31 junge Menschen aus zehn Ländern gestalteten beim 14. International Peace Camp in Vogelsang neue Bildungsangebote – Im Rotkreuz-Fluchthaus machten sie Krieg, Flucht und humanitäre Hilfe erfahrbar – Simon Jägersküpper: „In zwei Wochen kann sich unglaublich viel Denken verändern“
Vogelsang – Die erste Aufgabe steht auf einem Blatt Papier. Es ist eine Rede, allerdings fehlen entscheidende Passagen. Die Spielerinnen und Spieler sollen die Lücken füllen und die Ansprache anschließend als Vertreter des fiktiven Landes „Korana“ halten. Doch dafür müssen sie zunächst Hinweise finden, Rätsel lösen und Schlösser knacken. Dann öffnet sich die Tür zum nächsten Raum und zugleich der Blick auf das Leben in einer Stadt, die von Krieg und einem bewaffneten Konflikt geprägt ist.

Was nach einem gewöhnlichen Escape Room klingt, ist ein überarbeitetes Bildungsangebot im Rotkreuz-Fluchthaus auf dem Gelände von Vogelsang IP. Entwickelt und gebaut wurde es von 31 jungen Menschen aus Großbritannien, den USA, China, Griechenland, Irland, Kroatien, Chile, der Ukraine, Bulgarien und Deutschland. 16 Tage lang lebten und arbeiteten sie beim 14. International Peace Camp gemeinsam in Vogelsang.
Am letzten Tag wurde das neue Szenario dort getestet, wo sich einst 25 Hundeboxen der belgischen Streitkräfte befanden. Strom und Wasser gibt es in dem weitläufigen Gebäude bis heute nicht. Stattdessen führen Schlüssel-, Zahlen-, Buchstaben- und Richtungsschlösser durch Räume, die unter anderem eine zerstörte Schule, einen Hafen und ein beschädigtes Wohnhaus darstellen.

„Das Thema ist, einen Einblick zu bekommen, wie es ist, vor einem Krieg fliehen zu müssen“, erklärte Kris, der beim Roten Kreuz in Freiburg aktiv ist und über Instagram auf das Camp aufmerksam geworden war. Das neue Szenario zeige dabei zwei Seiten: Zunächst erlebten die Besucher die Situation der von Krieg betroffenen Menschen. Anschließend wechselten sie in die Perspektive der Helfer und lernten, wie das Rote Kreuz in bewaffneten Konflikten unterstützt.
Sieben Arbeitstage bis zum fertigen Szenario
Die jungen Erwachsenen entwickelten die Geschichte, diskutierten die Gestaltung und setzten ihre Ideen innerhalb von nur sieben Arbeitstagen um. Für einige sei es das erste Mal gewesen, dass sie einen Hammer oder eine Säge in der Hand hielten, berichtete Simon Jägersküpper, Geschäftsführer des Rotkreuz-Museums vogelsang ip. Am Ende müsse sich das Ergebnis jedoch auch praktisch bewähren.
„Erst beim Spielen zeigt sich, ob ein Rätsel zu schnell gelöst wird, ob noch eines fehlt oder ob wir etwas herausnehmen müssen, weil es zu lange dauert“, so Jägersküpper. Das Szenario werde deshalb gemeinsam mit dem Team weiter verfeinert.

Seit 2016 wird das Fluchthaus immer wieder neu gestaltet. Der aktuelle Aufbau ist bereits das zehnte Szenario. In diesem Jahr konzentrierten sich die Teilnehmenden auf Flucht als Folge von Krieg, ein Thema, das angesichts der weltweiten Konflikte besondere Aktualität besitzt.
Doch das praktische Arbeiten war nur ein Teil des Peace Camps. Jeder Tag begann mit einer „Morning Round“. Gemeinsam schauten die Teilnehmer auf den Vortag zurück und beschäftigten sich mit Themen wie Klimawandel, globaler Verantwortung oder der Arbeit der internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung.
Am Ende doch alle gleich
Dabei wurde deutlich, wie unterschiedlich die nationalen Rotkreuzgesellschaften organisiert sind. Gäste aus London hätten beispielsweise mit Erstaunen Rotkreuz-Zentrum in Euskirchen reagiert und darauf, wie das DRK in die kommunalen Strukturen eingebunden ist. Zugleich erlebten die jungen Menschen, was sie über Ländergrenzen hinweg verbindet.
„Man sieht, wie unterschiedlich das Rote Kreuz weltweit arbeitet und dass trotzdem alle dieselben Grundsätze haben“, sagte Jägersküpper. Es gehe um kulturelle Unterschiede, verschiedene Lebensrealitäten und schließlich um die Erkenntnis, „dass wir am Ende eigentlich doch alle gleich sind“.

Auch das Zusammenleben gehörte bewusst zum Konzept. Mehrbettzimmer, gemeinsam kochen, spülen und den Alltag organisieren: Jägersküpper beschrieb die Unterkunft augenzwinkernd als „Jugendherberge minus einen Stern“. Gerade dieser einfache Rahmen lasse aus zunächst fremden Menschen schnell eine Gemeinschaft werden.
„Das ist im Prinzip eine große Familie mit Menschen, die sich vorher nicht kannten“, so Jägersküpper. Es entstünden Freundschaften, die lange über das Camp hinaus Bestand hätten. Noch Jahre später meldeten sich ehemalige Teilnehmer in den sozialen Netzwerken und bezeichneten den Aufenthalt in Vogelsang als die besten zwei Wochen ihres Lebens.
„Wir sind wie eine große Familie“
Das bestätigten auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer
des diesjährigen Camps. Daniela war bereits zum siebten Mal dabei. „Jeder bringt etwas anderes mit. Die Menschen machen dieses Camp aus“, sagte sie. Besonders wertvoll sei es, Personen aus unterschiedlichen Kulturen kennenzulernen und von ihren Erfahrungen zu profitieren.
Für Despina aus Athen war es hingegen das erste Peace Camp. Die ehrenamtliche Helferin des Griechischen Roten Kreuzes wollte Deutschland kennenlernen und zugleich mit Rotkreuz-Freiwilligen aus anderen Ländern zusammenkommen. Besonders beeindruckt zeigte sie sich von der Beschäftigung mit der deutschen Geschichte und von der Gemeinschaft: „Wir finden zueinander, obwohl wir nicht dieselbe Sprache sprechen. Wir sind hier wie eine große Familie.“

Auf die Frage, was sie aus Vogelsang mit nach Griechenland nehme, antwortete Despina: „Die Liebe und die Freude, die ich in diesem Camp erfahren habe.“
Zum Programm gehörten auch Ausflüge nach Bonn, Köln und Aachen sowie die Auseinandersetzung mit der Geschichte Vogelsangs und der deutsch-belgischen Grenzregion. Außerdem arbeiteten die jungen Menschen am Friedenspfad hinter der Rotkreuz-Akademie. Dort sind Botschaften zur Frage „Was bedeutet Frieden für mich?“ zu sehen. Weitere Beiträge wurden digitalisiert, neue Tafeln vorbereitet und der Weg mit rund zehn Kubikmetern Hackschnitzeln instand gesetzt.
14 Jahre gelebte Völkerverständigung
Das Internationale Peace Camp findet seit 14 Jahren statt. In den ersten drei Jahren arbeitete das Rote Kreuz dabei mit internationalen Workcamp-Organisationen zusammen, bevor es das Format in eigener Regie weiterentwickelte. Rund 90 Prozent der Teilnehmenden engagieren sich beim Roten Kreuz oder beim Roten Halbmond. Manche erfahren über soziale Medien und persönliche Kontakte von dem Camp. Andere werden von ihren nationalen Gesellschaften in Auswahlverfahren bestimmt und als Botschafter nach Vogelsang entsandt.

Seit dem vergangenen Jahr ist das Rotkreuz-Museum Vogelsang ip offiziell Veranstalter. Finanziert wird das Camp vor allem aus Mitteln des Kinder- und Jugendförderplans des Landes Nordrhein-Westfalen, die über den Landschaftsverband Rheinland beantragt werden. Die jährliche Finanzierung bleibe dennoch eine Herausforderung, erklärte Jägersküpper.
Für ihn ist das Camp derweil eine Investition in Völkerverständigung und eine offenere Gesellschaft: „Wo sich in zwei Wochen so viel Denken verändern kann, das ist schon Wahnsinn.“ Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nähmen ihre Erfahrungen mit in ihre Heimatländer und trügen sie dort weiter, manche später sogar in verantwortlichen Positionen innerhalb der internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung. Jägersküpper fasste die 16 Tage mit fünf Begriffen zusammen: „Spannend, herausfordernd, aufregend, interessant und weltbildverändernd.“
Weitere Informationen und Buchung unter www.rkavio.de
pp/Agentur ProfiPress
09/03/2026

