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Kerstin Rottland

03/17/2026

Lesung mit Gänsehautfaktor

Jennifer Teege las in der Kommerner Pfarrkirche St. Severinus: – Rund 350 Gäste lauschten der Enkelin von KZ-Kommandant Amon Göth – Autorin folgte einer Einladung des Arbeitskreises

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Jennifer Teege las in der Kommerner Pfarrkirche St. Severinus: – Rund 350 Gäste lauschten der Enkelin von KZ-Kommandant Amon Göth – Autorin folgte einer Einladung des Arbeitskreises   „Forschen – Gedenken – Handeln“ – Berührende Ein- und Ausstimmung durch Nicole Besse und Erik Arndt – Büchereiteam bewirtete die Gäste im Pfarrheim mit provenzalischem Wein

Mechernich-Kommern – „Wie geht es Ihnen heute?“, „Was hat Ihnen bei der Verarbeitung geholfen?“, Wie sieht das Verhältnis zu Ihrer Mutter inzwischen aus?“, Können Sie Ihrem Großvater jemals vergeben?“ – Es waren aufwühlende, teils mutige und auch extrem persönliche Fragen, die das Publikum am Sonntagnachmittag in der Kommerner Pfarrkirche an Jennifer Teege hatte. Mit ruhiger Stimme beantwortete die Autorin sie. – Alle!

Eins ist der Enkelin des sadistischen KZ-Kommandeurs Amon Göth (bekannt aus dem Film Schindlers Liste) besonders wichtig: „Ehrlichkeit.“ Das betont sie immer wieder. „Ich möchte authentisch sein und mich nicht verstecken.“ So habe sie es schließlich geschafft, sagt Jennifer Teege, „Dinge aufzuräumen, Transparenz zu schaffen und so etwas wie Heilung zu erfahren.“ Ihre Familiengeschichte habe sie nämlich im wahrsten Sinne krank gemacht. „Meine Depressionen kamen nicht von ungefähr. Und auch eine Autoimmunerkrankung, unter der ich leide, hat ihren Ursprung vermutlich in meiner ungewöhnlichen Lebensgeschichte.“

Mucksmäuschenstill wurde es in der Kommerner Pfarrkirche, als Jennifer Teege ihre Brille aufsetzte und zu lesen begann. Foto: Kerstin Rottland/pp/Agentur ProfiPress
Mucksmäuschenstill wurde es in der Kommerner Pfarrkirche, als Jennifer Teege ihre Brille aufsetzte und zu lesen begann. Foto: Kerstin Rottland/pp/Agentur ProfiPress

Ungewöhnlich. – Das Wort erscheint fast untertrieben, wenn man der Autorin und Mutter zweier Söhne zuhört. „Unfassbar“ trifft es schon eher.  In einer Hamburger Bibliothek hat Adoptivkind Jennifer Teege im Jahr 2008 rein zufällig ein Buch aus dem Regal gezogen, das von ihrer leiblichen Mutter handelte, die sie mit drei Jahren ins Heim gegeben habe. Titel: „Ich muss doch meinen Vater lieben, oder?“

„Monika Göth!?“, habe es sie wie ein Blitz durchzuckt. „Moment mal, dieser Name steht doch auch in meiner Geburtsurkunde …“ Und tatsächlich. Was der 38-Jährigen, die einen nigerianischen Vater hat unter anderem in Israel studierte, zunächst unfassbar erschien. – Es war die Wahrheit: „Ich bin die Enkelin eines bestialischen Nazi-Massenmörders.“ Von einer Sekunde auf die andere sei diese schockierende Erkenntnis ihr Gehirn gesickert. „Sofort wollte ich alles darüber wissen!“ Nach einer Zeit, in der sie praktisch Tag und Nacht in die dunkelsten Kapitel ihrer neu entdeckten Familiengeschichte abgetaucht war, und unter anderem nach Polen gereist, entschloss sich Jennifer Teege, ein Buch zu schreiben. Nicht zuletzt auch, um die Wahrheit besser zu verarbeiten.

Breites Interesse: Die Pfarrkirche St. Severinus war am späten Sonntagnachmittag gut gefüllt. Foto: Kerstin Rottland/pp/Agentur ProfiPress
Breites Interesse: Die Pfarrkirche St. Severinus war am späten Sonntagnachmittag gut gefüllt. Foto: Kerstin Rottland/pp/Agentur ProfiPress

 „Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen“ wurde ein Bestseller, nicht nur in Deutschland. Dem Engagement des Arbeitskreises „Forschen – Gedenken – Handeln“, bestehend aus Rainer Schulz, Elke Höver und dem Ehepaar Gisela und Wolfgang Freier ist es zu verdanken, dass die Hamburger Autorin daraus jetzt zum zweiten Mal auf Mechernicher Boden las. Diesmal in der Pfarrkirche St. Severinus Kommern, wo die gemeinsame Veranstaltung, unterstützt von der Katholischen Gemeinde um Pfarrer Robert Rego, auf große Resonanz stieß. Eine Kirche, so formulierte es die Euskirchener Geschichtslehrerin Elke Höver in ihren Begrüßungsworten, sei durchaus ein geeigneter Ort, um über Schuld, Vergebung und Neuanfang nachzudenken. Unübersehbar, dass die Veranstalter damit ins Schwarze getroffen hatte: Rund 350 Gäste wollten sich die Lesung von Jenniger Teege nicht entgehen lassen.

Das nur von wenigen Kerzen erleuchtete Gotteshaus war am späten Sonntagnachmittag derart gut besucht, dass so grade alle Besucher einen Sitzplatz bekamen. Trotz des gehörigen Andrangs herrschte absolute Stille, nachdem das hochkarätige Musik-Duo aus Erik Arndt am Piano und Dr. Nicole Besse (Violine) das Publikum mit einem gefühlvollen Musikstück auf das stellenweise beklemmende Thema des Abends eingestimmt hatte. Und Jennifer Teege ihre hellbraune Brille aufsetzte und mit ruhiger Stimme zu lesen begann.

Starkes Duo mit sensiblen Fingern: Erik Arndt am Piano und Nicole Besse an der Violine sorgten mit ihrem Spiel für Gänsehaut-Momente vor und nach der Lesung. Foto: Kerstin Rottland/pp/Agentur ProfiPress
Starkes Duo mit sensiblen Fingern: Erik Arndt am Piano und Nicole Besse an der Violine sorgten mit ihrem Spiel für Gänsehaut-Momente vor und nach der Lesung. Foto: Kerstin Rottland/pp/Agentur ProfiPress

Nach vier Kapiteln Lesung folgte eine Fragerunde, mit vielen – überraschend offenen – Statements aus dem Publikum. Mehr als nur eine Zuhörerin räumte ein, dass sie sich von Jennifer Teege inspiriert fühle, mit Geheimnissen in der eigenen Familie aufzuräumen, wie zum Beispiel mit der lange verschwiegenen Wahrheit über den Großvater, der im KZ umgekommen sei. Die Autorin aus Hamburg zeigte sich beeindruckt: „Ich bedanke mich für Ihre Offenheit, ich weiß, sowas fällt schwer.“ Die Wahrheit auszusprechen koste nun einmal Mut. Für diesen erhielt Jennifer Teege spontan Applaus, als sie betonte: „Obwohl ich viele, viele Freunde in Israel habe, möchte ich eins ganz klar feststellen: Ich bin kein Fan von Benjamin Netanjahu. 60 000 Opfer auf palästinensischer Seite sind mit nichts zu rechtfertigen!“

Auch abseits politischer Statements, erhielt Teege reichlich Zuspruch für ihre Haltung, stets ehrlich zu sein und dem eigenen Gewissen zu folgen. „Immer und in jeder Hinsicht!“ So habe sie zum Beispiel auch gelernt, dass sie sich an ihre Großmutter, Amon Göths Ehefrau, die sie in ihren ersten Lebensjahren im Kinderwagen stolz durch die Straßen geschoben habe, trotz allem liebevoll erinnern dürfe. „Ich würde mir zwar einen anderen Großvater wünschen. Aber immer wieder diese Großmutter.“

Eine lange Schlange hatte sich nach der Lesung vor dem Signiertisch der Autorin im vom Büchereiteam gemütlich eingedeckten Pfarrheim gebildet. Foto: Kerstin Rottland/pp/Agentur ProfiPress
Eine lange Schlange hatte sich nach der Lesung vor dem Signiertisch der Autorin im vom Büchereiteam gemütlich eingedeckten Pfarrheim gebildet. Foto: Kerstin Rottland/pp/Agentur ProfiPress

Nach dem kurzen Abschluss-Kapitel und einem anrührenden musikalischen Abschluss folgte tosender Applaus. Die gemeinsam mit der Pastoralen Einheit Bad Münstereifel und Veytal durchgeführte Lesung war für die Veranstalter ein voller Erfolg – was nicht zuletzt auch an der hohen Anzahl Besucher zu erkennen war, die anschließend noch ins benachbarte Pfarrheim strömte. Entweder, um sich eine Signatur der Autorin abzuholen, oder, um bei einem Gläschen Wein (oder Wasser) noch einmal über die bewegendsten Textpassagen zu diskutieren.

Die beiden Stapel auf dem Tisch von Bücher Schwinning aus Mechernich jedenfalls wurden zusehends niedriger. Und auch die von Weinhändler Jens Nowak gespendeten Flaschen Rot- und Weißwein, die auf den hübsch dekorierten Tischen stand, und von den Mitarbeiterinnen der Katholischen Bücherei ausgeschenkt wurde, leerten sich. Die Autorin selbst wirkte während des Signierens gelöst und sichtlich begeistert vom Interesse des hiesigen Publikums. Sehr zur Freude des Arbeitskreises „Forschen – Gedenken – Handeln“, der zur Organisation solcher und ähnlicher Aktivitäten im Sinne der Erinnerungskultur stets auf Spenden angewiesen ist. Damit auch einer dritten Lesung von Jennifer Teege auf Mechernicher Boden künftig nichts im Wege steht.  

pp/Agentur ProfiPress

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