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Ronald Larmann

04/16/2026

Wohnen im Geschichtsbuch aus Stein

 

10 min read

Bauforschung entschlüsselt jahrhundertealte Spuren im Mauerwerk der Burg Kallmuth, während Bauherren, Architektin und städtische Denkmalpflege gemeinsam Lösungen für eine moderne Nutzung finden – Landeskonservatorin machte sich vor Ort ein Bild dieses außergewöhnlichen Projekts

Mechernich-Kallmuth – Eine Wand wie Knäckebrot: schmal, nachträglich eingesetzt, kaum mit dem übrigen Mauerwerk verzahnt und ohne richtiges Fundament. Was auf der Denkmalbaustelle der Burg Kallmuth augenzwinkernd so genannt wird, wie die schwedische Brotspezialität, ist in Wahrheit ein überaus spannender Befund der Sanierung des mittelalterlichen Burgturms. Dr. Kristin Dohmen von der Abteilung Bauforschung des LVR-Amtes für Denkmalpflege im Rheinland (LVR-ADR) gerät regelrecht ins Schwärmen, wenn sie von dem Projekt spricht.

Ein Geschichtsbuch aus Stein wird lesbar: Dr. Kristin Dohmen (r.) zeigt mit Hilfe des Tablets die bauhistorischen Spuren der Burg Kallmuth. Landeskonservatorin Dr. Andrea Pufke und Bürgermeister Michael Fingel hören aufmerksam zu. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress
Ein Geschichtsbuch aus Stein wird lesbar: Dr. Kristin Dohmen (r.) zeigt mit Hilfe des Tablets die bauhistorischen Spuren der Burg Kallmuth. Landeskonservatorin Dr. Andrea Pufke und Bürgermeister Michael Fingel hören aufmerksam zu. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress

Wie komplex diese Mauer ist, zeigt sie bei einem Ortstermin auf ihrem Tablet: Die Markierungen in einer Fotografie der Wand zeichnen ehemalige Tür- und Torbögen nach, kleine Öffnungen verraten, wo einst Balken verankert waren, und unterschiedliche Steinformate erzählen von mehreren Bauphasen. Schnell wird klar: Die Wand ist ein statisches Bauteil mit ganz vielen Herausforderungen für die heutige Sanierung und sie ist zugleich ein Geschichtsbuch aus Stein.

Bauherr Peter Ratz (v.l.) im Gespräch mit Architektin Margret Riggert und Landeskonservatorin Dr. Andrea Pufke über die Pläne für das alte Gemäuer. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress
Bauherr Peter Ratz (v.l.) im Gespräch mit Architektin Margret Riggert und Landeskonservatorin Dr. Andrea Pufke über die Pläne für das alte Gemäuer. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress

Davon überzeugte sich jetzt auch die Landeskonservatorin und Leiterin des LVR-ADR, Dr. Andrea Pufke, die sich einmal im Monat bewusst Zeit nimmt, um die von ihrem Team betreuten Projekte vor Ort zu besuchen. Mit dabei waren auch Mechernichs Bürgermeister Michael Fingel, Bauherr Peter Ratz, Architektin Margret Riggert sowie Janine Deinzer von der Unteren Denkmalbehörde der Stadt.

Im Fokus steht die Revitalisierung eines mittelalterlichen Turmes, der lange ungenutzt war und nun wissenschaftlich untersucht, denkmalgerecht ertüchtigt und für eine Wohnnutzung vorbereitet wird. Was heute wie eine ambitionierte Baustelle wirkt, ist aus Sicht der Fachleute ein echter Glücksfall.

Das war der Zustand vor der Sanierung: Das Gebäude der Burg Kallmuth grenzt direkt an die Kirche an und wird aktuell aus dem Dornröschenschlaf geweckt. Foto: Team Bauforschung, LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland/pp/Agentur ProfiPress
Das war der Zustand vor der Sanierung: Das Gebäude der Burg Kallmuth grenzt direkt an die Kirche an und wird aktuell aus dem Dornröschenschlaf geweckt. Foto: Team Bauforschung, LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland/pp/Agentur ProfiPress

Eine beeindruckende Zeitkapsel

Dr. Kristin Dohmen sprach von einer „Zeitkapsel“: „Wir haben hier Geschichtsspuren vom 13. Jahrhundert bis 1525.“ Das Besondere sei, dass die Baugeschichte an diesem Punkt praktisch aufhöre. Während andernorts immer weiter umgebaut worden sei, habe sich hier ein außergewöhnlich frühes bauliches Zeugnis nahezu unberührt erhalten. „Diese Geschichtsspuren stecken in den Steinen, in der Bausubstanz“, so Dohmen.

Gute Laune auf dem Gerüst: Denkmalschützerin Janine Deinzer (v.l.), Bauherr Peter Ratz und Landeskonservatorin Dr. Andrea Pufke begutachten den Ringanker, der für den Ausbau des Turms benötigt wird. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress
Gute Laune auf dem Gerüst: Denkmalschützerin Janine Deinzer (v.l.), Bauherr Peter Ratz und Landeskonservatorin Dr. Andrea Pufke begutachten den Ringanker, der für den Ausbau des Turms benötigt wird. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress

Gerade weil Schrift- und Bildquellen nur begrenzt Auskunft geben, kommt der bauhistorischen Forschung eine Schlüsselrolle zu. Aus dem Mauerwerk lesen die Fachleute unterschiedliche Bauphasen ab, rekonstruieren frühere Raumwirkungen und schaffen so die Grundlage für die heutige Planung. So wurde etwa nachgewiesen, dass sich im Eingangsbereich einst eine repräsentative Gewölbehalle befand. Wer das Burghaus betrat, stand demnach nicht einfach in einem Zweckbau, sondern in einem architektonisch anspruchsvoll gestalteten Raum.

Der Hallencharakter lässt sich hier erahnen. Links oben ist zu sehen, wie sich die „Knäckebrotwand“ ordentlich zur Seite neigt. Foto: Team Bauforschung, LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland/pp/Agentur ProfiPress
Der Hallencharakter lässt sich hier erahnen. Links oben ist zu sehen, wie sich die „Knäckebrotwand“ ordentlich zur Seite neigt. Foto: Team Bauforschung, LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland/pp/Agentur ProfiPress

Solche Erkenntnisse sind keine Nebensache, sondern entscheidend für die Sanierung. Denn nur wer die Baugeschichte versteht, kann gute Entscheidungen für die Zukunft treffen: Wo können und dürfen neue Decken eingezogen werden? Welche Spuren sollen sichtbar bleiben? Was ist dem späteren Wohnen zumutbar und was muss aus konstruktiven Gründen verändert werden?

Janine Deinzer betonte, genau deshalb gebe es in Kallmuth ungewöhnlich viele und eng abgestimmte Ortstermine. Immer wieder seien neue Fragen aufgetaucht, neue Befunde sichtbar geworden und Lösungen gemeinsam entwickelt worden. Die Kommunikation zwischen Bauherrenschaft, Stadt, Planerin und LVR sei deshalb engmaschig und lösungsorientiert gewesen.

Beim Ortstermin in historischen Gemäuern waren dabei: Denkmalschützerin Janine Deinzer (v.l.), Bauherr Peter Ratz (v.l.), Landeskonservatorin Dr. Andrea Pufke, Architektin Margret Riggert, Bürgermeister Michael Fingel und Dr. Kristin Dohmen. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress
Beim Ortstermin in historischen Gemäuern waren dabei: Denkmalschützerin Janine Deinzer (v.l.), Bauherr Peter Ratz (v.l.), Landeskonservatorin Dr. Andrea Pufke, Architektin Margret Riggert, Bürgermeister Michael Fingel und Dr. Kristin Dohmen. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress

Auch Landeskonservatorin Dr. Andrea Pufke hob diese Zusammenarbeit ausdrücklich hervor: „Damit man da einfach gemeinsam gute Lösungen findet, ist das hier wirklich ein Glücksfall gewesen und auch absolut notwendig, richtig und gut.“ Nicht auf jeder Denkmalbaustelle sei eine so enge Begleitung nötig. „Aber bei so einem Gebäude, das dieses Alter aufweist und so komplex ist, war das genau der richtige Weg.“

Alte Mauern, neue Perspektiven

Bauherr Peter Ratz, der das Projekt gemeinsam mit seiner Frau Dr. Stephanie Zippel umsetzt, schilderte offen, wie anspruchsvoll die Sanierung ist. Was zunächst nach einem reizvollen Vorhaben mit historischer Kulisse aussah, entwickelte sich schnell zu einem komplexen Bauprojekt mit statischen, finanziellen und denkmalpflegerischen Herausforderungen. Umso wichtiger sei die Unterstützung durch die Beteiligten gewesen.

Am Modell zeigt Peter Ratz, was noch geplant ist. Die blauen Elemente sind die Aufbauten: ein Holzständerbauwerk mit Cortenstahl-Fassade und ein Wintergarten mit Fotovoltaik auf dem Dach. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress
Am Modell zeigt Peter Ratz, was noch geplant ist. Die blauen Elemente sind die Aufbauten: ein Holzständerbauwerk mit Cortenstahl-Fassade und ein Wintergarten mit Fotovoltaik auf dem Dach. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress

Ratz fand dafür deutliche Worte: „Die Stadt Mechernich und speziell die Denkmalpflege haben mich immer wieder ermutigt. Die haben mich teilweise angerufen, haben gesagt: ‚Herr Ratz, lassen Sie uns weitermachen’.“ Gerade in schwierigen Phasen sei spürbar gewesen, dass hier eben nicht abgeblockt, sondern mit an praktikablen Lösungen gearbeitet werde.

Auch Bürgermeister Michael Fingel nahm diesen Gedanken beim Ortstermin auf. Ihn faszinierte vor allem, dass aus einer oft als schwierig empfundenen Materie etwas Positives entstehen könne. Er dankte ausdrücklich seinem Team im Rathaus: „Ich höre häufiger, dass wir in Mechernich eher lösungsorientiert unterwegs sind und das freut mich natürlich auch zu hören.“ Genau so solle die Verwaltung wahrgenommen werden: „Dass wir versuchen, Lösungen zu finden und keine Probleme zu schaffen.“

Dieses runde Profil am Eingang zum Turm erinnert an die romanischen Kirchen in Köln. Für Dr. Kristin Dohmen eine der vielen Besonderheiten dieses steinernen Kallmuther Geschichtsbuchs. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress
Dieses runde Profil am Eingang zum Turm erinnert an die romanischen Kirchen in Köln. Für Dr. Kristin Dohmen eine der vielen Besonderheiten dieses steinernen Kallmuther Geschichtsbuchs. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress

Denkmal und Moderne im Einklang

Am Ende soll im Turm kein musealer Schauraum entstehen, sondern ein außergewöhnlicher Wohnort. Geplant ist eine Mietwohnung mit ganz eigener Atmosphäre in historischem Gemäuer, aber mit moderner Technik. Vorgesehen sind unter anderem Fußbodenheizung, Wärmepumpe und Photovoltaik. Das Projekt zeigt damit auch beispielhaft, dass energetische Ertüchtigung und Denkmalschutz kein Widerspruch sein müssen.

„Es geht“, machte Janine Deinzer deutlich. Man müsse die bauphysikalischen Prinzipien verstehen und beachten, dann lasse sich auch ein Denkmal zeitgemäß weiterentwickeln. Die Innendämmung, moderne Haustechnik und behutsame Eingriffe seien Teil eines Konzepts, das Alt und Neu bewusst miteinander verbindet.

Steinerne Zeitzeugen: Zwischen den beiden Türöffnungen ist eine Säule zu sehen, die mit weiteren dieser Säulen einst eine Deckenkonstruktion getragen hat. Foto: Team Bauforschung, LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland/pp/Agentur ProfiPress
Steinerne Zeitzeugen: Zwischen den beiden Türöffnungen ist eine Säule zu sehen, die mit weiteren dieser Säulen einst eine Deckenkonstruktion getragen hat. Foto: Team Bauforschung, LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland/pp/Agentur ProfiPress

Architektin Margret Riggert setzt dabei auf eine klare gestalterische Sprache. Das neue Bauteil auf dem historischen Mauerwerk soll als solches erkennbar bleiben und sich zugleich sensibel in den Bestand einfügen. Geplant ist ein Holzständerbauwerk mit Cortenstahl-Verkleidung, das sich optisch absetzt und leicht zurückspringt. So bleibt ablesbar, was historische Substanz ist und was als zeitgenössische Ergänzung neu gedacht wurde.

Dazu kommen besondere Wohnqualitäten: eine Dachterrasse, viel Licht, ein zurückgesetzter Wintergarten und sogar bepflanzte Bereiche, die dem Gebäude eine eigene Atmosphäre verleihen sollen. Regenwasser soll aufgefangen und für die Begrünung genutzt werden.

Das Potenzial für einen außergewöhnlichen Wohnraum ist auf der Baustelle bereits spürbar. Allerdings haben die Verantwortlichen noch einen Berg Arbeit vor sich. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress
Das Potenzial für einen außergewöhnlichen Wohnraum ist auf der Baustelle bereits spürbar. Allerdings haben die Verantwortlichen noch einen Berg Arbeit vor sich. Foto: Ronald Larmann/pp/Agentur ProfiPress

Für Landeskonservatorin Dr. Andrea Pufke ist genau das der richtige Ansatz: „Bei einem solchen Projekt ist es entscheidend, gemeinsam gute Lösungen zu finden. Ich möchte Herrn Ratz und seiner Frau ausdrücklich dafür danken, dass sie sich für diesen Weg entschieden haben. Das ist nicht selbstverständlich.“ Für Kallmuth bedeutet diese Entscheidung, dass hier ein ungewöhnlicher Wohnraum mit Blick in die Geschichte und zugleich in die Zukunft entsteht. Und die künftigen Mieter können sich darauf freuen, in einem atmosphärischen Geschichtsbuch aus Stein zu wohnen.

pp/Agentur ProfiPress

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