Bauforschung entschlüsselt jahrhundertealte Spuren im Mauerwerk der Burg Kallmuth, während Bauherren, Architektin und städtische Denkmalpflege gemeinsam Lösungen für eine moderne Nutzung finden – Landeskonservatorin machte sich vor Ort ein Bild dieses außergewöhnlichen Projekts
Mechernich-Kallmuth – Eine Wand wie Knäckebrot: schmal, nachträglich eingesetzt, kaum mit dem übrigen Mauerwerk verzahnt und ohne richtiges Fundament. Was auf der Denkmalbaustelle der Burg Kallmuth augenzwinkernd so genannt wird, wie die schwedische Brotspezialität, ist in Wahrheit ein überaus spannender Befund der Sanierung des mittelalterlichen Burgturms. Dr. Kristin Dohmen von der Abteilung Bauforschung des LVR-Amtes für Denkmalpflege im Rheinland (LVR-ADR) gerät regelrecht ins Schwärmen, wenn sie von dem Projekt spricht.

Wie komplex diese Mauer ist, zeigt sie bei einem Ortstermin auf ihrem Tablet: Die Markierungen in einer Fotografie der Wand zeichnen ehemalige Tür- und Torbögen nach, kleine Öffnungen verraten, wo einst Balken verankert waren, und unterschiedliche Steinformate erzählen von mehreren Bauphasen. Schnell wird klar: Die Wand ist ein statisches Bauteil mit ganz vielen Herausforderungen für die heutige Sanierung und sie ist zugleich ein Geschichtsbuch aus Stein.

Davon überzeugte sich jetzt auch die Landeskonservatorin und Leiterin des LVR-ADR, Dr. Andrea Pufke, die sich einmal im Monat bewusst Zeit nimmt, um die von ihrem Team betreuten Projekte vor Ort zu besuchen. Mit dabei waren auch Mechernichs Bürgermeister Michael Fingel, Bauherr Peter Ratz, Architektin Margret Riggert sowie Janine Deinzer von der Unteren Denkmalbehörde der Stadt.
Im Fokus steht die Revitalisierung eines mittelalterlichen Turmes, der lange ungenutzt war und nun wissenschaftlich untersucht, denkmalgerecht ertüchtigt und für eine Wohnnutzung vorbereitet wird. Was heute wie eine ambitionierte Baustelle wirkt, ist aus Sicht der Fachleute ein echter Glücksfall.

Eine beeindruckende Zeitkapsel
Dr. Kristin Dohmen sprach von einer „Zeitkapsel“: „Wir haben hier Geschichtsspuren vom 13. Jahrhundert bis 1525.“ Das Besondere sei, dass die Baugeschichte an diesem Punkt praktisch aufhöre. Während andernorts immer weiter umgebaut worden sei, habe sich hier ein außergewöhnlich frühes bauliches Zeugnis nahezu unberührt erhalten. „Diese Geschichtsspuren stecken in den Steinen, in der Bausubstanz“, so Dohmen.

Gerade weil Schrift- und Bildquellen nur begrenzt Auskunft geben, kommt der bauhistorischen Forschung eine Schlüsselrolle zu. Aus dem Mauerwerk lesen die Fachleute unterschiedliche Bauphasen ab, rekonstruieren frühere Raumwirkungen und schaffen so die Grundlage für die heutige Planung. So wurde etwa nachgewiesen, dass sich im Eingangsbereich einst eine repräsentative Gewölbehalle befand. Wer das Burghaus betrat, stand demnach nicht einfach in einem Zweckbau, sondern in einem architektonisch anspruchsvoll gestalteten Raum.

Solche Erkenntnisse sind keine Nebensache, sondern entscheidend für die Sanierung. Denn nur wer die Baugeschichte versteht, kann gute Entscheidungen für die Zukunft treffen: Wo können und dürfen neue Decken eingezogen werden? Welche Spuren sollen sichtbar bleiben? Was ist dem späteren Wohnen zumutbar und was muss aus konstruktiven Gründen verändert werden?
Janine Deinzer betonte, genau deshalb gebe es in Kallmuth ungewöhnlich viele und eng abgestimmte Ortstermine. Immer wieder seien neue Fragen aufgetaucht, neue Befunde sichtbar geworden und Lösungen gemeinsam entwickelt worden. Die Kommunikation zwischen Bauherrenschaft, Stadt, Planerin und LVR sei deshalb engmaschig und lösungsorientiert gewesen.

Auch Landeskonservatorin Dr. Andrea Pufke hob diese Zusammenarbeit ausdrücklich hervor: „Damit man da einfach gemeinsam gute Lösungen findet, ist das hier wirklich ein Glücksfall gewesen und auch absolut notwendig, richtig und gut.“ Nicht auf jeder Denkmalbaustelle sei eine so enge Begleitung nötig. „Aber bei so einem Gebäude, das dieses Alter aufweist und so komplex ist, war das genau der richtige Weg.“
Alte Mauern, neue Perspektiven
Bauherr Peter Ratz, der das Projekt gemeinsam mit seiner Frau Dr. Stephanie Zippel umsetzt, schilderte offen, wie anspruchsvoll die Sanierung ist. Was zunächst nach einem reizvollen Vorhaben mit historischer Kulisse aussah, entwickelte sich schnell zu einem komplexen Bauprojekt mit statischen, finanziellen und denkmalpflegerischen Herausforderungen. Umso wichtiger sei die Unterstützung durch die Beteiligten gewesen.

Ratz fand dafür deutliche Worte: „Die Stadt Mechernich und speziell die Denkmalpflege haben mich immer wieder ermutigt. Die haben mich teilweise angerufen, haben gesagt: ‚Herr Ratz, lassen Sie uns weitermachen’.“ Gerade in schwierigen Phasen sei spürbar gewesen, dass hier eben nicht abgeblockt, sondern mit an praktikablen Lösungen gearbeitet werde.
Auch Bürgermeister Michael Fingel nahm diesen Gedanken beim Ortstermin auf. Ihn faszinierte vor allem, dass aus einer oft als schwierig empfundenen Materie etwas Positives entstehen könne. Er dankte ausdrücklich seinem Team im Rathaus: „Ich höre häufiger, dass wir in Mechernich eher lösungsorientiert unterwegs sind und das freut mich natürlich auch zu hören.“ Genau so solle die Verwaltung wahrgenommen werden: „Dass wir versuchen, Lösungen zu finden und keine Probleme zu schaffen.“

Denkmal und Moderne im Einklang
Am Ende soll im Turm kein musealer Schauraum entstehen, sondern ein außergewöhnlicher Wohnort. Geplant ist eine Mietwohnung mit ganz eigener Atmosphäre in historischem Gemäuer, aber mit moderner Technik. Vorgesehen sind unter anderem Fußbodenheizung, Wärmepumpe und Photovoltaik. Das Projekt zeigt damit auch beispielhaft, dass energetische Ertüchtigung und Denkmalschutz kein Widerspruch sein müssen.
„Es geht“, machte Janine Deinzer deutlich. Man müsse die bauphysikalischen Prinzipien verstehen und beachten, dann lasse sich auch ein Denkmal zeitgemäß weiterentwickeln. Die Innendämmung, moderne Haustechnik und behutsame Eingriffe seien Teil eines Konzepts, das Alt und Neu bewusst miteinander verbindet.

Architektin Margret Riggert setzt dabei auf eine klare gestalterische Sprache. Das neue Bauteil auf dem historischen Mauerwerk soll als solches erkennbar bleiben und sich zugleich sensibel in den Bestand einfügen. Geplant ist ein Holzständerbauwerk mit Cortenstahl-Verkleidung, das sich optisch absetzt und leicht zurückspringt. So bleibt ablesbar, was historische Substanz ist und was als zeitgenössische Ergänzung neu gedacht wurde.
Dazu kommen besondere Wohnqualitäten: eine Dachterrasse, viel Licht, ein zurückgesetzter Wintergarten und sogar bepflanzte Bereiche, die dem Gebäude eine eigene Atmosphäre verleihen sollen. Regenwasser soll aufgefangen und für die Begrünung genutzt werden.

Für Landeskonservatorin Dr. Andrea Pufke ist genau das der richtige Ansatz: „Bei einem solchen Projekt ist es entscheidend, gemeinsam gute Lösungen zu finden. Ich möchte Herrn Ratz und seiner Frau ausdrücklich dafür danken, dass sie sich für diesen Weg entschieden haben. Das ist nicht selbstverständlich.“ Für Kallmuth bedeutet diese Entscheidung, dass hier ein ungewöhnlicher Wohnraum mit Blick in die Geschichte und zugleich in die Zukunft entsteht. Und die künftigen Mieter können sich darauf freuen, in einem atmosphärischen Geschichtsbuch aus Stein zu wohnen.
pp/Agentur ProfiPress
04/16/2026
