrieb der Stiftung aufrechtzuerhalten. Trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten blieb sie der Einrichtung eng verbunden.

Soziale Werke erinnern bis heute
Das sogenannte „Kreuserstift“ entwickelte sich zu einer zentralen sozialen Institution im Raum Mechernich. Dort wurden Waisen, alte und arbeitsunfähige Bergleute sowie hilfsbedürftige Frauen betreut. Gleichzeitig diente die Einrichtung der praktischen Ausbildung und Arbeitserziehung.
Die Stiftung verfügte über umfangreiche Satzungen. Aufgenommen werden konnten Kinder und Erwachsene aus den Familien der Beschäftigten des Mechernicher Bergwerks-Actien-Vereins. Die Versorgung umfasste Unterkunft, Verpflegung, Kleidung sowie schulische und handwerkliche Ausbildung.
Nach dem Tod ihres Mannes führte Helene Kreuser das Werk mit großem persönlichem Einsatz weiter. Sie setzte sich außerdem für kirchliche und soziale Projekte in Mechernich ein. So unterstützte sie unter anderem den Bau kirchlicher Einrichtungen und wohltätiger Projekte in Roggendorf und Umgebung.
Die soziale Bedeutung der Stiftung war enorm. Zu einer Zeit, in der staatliche Sozialversicherungen erst allmählich entstanden, übernahm die Stiftung Aufgaben, die später durch Kranken-, Invaliden- und Rentenversicherung geregelt wurden. Heute erinnert in Mechernich noch der Name „Kreuserstift“ an dieses außergewöhnliche soziale Engagement einer Unternehmerfamilie des 19. Jahrhunderts.
pp/Agentur ProfiPress
06/12/2026

