Kirmes und historischer Handwerkermarkt verbanden ausgelassenes Feiern mit lebendiger Tradition – Steinmetzmeisterin Ulrike Glaubitz enthüllte Gerichtssäule
Mechernich-Kommern – Beim Entenangeln war eine ruhige Hand gefragt, auf dem Autoscooter durfte es etwas turbulenter zugehen. Zwischen Fachwerkhäusern lockten derweil handgefertigte Schätze und Leckereien und Blasmusik der Greesberger Musikanten begleiteten einen besonderen Moment: Kommern bekam seine Gerichtssäule zurück. Mit der Enthüllung der originalgetreuen Nachbildung durch Steinmetzmeisterin Ulrike Glaubitz vom örtlichen LVR-Freilichtmuseum erhielten Kirmes und historischer Handwerkermarkt einen Höhepunkt, der weit über die Festtage hinaus sichtbar bleiben wird.

Zum 39. Historischen Handwerkermarkt gehörten rund 75 Aussteller entlang der Kölner Straße und der Gielsgasse sowie in und um die Bürgerhalle. Conny Jaeck und Jil Schomer hatten den Markt organisiert, der traditionelle Handwerksvorführungen mit Kunsthandwerk und vielen Gelegenheiten zum Stöbern verband. Schmieden, Drechseln und die Verarbeitung von Flachs standen ebenso auf dem Programm wie der persönliche Austausch mit den Menschen hinter den Werkstücken.

Wie vielfältig das Angebot war, zeigte ein Bummel entlang der Stände: Schmuck, Seifen, Vasen, Basteleien und Kunstarbeiten wechselten sich mit Käse, Brezeln und süßen Versuchungen ab. Wer eine Pause brauchte, fand Erfrischungen, Reibekuchen oder gefüllte Champignons. Popcorn und Süßigkeiten gehörten ebenso zum Fest wie Karussellfahrten, Pfeilewerfen und der Versuch, beim Luftballonwerfen einen Treffer zu landen. Das DRK war ebenfalls vor Ort und passte auf, dass bei aller Feierfreude Hilfe bereitstand.

Für das Kirmesprogramm hatten das Vereinskartell Kommern und die „Söhne Kommerns“ gesorgt. Es reichte vom traditionellen Herausholen der Kirmes über die Partys mit DJ Steff und „Flashback“ im Festzelt bis zur Kinderparty mit Uwe Reetz. Hochamt und Kranzniederlegung gehörten ebenso dazu wie der abschließende Kirmesmontag mit Frühschoppen, Schockturnier, den Greesberger Musikanten, der Vorstellung der neuen Tollität und der Kirmesverbrennung.
Über 200 Stunden Arbeit
Zuvor allerdings versammelten sich zahlreiche Schaulustige neben dem Kriegerdenkmal an der Ecke Kölner Straße/Kirchberg. Die Greesberger Musikanten sorgten für einen feierlichen, musikalischen Rahmen. Ortsbürgermeister Rolf Jaeck begrüßte unter anderem den stellvertretenden Landrat Ralf Claßen, Bürgermeister Michael Fingel, Museumsdirektor Dr. Casten Vorwig und Mitorganisator Wolfgang Abel. Sein besonderer Dank galt allerdings der Frau, die das neue alte Schmuckstück im Herzen des Ortes geschaffen hatte: „Herzlichen Dank“, sagte Jaeck zu Ulrike Glaubitz.

„Mit der Enthüllung dieser Gerichtssäule kehrt ein besonderes Stück unserer Ortsgeschichte an seinen angestammten Platz zurück“, freute sich auch der Mechernicher Bürgermeister Michael Fingel. Dass dies ausgerechnet zur Kirmes und zum Handwerkermarkt geschehe, passe hervorragend: „Denn Kommern steht für gelebte Tradition. Für das Handwerk, für die Gemeinschaft und für eine lebendige Ortsgeschichte.“ Besonders die mehr als 200 Stunden Arbeit der Steinmetzmeisterin verdienten „ganz große Anerkennung“.

Die rund 2,30 Meter hohe Nachbildung mit Kugelabschluss entstand aus drei Sandsteinblöcken aus dem Kylltal. Knapp eine Tonne Stein wurde von Hand bearbeitet. Den symbolischen ersten Schlag hatte Rolf Jaeck rund ein Jahr zuvor im Beisein des damaligen Bürgermeisters Dr. Hans-Peter Schick im Museum gesetzt. Danach übernahm Glaubitz: Mit Spitzeisen, Zahneisen und passgenauen Schablonen arbeitete sie die Form des historischen Vorbilds heraus. Interessierte Museumsbesucher konnten ihr dabei über die Schulter schauen und verfolgen, wie aus dem Material Schritt für Schritt eine Säule wurde.
Viele Hände und Herzen
Für die Steinmetzmeisterin war von Anfang an klar, dass zu diesem besonderen Zeugnis der Ortsgeschichte auch ein Stein aus der Region gehören sollte. Die Schönheit liege schließlich „vor der Haustür“, erklärte sie. Mindestens ebenso wichtig wie das Material waren die Menschen, die mit anpackten. Im Verlauf der Arbeit sei die Säule für sie zu einem Zeichen der Gemeinschaft geworden: „Wenn man gemeinsam ein Ziel hat, kann man es auch erreichen.“ Das habe sich bei den Organisatoren ebenso gezeigt wie unter den Kolleginnen und Kollegen im Museum.

Glaubitz dankte ihnen für praktische Hilfe und neue Blickwinkel auf die Arbeit. Bei aller Präzision und Geduld fehlte ihr auch die Selbstironie nicht: „Denn ich bin zwar die Bekloppte, die auf dem Stein rumhaut, aber ohne die lieben Kollegen hätte ich es nicht geschafft.“
Wie viel gemeinsamer Einsatz in der Rückkehr steckt, machte auch Bürgermeister a. D. Dr. Hans-Peter Schick deutlich. Vom Wunsch nach einer neuen Gerichtssäule sei er sofort begeistert gewesen. „Ich bin sehr stolz darauf, dass ein Stück Kommern zurückgekehrt ist“, sagte er. Besonders würdigte Schick Wolfgang Abel, der Unterstützung für das Projekt gewonnen und unter anderem einen Kommerner Unternehmer für den Aushub des Fundaments gefunden hatte. Auch Rolf Jaeck war in das Vorhaben eingebunden.

Die Stadt Mechernich übernahm die Materialkosten, das Freilichtmuseum die Herstellung. Bürgermeister Fingel dankte außerdem ausdrücklich dem Bauhof für die tatkräftige Hilfe bei der Realisierung.
Geschichte erleben
Warum diese Säule für Kommern so viel bedeutet, erläuterte Museumsleiter Dr. Carsten Vorwig mit einem Blick in die Geschichte. Sie stand einst als sichtbares Zeichen für die örtliche niedere Gerichtsbarkeit unter der Herrschaft der Arenberger. Schultheiß und Schöffen sprachen Recht; bei besonderen Anlässen konnte das Gericht auch öffentlich im Ort zusammentreten. Mit dem Einmarsch der Franzosen 1794 verlor die Säule ihre ursprüngliche Funktion. Als Zeugnis der Vergangenheit blieb sie jedoch noch lange im Ortsbild erhalten.

Ende der 1960er-Jahre kam das beschädigte historische Vorbild ins Freilichtmuseum. Weil eine Rückgabe des inventarisierten Museumsexemplars nicht möglich war, entstand der Plan für die Nachbildung. So bleibt das historische Stück geschützt, während die neue Säule wieder an die Geschichte an ihrem früheren Standort erinnert.

„Neu ist die Gerichtssäule in ihrer materiellen Gestalt. Alt sind die Geschichte, die Bedeutung und die Erinnerungen, für die sie steht“, brachte der Museumsleiter den Gedanken auf den Punkt: „Geschichte lebt nicht nur in Büchern, Archiven oder Museen. Sie lebt auch im Ortsbild.“ Eine Infotafel soll künftig zusätzlich die Geschichte hinter der Säule erläutern. Bürgermeister Michael Fingel wünschte sich, dass viele Menschen dort künftig stehen bleiben, Fragen stellen und sich für die Ortsgeschichte interessieren. An jenem Kirmeswochenende gab es dafür reichlich Gelegenheit.
pp/Agentur ProfiPress
10/29/2026

