In Memoriam „Feusers Griet“, eines der letzten (?) Mechernicher „Originale“ – Vom Wert der Selbstständigkeit aus Publikationen von Maria Schwer und Anton Koenen („Mechernicher Verzällche“) sowie Gabrielle Thumann-Langva aus dem Buch „Frauen. Auf dem Weg zur Gleichberechtigung“ des Kreisgeschichtsvereins
Mechernich – Ein bemerkenswert schönes und verträumtes Fachwerkhäuschen steht in Mechernich im Treppen-Ab- und Aufgang zwischen alter und neuer Pfarrkirche. „Villa Feuse Jret“ hat der Besitzer selbstironisch auf einen kleinen Aushangkasten am Gebäude gravieren lassen.

Nein, das Häuschen ist früher gewiss keine „Villa“ gewesen – dort wohnte Margareta Feuser, geboren 1879, verstorben 1963. Eine bemerkenswerte Frau, ein „Original“, wie die Rheinländer und Eifeler besonders originelle Zeitgenossen zu nennen pflegen.
Sie war Tochter eines Mechernicher Bergmanns und wuchs in einer Zeit auf, in der Arbeit kein Mittel zur Selbstverwirklichung war, sondern schlichte Notwendigkeit. Das Mechernicher Bleibergwerk bestimmte den Rhythmus des Ortes, den Alltag der Familien, die Grenzen des Denkbaren. Lohnarbeit bedeutete Abhängigkeit, Frauenarbeit blieb weitgehend unsichtbar. Bildung endete für viele Kinder früh – besonders für Mädchen.

Über Griets Kindheit ist wenig bekannt. Und doch sagt gerade dieses Schweigen viel. Sie teilte, wie anzunehmen ist, das Schicksal vieler Bergarbeiterkinder: frühe Mithilfe im Haushalt, wenig Schulbildung, kaum Wahlmöglichkeiten. Nach dem Tod des Vaters – sie war noch keine 14 Jahre alt – trug sie Verantwortung, statt Pläne zu schmieden. Dass sie nie heiratete, war keine Selbstverständlichkeit, sondern eine bewusste Entscheidung.
Kein Mann über die Schwelle
Später sagte man, sie habe „schlechte Erfahrungen gemacht“, was nichts Gutes erahnen lässt. Sie selbst formulierte es später knapp und endgültig so: „Ich doon de Kett op de Düer, bei mir kött keene erin.“ Lieber die Haustür mit einer Kette absperren, als einen Mann in die Wohnung lassen… Damit war alles gesagt.
Statt den Weg der abhängigen Hausarbeit zu gehen, entschied sich „Feuse Jriet“ für ein Leben als mobile Händlerin – ein Gewerbe am Rand der Gesellschaft, aber eines mit eigener Logik und Würde. Mehr als fünf Jahrzehnte lang zog sie durch Mechernich und die umliegenden Dörfer. Erst mit Hund und Handwagen, später mit Schubkarre, zuletzt mit Körben. Sie verkaufte, was sie selbst im Garten anbaute und herstellte, ergänzte durch Zukauf bei Bauern: Gemüse, Obst, Butter, Eier. Kein Laden, kein Schild, kein Kredit.

Ihre Arbeit folgte keiner Buchführung. Als der Steuerbeamte sie Jahrzehnte später fragte, ob sie Rechnungen oder Aufzeichnungen besitze, antwortete sie schlicht: „Dat bruch ich net. Dat machen ich alles em Kopp.“ Das war kein Widerstand gegen Ordnung und Obrigkeit, sondern Ausdruck einer anderen Ordnung. Eine, die auf Erfahrung beruhte, auf direkter Beziehung zwischen Anbieterin und Kundschaft, auf Vertrauen statt Formularen.
Der Beamte, zunächst misstrauisch, wurde ratlos. Schließlich wurde die Akte geschlossen – ein stilles Eingeständnis, dass nicht jedes Leben in Paragrafen und Verordnungen zu fassen ist.

Griet war keine arme Frau im klassischen Sinn. Sie lebte bescheiden, aber nicht kümmerlich. Sie bezahlte, was sie für richtig hielt, fragte regelmäßig nach, ob „auch alles beim Staat in Ordnung“ sei, selbst wenn sie faktisch nie steuerpflichtig war. Ordnung und Anstand waren ihr wichtig, Moral kein Lippenbekenntnis, sondern tägliche Praxis. Zeitzeugen erinnern sich daran, wie sie beim Bezahlen unter ihren Röcken nach dem Geld griff – nicht aus Unschicklichkeit, sondern aus Vorsicht. Ihre Börse trug sie dort, wo niemand sie erreichen konnte.
Romantik lag ihr fern. Als ein alter Bekannter sie Jahre später wiedertraf und in Erinnerungen schwelgen wollte, blieb sie sachlich, fast kühl. Nostalgie war ihr fremd. Vergangenheit war kein Ort zum Verweilen, sondern etwas, das man hinter sich ließ, um weiterzugehen.
Sie blieb wo und was sie war
Als sie alt wurde, wollte man ihr helfen. Die Gemeinde bot ihr einen Platz im Altersheim an, eine Erholungskur, kirchlichen Beistand. Sie lehnte ab. Nicht trotzig, sondern konsequent. „Wenn ich nemme kann, komme ich ad selver.“ Sie konnte lange. Und als sie nicht mehr konnte, blieb sie dennoch. Allein in ihrem kleinen Haus am Hang des Johannesbergs, zwischen neuer Pfarrkirche und altem Kirchhof – ein Ort, der sinnbildlicher kaum sein könnte.

Ihr Tod war so still wie ihr Leben. Zwei Tage vergingen, bis man sie fand. Sie lag angezogen im Bett. Keine Unordnung, keine offenen Rechnungen, keine Schulden. Ein Sparbuch mit einer Summe, die für das Nötigste reichte. Für ihre eigene Beerdigung. Mehr hatte sie nie gewollt.
Es ist verführerisch, solche Leben zu verklären. Doch Griet war kein Denkmal, kein Mythos, kein Opfer. Sie war eine Frau, die sich innerhalb enger historischer Grenzen einen Raum der Selbstbestimmung geschaffen hatte – gegen Widerstände, ohne Theorie, ohne Anspruch auf Bewunderung.

In einer Zeit, in der Selbstständigkeit oft mit Selbstausbeutung verwechselt wird, in der Alter schnell zur administrativen Kategorie wird und Würde an Formulare gebunden scheint, wirkt ein Leben wie ihres fremd. Vielleicht gerade deshalb ist es erinnerungswürdig. Feusers Griet war kein Vorbild im moralischen Sinne.
Aber sie war ein Maßstab. Ein Maßstab dafür, was es heißen kann, ein Leben zu führen, das niemandem zur Last fällt – und doch vielen im Gedächtnis bleibt. Und vielleicht ist das mehr, als man von sich selbst einmal wird sagen können.
pp/Agentur ProfiPress
03/09/2026
